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Berlin vertraulich!: Big Mac oder Wackeldackel

Rund um Kanzlerin Merkel ist es einsam, last man standing aus der Riege der konservativen Provinzfürsten ist David McAllister. Kein Wunder, dass er schon ausgiebig bespöttelt wird.

Von Hans Peter Schütz

Christian Lindner, der liberale Lordsiegelbewahrer aus Nordrhein-Westfalen, ist ein mutiger Mann. Wagt er sich demnächst doch auf die Motoryacht des FDP-Rebellen von der Waterkant. Wolfgang Kubicki, der vor nichts und niemandem in seiner Partei zurückschreckt, nicht einmal vor einer Partei Golf mit Ex-Parteichef Guido Westerwelle, ist ein wilder Kapitän: Sein Schiff, das natürlich "Liberty" heißt, ist ein 300-PS-Boot vom Typ "Kiel Classic", maximal 30 Knoten schnell. Und Kubicki, flüstern seine Freunde, fährt Boot wie er Politik macht. Lässt es also richtig krachen. Braust zuweilen mit 55 Stundenkilometer übers Wasser, und landet in ein paar Minuten auf der gegenüber liegenden Seite der Kieler Förde in Laboe. So lebt er das politisch zuweilen behinderte Freiheitsgefühl auf dem Wasser aus. Gelegentlich erwischt ihn, wie Kubicki einräumt, die Wasserschutzpolizei und verdonnert ihn wegen zu schnellen Fahrens zu einem Strafzettel. Hoffentlich geht alles gut, wenn er mit Lindner von seinem Heimathafen Strande aus nach Laboe zu einer Fischbude brettert, wo sie den Liberalen gerne mit Gegrilltem bewirten. "Das ist Lebensqualität!" sagt Kubicki.

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Einer aus der liberalen Führungsriege hat - fünf Prozent hin, fünf Prozent her - offenkundig seinen Optimismus noch nicht verloren. Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel. Er sagte der "Leipziger Volkszeitung": "Als Entwicklungspolitiker bin ich in der FDP genau richtig, denn auch dort entwickelt sich einiges." Er sei mit seinem Politikfeld "2009 in der Kuschelecke gestartet, jetzt erreichen wir mehr und mehr die Mitte der Gesellschaft und gewinnen sie für eine zukunftsorientierte internationale Politik". Das gelte für die FDP genauso. Man werde weiter klar in der liberalen Sache bleiben. "Und wir werden das letzte Jahr dieser Legislatur intensiv nutzen, um die zahlreichen Erfolge der FDP in dieser Bundesregierung besser für die Menschen sichtbar zu machen. Damit konzentrieren wir uns auf unsere Stärken - das werden die Menschen bei der Wahl honorieren." Aha.

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Einige in der FDP, vor allem in der Umgebung von Noch-Parteichef Philipp Rösler, befürchten, dass die gemeinsame Bootstour von Kubicki und Linder zu erheblichen politischen Konsequenzen führt. Denn für Kubicki ist Lindner "ein Juwel der Partei." Rösler hingegen dürfte er, wie er einmal gesagt hat, eher zu jenen Protagonisten in der Partei zählen, "die keinen Arsch in der Hose haben." Kubicki selbst ist zu dieser Spezies nicht zu zählen. Er hat im stern erkennen lassen, dass er bei der nächsten Wahl für den Bundestag kandieren könnte. Und dies, obwohl er einmal prognostiziert hatte, in Berlin würde er zum "Hurenbock" und "Trinker" werden. *

Ob Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) die Landtagswahl in Niedersachsen gegen Ministerpräsident David McAllister (CDU) Anfang nächsten Jahres gewinnen wird, ist völlig offen. In Umfragen liegen die Konservativen derzeit fünf Prozent vor den Sozialdemokraten. Aber auf gute Sprüche versteht sich Weil. So sagte er über McAllister: "Er ist ein Wackeldackel auf Angela Merkels Heckablage". Soll heißen: Er nickt alles ab, was die Kanzlerin vorgibt. Auch der zweite Spott, der über McAllister kursiert, ist wenig schmeichelhaft: Der Schotte sei "Merkels Big Mac".

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Voller Spannung wartete das politische Berlin darauf, welche neue Brille FDP-Chef Philipp Rösler präsentieren würde. Die alte war dieser Tage nämlich kaputt gegangen. Die Frage war: Würde auch er das randlose Modell durch ein schweres schwarzes Horngestell ersetzen? Dieser Trend zur rein optischen Profilbildung hat in der Spitzenpolitik auf ungeahnte Weise um sich gegriffen. Nach Frank-Walter Steinmeier (SPD), Guido Westerwelle (FDP) und Alexander Dobrindt (CSU) zeigte sich jüngst Christian Wulff (CDU) mit kurzen Haaren und schwarzer Hornbrille in seiner neuen Funktion als "Altbundespräsident". Rösler jedoch kreuzte auf der Kabinettsitzung vergangenen Mittwoch, die er in Vertretung der Kanzlerin leiten durfte, mit einer "Light"-Variante auf: ein schlichtes Metallgestell, silberne Bügeln und schmale schwarze Ränder. Ob das reicht, um in die Reihe der Charakterköpfe aufzurücken?

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Es sollen dieser Tage viele Bundestagsabgeordnete mit fröhlichen Gesichtern gesehen worden sein. Grund: das Urteil des Verfassungsgerichts zum Wahlrecht. Denn das bedeutet, dass sich nicht länger mit vorzeitigen Neuwahlen drohen lässt. Eben weil es (noch) kein verfassungsgerechtes Wahlrecht gibt. In der CDU freut man sich ganz besonders, schließlich dürfte das Urteil auch CSU-Chef Horst Seehofer ausbremsen, der am laufenden Meter mit Koalitionsbruch droht.

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Ist Berlin wirklich eine Weltstadt, so wie sie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gerne verkauft? Zuweilen macht sie einen sehr provinziellen Eindruck. In der Hauptstadt gibt es einige wenige Droschken mit Haflingern. Als vor kurzem ein Pferdegespann warten musste, weil eine Ampel Rot zeigte, konnte ein Pferd nicht mehr an sich halten, und äpfelte auf den Boulevard. Der Kutscher konnte den Mist aber nicht mehr entfernen, da Grün kam und er weiterfahren musste, um nicht den Verkehr zu blockieren. Wäre er ausgestiegen, hätten die Pferde durchgehen können. Die Polizei jedoch kannte keine Pferdeliebe: Sie brummte dem Kutscher ein Bußgeld auf wegen Verunreinigung und will ihm jetzt auch noch einen Strafpunkt in der Flensburger Verkehrssünderkartei aufbrummen. Wer einmal erlebt hat, wie sich Radfahrer in Berlin benehmen, kann sich über die harte Strafe nur wundern. Tierlieb ist Berlin jedenfalls nicht.