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Berlin vertraulich!: Der Präsident tanzt, die Kanzlerin schwänzt

Bundeskanzlerin Merkel bleibt wieder mal dem Bundespresseball fern. Da kann der Bundespräsident umso ausgelassener tanzen. Einem FDP-Politiker ist der Spaß am Feiern hingegen vergangenen.

Von Hans-Peter Schütz

Um jeden Euro streite sich Polit-Berlin die nächsten Tage. Die Haushaltswoche läuft und es wird allenthalben Politik ohne Samthandschuhe gemacht. Spätestens jedoch am Freitagabend dreht man sich mit überparteilich strahlenden Gesichtern auf dem Bundespresseball, dem 59. schon. Da muss Bundespräsident Christian Wulff als Erster im Hotel Interconti ran. Walzer drehen mit Ursula Gößling, der Frau des Vorsitzenden der Bundespressekonferenz. Und Bettina Wulff schwebt mit Werner Gößling übers Parkett. 2500 Gäste aus Politik, Presse und Wirtschaft werden die präsidialen Auftritte beobachten. Es handelt sich bei dem Dreivierteltakt-Dreher immerhin um eine Welturaufführung. Dani Felber, Bandleader der Bundespresseball Big Band, hat extra einen neuen Walzer komponiert. Stargast ist an diesem Abend die Band Ich+Ich.

Die Bundeskanzlerin fehlt wie schon immer, sie zieht "andere kulturelle Höhepunkte" vor. In der Tat, mit Bayreuth kann sich der Bundespresseball nicht messen. Der kostet, so man nicht Journalist ist, zwischen 350 und 590 Euro; Wagner gibt es billiger. Trotzdem ist der Ball seit langem ausverkauft. Zugesagt haben die CSU-Minister Ilse Aigner und Peter Ramsauer, die FDP-Ressortleiter Rainer Brüderle, Dirk Niebel und Philipp Rösler. Ob Außenminister Guido Westerwelle mit seinem Lebensgefährten Michael Mronz antritt ist offen. Die Sozen-Spitze fehlt geschlossen, wobei man Andrea Nahles verstehen kann, denn bald kommt ihr Mädchen auf die Welt. In Partylaune sind natürlich die Grünen, die mit Renate Künast, Cem Özdemir und Claudia Roth antreten. Schließlich lautet das Ballmotto "Motivationen" - und wer hat schon mehr Aufschwung zu bieten als Grüns?

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Der grüne Parteitag in Freiburg lief ja so reibungslos wie noch kein anderer zuvor. Gut, Renate Künast durfte sich mit Bionade stärken, aber ansonsten hatte Cem Özdemir den Trink-Kurs vorgegeben: "Kein Parteitag mit Ökosekt und Bio-Bier!" Wenigstens die grüne Jugend zeigte noch einen Hauch Widerstand gegen die Parteiführung: Sie warben für "Wodka-Waldmeister," ihr Spezialgetränk. Gut aufgelegt waren die Grünen in Freiburg auch aus ganz anderem Grund. Harsch wie nie zuvor waren sie zuvor auf dem CDU-Parteitag von der Kanzlerin abgebürstet und als potentieller Koalitionspartner abserviert worden. Niemals wieder also Schwarz-Grün?

Wer sich mit den Interpreten des politischen Wollens von Angela Merkel im Kanzleramt unterhält, wird schnell indes aufgeklärt, dass damit eine Wiederannäherung an Grüns keineswegs auf ewig ausgeschlossen worden ist. Zwar habe die Kanzlerin mit ihren kernigen Sätzen gegen Grün ein "klares Bekenntnis zur schwarz-gelben Koalition abgelegt." Aber sie habe auf dem Parteitag "ausschließlich über die Bundespolitik gesprochen." Und vor allem habe sie in Karlsruhe doch "keine koalitionspolitische 20-Jahre-Prognose abgegeben." Womit klar gesagt ist, dass eine schwarz-grüne Wiederannäherung auch weitaus früher erfolgen kann. Gegen Schwarz-Grün in Stuttgart, so die Interpreten des Merkel-Kurses, sei letztlich gar nichts gesagt worden. Schließlich konnten die Grünen auf ihrem Parteitag in Freiburg ein Drittel mehr Werbe-Ausstellungsfläche an die Wirtschaft vermieten als jemals zuvor. Man kommt sich eben näher. Das Kapital und die Grünen.

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Mit Interesse ist im Berliner Polit-Treffpunkt "Café Einstein" beobachtet worden, wie der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und Manfred Güllner, Chef des Forsa-Umfrageinstituts, dieser Tage dort zusammen saßen und intensiv plauderten. Gabriel scheint dabei "schwer Eindruck gemacht zu haben," spotten die Grünen inzwischen. Denn zum ersten Male nach vielen Wochen lag jetzt Rot bei der Frage „Wen würden sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre?“ wieder vor Grün: 23 Prozent für die SPD, 22 für die Grünen. Lag es an diesem Treff? Immerhin hatte sich Forsa lange dadurch ausgezeichnet, dass es die SPD-Chancen zu Gerhard Schröders Zeiten stets besser bewertet hatte als die echten Wahlergebnisse dann tatsächlich waren. Nach dessen Abgang verkrachte sich Forsa mit den Genossen und bewertet seither ihre Wahlchancen deutliche schlechter als dies bei anderen Instituten der Fall ist. Demoskopie nennt sich zwar gerne ein wissenschaftliches Gewerbe. Aber ein schöner Kaffeeklatsch kann auf dem Weg zurück zur Volkspartei durchaus auch helfen.

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Diesen Mittwoch feiert der FDP-Spitzenpolitiker Hermann Otto Solms, der eigentlich Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich heißt, seinen 70. Geburtstag. Er war schon FDP-Schatzmeister und FDP-Fraktionschef, amtiert derzeit als Vizepräsident des Bundestag und wäre zum Start der schwarz-gelben Regierung so gerne Bundesfinanzminister geworden. Dass FDP-Chef Westerwelle nicht eine Sekunde daran gedacht hat, schmerzt Solms bis heute. Zu erkennen auch daran, dass er sich jedes "Brimborium" zum Siebzigsten von der Partei verbeten hat. Er hat auf eigene Kosten einige gute Parteifreunde für diesen Mittwoch in Berliner Restaurant "Dehlers" eingeladen zu einem "informellen Umtrunk mit Imbiss." Zum 65. Geburtstag hatte die Parteiführung noch 650 Gäste zur Party eingeladen.