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Biederes Deutschland: "Merkel setzt sich niemals auf ein Moped"

Wir lechzen nach originellen Typen in der Politik. Und strafen doch jede Abweichung vom Leistungsfetischismus mit Missfallen. Warum?

Von Johannes Dudziak

Chequers heißt der Landsitz, den der britische Premier jederzeit nutzen darf. War Winston Churchill dort, schlief er oft bis tief in den Mittag. Den Koch feuerte er, weil ihm die Suppe nicht schmeckte, dafür ließ er sich literweise Champagner reichen, Whiskey und Zigarren. Zur Entspannung vergnügte sich der Regierungschef im Privatkino oder in der Badewanne. Die Geschicke seines Landes regelte er vom Bett aus. Großbritannien war im Krieg. Im Zweiten Weltkrieg.

Churchill war kein unseriöser Politiker, aber ein Exzentriker. Auch deutsche Politiker gestatteten sich staunenswerte Freiheiten. Franz Josef Strauß, der Übervater der CSU, trieb sich 1971 in tiefer Nacht allein in der Nähe des New Yorker Central Parks herum. Angeblich hatte er nur "Lust aufs Bier". Niemand weiß, wie er mit den drei Prostituierten ins Gespräch kam, die ihm die Geldbörse abluchsten. Auch Willy Brandt, der noch immer hochverehrte sozialdemokratische Kanzler, war sonderlich. Er lag manchmal tagelang depressiv im Bett, ohne den Regierungsgeschäften nachzukommen. Ging er ihnen nach, lag er abends auch mal mit einer Geliebten im Bett. Zu frivol für die Politik? Ein Mensch.

Wo ist der Mensch geblieben?

Im Jahr 2013 schleppt sich Kanzlerin Angela Merkel unter Schmerzen und auf Krücken zur Arbeit. Eine Pflichtbesessene, eine Unermüdliche, eine Exekutorin. Und wenn ihr Vizekanzler, Sigmar Gabriel, es wagt, sich ein paar Stündchen Zeit in der Woche für seine kleine Tochter zu reservieren, fragt sich die Nation: Darf der das? Hat er nichts Besseres zu tun? Der große Aufschrei blieb nur deshalb aus, weil er seine Freizeit einem ehrenwerten Ziel opfert. Hätte Gabriel Zeit für seine Skatrunde eingefordert, der Shitstorm hätte ihn umgeblasen.

Willkommen in Deutschland. Woanders leben sie vielleicht noch, hier wird die Arbeit verrichtet. Warum ist das eigentlich so? Weshalb sind unsere Spitzenpolitiker so leistungsfixiert, so kontrolliert, so konturlos? Alles geht seinen Gang, wird das Interview in den TV-Nachrichten etwas lauter, sind die Sorgen gleich groß.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein, sagte Karl Marx. Der Kapitalismus mit seiner gnadenlosen Leistungsethik hat gesiegt. Heute kann jeder alles machen, alles konsumieren und bis morgens um 5 Uhr in einem Berliner Club vögeln, wenn er danach wieder pünktlich auf seiner Arbeitsstelle ist. Pseudo-Individuation hat es Adorno genannt, wir sind alle nur Lifestylevarianten desselben Systems. Für die Politik sind die Maßstäbe noch strenger. Spaß ist Mist, Dienen sieht gut aus. Ein Minister darf, auch wenn er 20.000 Euro im Monat verdient, nicht privat auf die Malediven fliegen. Er muss, jawohl, ins Sauerland. Oder nach Rügen. Populär ist, wer sich bescheiden gibt, deshalb ist Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs. Sein Haar: die Kehrwoche, seine Stimme: der Pastor. Einen schwulen Außenminister hatten wir auch mal, aber ordentlich verheiratet.

"Computer Welt / Denn Zeit ist Geld"

Ironischerweise dürfte gerade das Internet mitverantwortlich sein für die Biederkeit der Politik. Es hat Informationsaustausch und Vernetzung dramatisch verbessert – und kann dadurch als gigantische Überwachungsmaschine benutzt werden, nicht nur von der NSA, sondern auch von der Gesellschaft. Ein unbedachter Satz ("Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen"), ein vermeintlich verräterisches Bild (Oettinger mit Teesieb vor den Augen), eine historische Sünde (Cohn-Bendits Pädophilie-Palaver) - das Netz vergisst nichts, schon gar nicht bei Politikern. So fließen Skandale, Skandälchen und Nichtigkeiten zu Empörungswellen zusammen, die Amt und Ehre kosten können. Die Antwort der Politik ist simpel: äußerste Vorsicht und strikte "Message Control" - eine Art Mumifizierung des Ichs. Die Leserreporter lauern überall.

Fluchtraum ist die Arbeit. Die gibt es immer, und immer reichlicher. "Computer Welt/ Denn Zeit ist Geld“, sangen Kraftwerk schon 1981. Seitdem ist die Arbeitsverdichtung und Professionalisierung aller Beschäftigungsverhältnisse brutal fortgeschritten, auch jener in der Politik. Heute dominieren dort weiße, männliche Juristen, die in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht haben als Politik. Gut funktionierende Maschinen, die einen ähnlichen Auswahlprozess überstanden haben wie die Kollegen aus dem Showgeschäft. Vorbei die Zeiten, in denen Rockstars mal Fernseher aus Hotelfenstern schmissen oder ein Mitglied von Led Zeppelin seinen Darm im Schuh eines Groupies entleerte. Heute lebt das Business von Castingshows oder Stars wie Justin Bieber, Justin Timberlake oder Britney Spears. Sie sind praktisch von Kindesbeinen an von professionellen Kommunikationsberatern trainiert worden. Das ist fast wie bei den Kadern in der Fußballnationalmannschaft.

Jeder bekommt die Regierung, die er verdient

In dieser Welt, die dem Profi gehört - und in der eine öffentliche Person sich ständig öffentlichen Normenkontrollklagen ausgesetzt sieht - wird selbst die Liebe verdächtig. Die Vorstellung, Merkel fahre auf dem Moped zu ihrem Geliebten, wie Francois Hollande, sei töricht, meint Franz Josef Wagner in der Bild. "1. Merkel setzt sich niemals auf ein Moped. 2. Merkel arbeitet nachts. 3. Merkel ist Norddeutsche. 4. Merkel ist nüchtern. 5. Berlin ist nicht Paris." Das ist Wagner, dem Emo-Berserker eigentlich unheimlich. Aber stolz macht es ihn auch.

Wollen wir lieber einen Brandt, einen Strauß, einen Churchill? Nur in unseren Träumen. Wir sind die Technokraten zwar leid und sehnen uns nach kantigen Persönlichkeiten haben, die auch ein wenig Unterhaltung in der Politik liefern. Doch wählen würden wir solche Typen nicht. Dafür sind wir zu bieder. In der Demokratie bekommt jeder die Regierung, die er verdient.

Mitarbeit: Lutz Kinkel