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stern-Reportage

Bundestagswahl 2017: Angela von Volkes Gnaden - Porträt einer Staatsfrau

Seit zwölf Jahren regiert die Kanzlerin. Ihr Volk sieht in Angela Merkel den Fels in einer brandenden Welt. Oder es pfeift sie aus.

Manchmal ist es, als legte sie einen Verklärungszauber über die Zuhörer oder ein betörendes Salböl. Wenn dieser Tage auf einer Saalbühne steht oder auf einem Platz, dann umranken sie meist einige fein gemachte Herren. Landesväter, Landräte, Abgeordnete. Männer, die streiten, Debatten führen, die heute dies versprechen und morgen jenes. Das sind "die Politiker", sagen die Gesalbten. Sie dagegen ist: die Merkel.

Es ist wohltuend, wenn dann die Pfeife eines Störers in die Weihe trillert oder wenn sie selbst mit Satzlingen wie "Wir wollen den Innovationstreiber stärken" den Zauber verscheucht. Man könnte die CDU-Vorsitzende sonst für eine Überirdische halten.

Vor 27 Jahren bin ich Angela Merkel zum ersten Mal begegnet. Sie war 35 und Vize-Regierungssprecherin der DDR. Ich sollte porträtieren, der für den Osten den Einigungsvertrag aushandelte. In einem Bericht der "Aktuellen Kamera" vom 6. Juli 1990 kann man noch sehen, wie Angela Merkel damals in einem Saal voller Schlipsträger ihr evangelisches Köpfchen aus der dritten Reihe vorstreckt. Bloß nix verpassen!

Bundestagswahl 2017: Angela, breit’ den Mantel aus

Wahlkampf – das heißt für Angela Merkel ein Bad in der Menge nach dem anderen. Es ist nicht das, was sie liebt. Muss aber. Wie hier in Norderstedt

Auch enge Mitarbeiter hatten schon einen "Plan B"

Nach einer dieser Sitzungen stiegen Krause und Merkel in die Dienstlimousine. Es war Nacht. Sie fragte: "Woll'n Se mit?" Wir setzten zuerst Krause ab, danach brachte sie mich zum Hotel. Ich wollte wissen, ob sie nicht auch Lust hätte, in die Politik zu gehen. Als Bundestagsabgeordnete oder so. Sie überlegte eine Weile und sagte dann: "Nö." Danach schwiegen wir ins Dunkle. Sechs Monate später war sie MdB und Ministerin. Und ist jetzt womöglich auf dem Weg zur "Ewigen Kanzlerin".

Daran musste ich an jenem TV-Duell-Abend denken, als Martin Schulz auf der Leinwand "Doktor Nö" jagte. Helmut Kohl war 64, als er seinen vierten SPD-Herausforderer, den glücklosen, aber menschlich korrekten Bartträger Rudolf Scharping besiegte. Angela Merkel ist bei ihrem vierten SPD-Mitbewerber 63. Schulz ist ihre Scharping-Situation. Geschichte wiederholt sich.

Sie waren sich lieb und beinahe heilig. Ex-US-Präsident Obama und die Kanzlerin beim Evangelischen Kirchentag

Sie waren sich lieb und beinahe heilig. Ex-US-Präsident Obama und die Kanzlerin beim Evangelischen Kirchentag

Es kann deshalb kein Zufall sein, dass ihre Blazer im zwölften Jahr der Kanzlerschaft fast ebenso salopp sitzen, wenn sie schnell auf eine Wahlkampftribüne steigt, wie damals bei Kohl die Sakkos. Auch den umwehten seine Jacken zu jener Zeit, was ihm Schwung, Angriffslust und Leben gab. Bei Statur ließ das auf einen genialen Leibschneider deuten. Bei Merkel ist es, weil sie im Südtirol-Urlaub abgenommen hat. Und auch, weil sie zeigen will, dass sie es noch kann.

Bis zum Brexit im Juni 2016 hatte sie noch geglaubt, sie würde, wenn die Forschungsprofessur ihres Mannes an der Humboldt-Universität in diesem Jahr ausläuft, einen Nachfolger suchen und ihren Job ebenfalls auslaufen lassen. Sie hatten schon Pläne fürs Danach. In die Clinton-Obama-Richtung sollte es gehen. Stiften, reisen, reden. Auch enge Mitarbeiter hatten schon einen "Plan B". Abteilungsleiter ließen sich an Botschaften in und New York versetzen. Sie dachte nach. Sie hatte immer die Erste sein wollen, die nicht durch eine vergurkte Wahl oder ein Misstrauensvotum aus dem Amt gezwungen wird. Sie wollte ihre Regierungszeit frei beenden. Aber wäre das nicht ebenso eitel, wie es eitel wäre, am Amt zu kleben, weil man sich für unersetzbar hielte?

Meisterin der Affektkontrolle

"Bei mir dauern Entscheidungen manchmal sehr lange", bekannte Merkel bei einer Veranstaltung der Zeitschrift "Brigitte" im Maxim-Gorki-Theater, "aber wenn ich sie getroffen habe, hadere ich nicht mehr." Nach dem Brexit im Juni kam Trump im November. Sie verwarf "Plan B", sie haderte nicht. Sie sei noch neugierig, ließ sie ihre Leute wissen. Kein seniorenhaftes Kenn-ich, Weiß-ich, War-ich-schon. Sie reise noch immer gern, auch wenn sie heute lieber zu Hause schläft als im Hotel. Das ist im Alter so. Sie sagt, sie finde sich in den modernen Hotelzimmern nicht mehr zurecht. Den Fernseher bekomme sie meist gar nicht erst an! Ihr reiche ohnehin ein Fenster wie im eingewohnten Brüsseler Stammhotel – und WLAN. Sie sei dann froh, wenn sie nach Stunden in geschlossenen Räumen Nachtluft schnappen könne und die Zeitungen von morgen online lesen. Als Angela Merkel über all das lange genug nachgedacht hatte, bestellte sie sich einen Satz neuer Blazer. Und reckte ihren Kopf zum vierten Mal ins Ungewisse hervor.

Meistens stehen noch ein paar Herren auf der Bühne, die auch ans Licht wollen. Oder in den Bundestag. Mit denen führt sie dann eine kurze Diskussion am CDU-Tresen

Meistens stehen noch ein paar Herren auf der Bühne, die auch ans Licht wollen. Oder in den Bundestag. Mit denen führt sie dann eine kurze Diskussion am CDU-Tresen

"Hallo Frau Merkel auch meinerseits", begann der Blogger Alexi Bexi Mitte August sein Live-Interview auf Youtube. Erste Frage: Bleiben wir eine Auto-Nation? Womit der Mann wohl nicht gerechnet hatte, war, dass sie ihm dermaßen ausführlich auseinanderklamüsern würde, wie das mit den Schummeleien der Autobauer abgelaufen war. Sie redete sich regelrecht in Stickoxid-Rage. Physikerin eben. "Und Sie werden künftig selbst Stichproben nehmen?", fragte Alexi Bexi. "Natürlich nicht ich selbst", antwortete sie mütterlich, "jedenfalls in meinem jetzigen Amt nicht." Keine Arroganz gegen den jungen Frager, keine Ironie. Selbst wenn sie sich über die seltsame Anordnung, in der sie da saß, gewundert haben sollte, sie ließ es sich nicht anmerken. Selbst wenn Tomaten fliegen, wenn NPD- und AfD-Anhänger sie in Torgau, Wolgast und in Finsterwalde mit "Hau ab!"-Rufen und Hasstiraden empfangen. Merkel bleibt kühl. Sie ist inzwischen Meisterin der Affektkontrolle.

Und sonst? Hat sie sich in den bislang zwölf Regierungsjahren verändert? Hat das Vakuum des kalten Gehäuses, in dem sie sitzt; die Atmosphäre dieser modernen Aussegnungshalle, das Wispern auf den Fluren mit Vitrinen voll skurriler Staatsgeschenke – Meerschaumpfeifen aus der Türkei, Bernstein-Teetassen aus Russland, arabische Kerzenleuchter aus Straußeneiern –, hat sie all das vom Leben entfernt? Das Getaktetwerden einerseits und das Taktgeben andererseits; morgens ankommen, geschminkt werden, Morgenlage um halb neun. Tee, Kaffee, Kanzleramtsminister, Regierungssprecher, Staatsminister, Abteilungsleiter und Berater. Immer dieselbe Runde, der gleiche Tee. Altmaier, Tauber, Wettengel. Namen wie aus einer Novelle von Martin Suter. Der Chinese ruft an, der Ukrainer kommt, sie muss zum Papst. Seit zwölf Jahren. Morgenlage, rein in die Limousine, raus aus der Limousine.

Merkel denkt in Dekaden

"Ob es sie verändert hat?" Merkel sitzt im siebten Stock. Die wenigen Menschen im Kanzleramt, die sich über ihre Chefin überhaupt äußern, sitzen etwas unterhalb und müssen nicht lange überlegen. Die Antwort ist einhellig: "Nö!" Sie sei heute geduldiger im Großen, heißt es. Bei Trump, Türkei, Klima. Merkel denke Langstrecke, nicht Tagestour. Erst die Erhöhung der Militärausgaben bis 2024, dann die Umwandlung der Autoindustrie: "Wir wollen 80 bis 95 Prozent CO2 bis 2050 einsparen." Sie plant in Dekaden. Und sie neigt zur Ungeduld im Kleinen.

Angela Merkle wird in Kühlungsborn von einer Bürgerin begrüßt, die ihr schnell einen Strauß Blumen aus dem Garten geholt hatte

Angela Merkle wird in Kühlungsborn von einer Bürgerin begrüßt, die ihr schnell einen Strauß Blumen aus dem Garten geholt hatte

"Na, ham Se sich schon eingelebt?", fragte sie einen neuen Mitarbeiter. Der holte arglos aus. Erzählte von der Einbauküche, die gestern geliefert wurde, von der Schule, die endlich für die Kinder gefunden sei, und freute sich über die unerwartet persönliche Anteilnahme. "Ich meinte dienstlich", bremste sie den Beamten da kühl, mitten im Schwung. Merkel ist altmodisch genug, Privates privat zu halten.

Manche klagen, eine Teamplayerin sei sie auch nicht gerade. Sie mache gern alles mit sich aus, sie bespreche sich lieber "One to One", unter vier Augen. Sie suche den Rat nicht in der Gruppe. Das ist zwar nicht das moderne Führen, das CEOs heute lernen. Aber doch stehen gerade die stramm, wenn Merkel in einen Saal kommt. Bei einem Flüchtlingsgipfel mit 90 Firmenchefs vor einem Jahr hätten selbst die gefürchteten Performer unter den Bossen umgehend das Plustern und PR-Sülzen eingestellt, als Doktor Merkels Blick sie traf. So erzählt es eine, die das amüsierte.

Bad in der Menge bei der Ankunft von Angela Merkel für einen Wahlkampfauftritt in Zingst

Bad in der Menge bei der Ankunft von Angela Merkel für einen Wahlkampfauftritt in Zingst

Beim Interview im Theater neulich wollte die Fragestellerin herausfinden, ob sich Merkel lieber mit jungen Politikern umgibt, mit Trudeau, Macron. "Umgebe ich mich?", kofferte sie da zurück. "Ich umgebe mich gar nicht!" Klingt ja, als lege sie sich Hermeline um den Hals: "Ich habe naturgemäß Kontakte!" Sind Sie eitel, Frau Merkel? "Also, man will keine Zumutung sein", sagt sie. Besonders Frauen gefallen solche Antworten.

Vor zwei Wochen umgab sich Madame Merkel wieder einmal mit Präsident Macron, aber auch den etwas älteren Regierungschefs von Italien, Spanien, dem Tschad, Niger und mit Libyens Interimspräsident. Arbeitssitzung im Élysée-Palast. Es ging um Fluchtrouten, Asylbewerber, Wirtschaftsflüchtlinge und Hilfen für Afrika. Paris war ein Brutkasten an jenem Tag. Wer bei der abendlichen Pressekonferenz im Festsaal des Palastes saß, schwitzte sich tot. Nur Merkel blieb kühl und trug Rot.

Auch der europäische Mittelbau bietet viel Stoff für Charakterstudien und Situationskomik

Macron schien stolz, weil er die Europäer mit den Vornamen aufrufen durfte, er wirkte wie ihr Lehrling. Gut, er ist erst 39. Wenn Ongschelá etwas sagte, begann sie in etwa so: "Ich möchte zwei Punkte ansprechen ..." Nach ihr meldete sich umgehend Spaniens Ministerpräsident Rajoy und sagte: "Ich möchte auf drei Punkte hinweisen ..." Wenn Merkel drei Dinge aufzählte, hatte Rajoy vier.

Es ist nicht so, dass sie nur mit den großen Egomanen, mit Putin, Trump und Erdogan zurechtkommen muss. Auch der europäische Mittelbau bietet viel Stoff für Charakterstudien und Situationskomik. Manchmal zieht sie eine Schnute. Manchmal lächelt sie sweet und spöttisch zugleich. Als die EU-Außenbeauftragte Mogherini dran war, tuschelte sie mit Macron. Sie kicherten, sie schrieben sich Zettel, sie flüsterten. "In welcher Sprache unterhielten Sie sich eben mit dem Präsidenten, Frau Merkel?" "Na, Russisch geht ja wohl nich!", rief sie aufgekratzt, "und Französisch kann ich ja nu ma nich!"

Sie denkt gern lange nach. Merkel ist keine, die morgens ins Büro kommt und sagt: "Ich hab da mal so 'ne spontane Idee"

Sie denkt gern lange nach. Merkel ist keine, die morgens ins Büro kommt und sagt: "Ich hab da mal so 'ne spontane Idee"

Man kann vielleicht sagen, dass sie in Fragen des Reglements sehr streng ist. Dass sie zum Beispiel die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei keinesfalls für tot erklärt, bevor dem nicht auch alle anderen Europäer zugestimmt haben. Aber man kann nicht behaupten, sie beharre eisenhart aufs Protokoll. Ein Beispiel:

Stunden bevor sie im März den neuen US-Präsidenten erstmals im Weißen Haus besuchte, liefen ihre Unterhändler Amok. Chancellor Merkel sollte neben der First Daughter sitzen? Never ever! "Warum denn nicht?", entgegnete Merkel, bevor es in den Sitzungssaal ging, "ich unterhalte mich gern mit ihr." Sie hat kein Problem mit schönen Frauen. Auch nicht mit jüngeren. Sie fand Ivanka schließlich sogar so "faszinierend", dass sie sie gleich zum "W20-Frauengipfel" nach Berlin lud. Am Ende des Washingtonbesuchs habe Ändschela noch lange mit Trump himself im Oval Office gesessen und ihm "liebevoll die Welt erklärt", wie ein Mitwisser angibt. Klima, Frauenfragen, Ebola. Plötzlich sei Melania hereingekommen, habe auf die Uhr getippt, Abflug nach Florida! Und er sagt: "No, not yet. Ich könnte ihr noch stundenlang zuhören!" Bekanntlich hat er sich dann doch nicht alles merken können und das Klimaabkommen kurz darauf gekündigt. Merkel glaubt, dass selbst bei Trump noch nicht aller Tage Abend ist, und arbeitet weiter an seinen Überzeugungen. Auch mit Ivanka.

Das sind so die Sachen, bei denen sie aufblüht. Schwieriges Verhandeln, nächtliche Staatskunst, Minsk-Abkommen, mindestens. Es kann auch ein heftiges Rangeln um den Bund-Länder-Finanzausgleich sein, das sie "emotional berührt". Hauptsache, schwierig. Nichtstun ist für sie verschwendete Lebenszeit, Wahlkampf lästige Pflicht.

Nun schafft mal schön

Beim Auftakt in Dortmund, kurz nach ihrer Rückkehr aus dem Südtirol-Urlaub, da warf der Stoff ihres Blazers im Rücken noch lockere Wolken. Und auch sprachlich war sie ein bisschen in den Clouds über der Königspitze und dem Cevedale. "Da, wo etwas stattfindet", rief sie, die linke Hand in der Hosentasche und mit der rechten irgendwas in die Luft tüpfelnd, "das ist der Raum der Wirtschaft." Ach was! "Wir haben ein, wie ich finde, ein sehr spezielles Gefühl: Wir stehen einerseits gut da, aber wir befinden uns auf der anderen Seite in einer globalen Umbruchphase: Ich sage – Digitalisierung! Wenn ich im Internet einen Blumenstrauß bestelle, dann sage ich:

Toll, die kennen mich schon besser als ich mich selbst! Aber irgendwann will man das Ding ja auch mal konkret in der Hand haben!" Viele der Graumelierten, die an jenem Morgen in der Westfalenhalle saßen, hatten vielleicht noch nie einen Strauß im Internet bestellt. Das Geschwurbel mit der Hand verstanden sie auf Anhieb.

Vor vier Jahren, sagt Merkel, sei sie nur um Autogramme gebeten worden. Jetzt nur noch um Selfies. Auch gut

Vor vier Jahren, sagt Merkel, sei sie nur um Autogramme gebeten worden. Jetzt nur noch um Selfies. Auch gut

Angela Merkel ist längst in einem Stadium angekommen, in dem egal ist, was und wie sie etwas sagt. Mit ihrem Erscheinen legt sich ein Gefühl von Gewissheit wie eine Samtplane über das Auditorium. Alle Zukunftsangst scheint gelöscht. Jedenfalls dann, wenn nicht von hinten Pegida-Leute einen Rathausplatz mit "Merkel muss weg" so bebrüllen, dass man sie nicht mehr hören kann. Denn immer gibt es einen wie Karl-Josef Laumann, der die Kanzlerin im Vorprogramm hochlobt und einpreist: "Wenn ich mir anhöre, was andere Staatschefs dieser Tage so sagen", dröhnte der NRW-Minister in Dortmund ins Mikrofon, "dann haben wir ein großes Glück damit, dass Angela Merkel in dieser Zeit unsere Bundeskanzlerin ist!"

In ihrem vierten Wahlkampf geht es genau darum: das Glück auf der Insel der Seligen noch ein Weilchen festzuhalten, und um die Frage, wer am Ende die Blumen in der Hand hat. Die sollen sie einfach ihre Arbeit machen lassen, dann wird's schon.

Am 22. August erst Morgenlage, dann Hubschrauber, Besuch der Spielemesse "Gamescom" in Köln. Ralf Wirsing, Deutschlandchef der französischen Firma Ubisoft, stellt der Bundeskanzlerin das Spiel "Anno 1800" vor. Die Simulation, die Strategie, die schön animierten Landschaften. "I got it", sagt sie nach kurzem Hinsehen, "sind die Spiele vielsprachig wie bei 'ner DVD?" Der Spielemann bejaht. "Und wie programmieren Sie?" Wirsing guckt auf seinen Nebenmann. "Gibt ja schon sehr hochaggregierte Bausteine", hilft sie ihm, "Sie müssen doch nicht bei Java und C++ anfangen, oder doch?" "Hm, doch", druckst der Spielemann. "Na denn", sagt sie bedauernd und verabschiedet sich zum nächsten Stand. Mühle auf, Mühle zu.

Angeblich sei es ihr unangenehm, wenn sie "Stabilitätsanker für Europa" genannt werde

Angela Merkel hat übrigens schon lange aufgehört, an ihren Formulierungen zu feilen. Und sie wundert sich auch nicht mehr darüber, warum ein Satz zündet oder nicht, oder erst beim fünften Mal. Sie hatte das Folgende schon viermal zuvor gesagt: "Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden."

Doch erst beim fünften Mal schnitt jemand das "Wir schaffen das!" aus dem Kontext – und ließ den Satz zum "Apodiktum" ihrer gesamten Kanzlerschaft werden, auch wenn er nur auf die Flüchtlingswelle im Herbst 2015 bezogen war. Er klang zweischneidig. So, als lehne sich Doktor Merkel zurück und lasse das Volk ein Problem lösen, das erst sie zuvor geschaffen hatte. Uckermärkischer Imperativ: Nun schafft mal schön! Normalerweise geht Kanzlerarbeit ja eher umgekehrt. Kritiker wie der Schweizer Publizist Frank A. Meyer werfen ihr seither vor, sie habe der Demokratie in jener Zeit nicht nur viel zugemutet, sondern auch "ein lebenswichtiges Gut gestohlen: die Debatte!" Sicher, man hätte mehr drüber reden können.

Die Geste ist ihr Markenzeichen. Der blaue Klecks am rechten Daumen stammt vom kaputten Füller

Die Geste ist ihr Markenzeichen. Der blaue Klecks am rechten Daumen stammt vom kaputten Füller

Dass ein Wort zum Symbol werden kann, habe sie inzwischen intus, sagen ihre Leute. Nie würde sie daher ankündigen, sie halte eine "Grundsatzrede". Sie redet einfach, und wenn die Rede gelingt, wird es eine sein. "Expectation Management", nennen ihre Redenschreiber im Kanzleramt die Methode. Auch vor schwierigen Verhandlungen nimmt sie die Backen selten voll. Man weiß nie. Angeblich sei es ihr unangenehm, wenn sie "Stabilitätsanker für Europa" genannt werde oder "Verteidigerin des liberalen Westens". Überhöhungen erinnern sie immer an Guttenberg. Sie sei nur eine deutsche Regierungschefin, sagt sie.

Eine, die seit zehn Jahren in ein und derselben kartoffelfarbenen Wanderhose Urlaub macht und seit 20 Jahren mit demselben kirmesbunten Kimono zu den Salzburger Festspielen reist. Eine, die im Hubschrauber fragt, ob jemand ihre Frikadelle will, wenn sie zwei hat. Aber natürlich ist sie auch "abgehoben" in den vergangenen zwölf Jahren. Keine Frage.

Sie habe gerade eine halbe Eiskugel gegessen, verplaudert sie sich vor einer Wahlkampfrede in Bergisch Gladbach. "Was ist denn Ihre Lieblingssorte?", hakt der Moderator nach. Ihr Gesicht sagt: Och nö, Alltagstest! Sie durchpflügt innerlich Eiskarten und kommt schließlich drauf: "Brombeere, Walderdbeere oder Sauerkirsche." Wo bitte gibt's Walderdbeereis? Das servieren sie im Élysée-Palast. Aber in der Fußgängerzone von Schäbbisch Gläbbisch?

Die ganze Pfalz war baff

Kurz bevor sie wieder in den Flieger steigt, um abzuheben, gibt ein Mittfünfziger mit Plastikpfeife und "Merkel muss weg!"-Schild noch einmal alles. Ein 14-Jähriger, Zahnspange oben, Zahnspange unten, baut sich tapfer vor ihm auf: "Was haben Sie denn für Deutschland getan? Sagen Sie doch mal!" Der Mann trillert weiter, ungerührt. Die Kolonne fährt ab. Der Zahnspangen-Junge gibt nicht auf: "Frau Merkel hat zwölf Jahre für Deutschland gearbeitet", ruft er mit stimmbrüchiger Stimme, "und Sie, Sie schreien hier bloß rum!" Es ist noch nicht das Ende. Nicht Merkels, nicht das der Geschichte.

Die einen lieben ihre Raute. Andere, wie hier in Wolgast, finden, dass sie wegmuss. Merkel findet: Das ist gelebte Demokratie! Sie weiß ja noch, wie es früher war – im Osten

Die einen lieben ihre Raute. Andere, wie hier in Wolgast, finden, dass sie wegmuss. Merkel findet: Das ist gelebte Demokratie! Sie weiß ja noch, wie es früher war – im Osten

Nach dem Staatsakt für Helmut Kohl in Straßburg sagte Angela Merkel auf dem Weg nach Speyer plötzlich: "Jetzt machen wir es mal wie Kohl", und ließ von der Bundesstraße abfahren. So war Thomas Walter vom Landgasthof "Zum Engel" (Motto "Nix aus de Bix") Minuten später vom Donner gerührt, als sechs schwarze Audis auf seine Auffahrt rollten. Sie wolle einfach nur hier im Biergarten sitzen und die Sonne genießen, sagte die Kanzlerin. "Einmalige Gelegenheit", dachte Walter und hat ihr eine Stunde lang aus seinem Leben erzählt. "Aber dann kam das Dollste", berichtet der Wirt. Gerade als sie aufbrach, trat aus der Kirche gegenüber ein Brautpaar. Die Braut in Weiß, der Bräutigam in Folklore. Sie sei auf das Paar zu und habe gratuliert. Die ganze Pfalz war baff.

Das ist nämlich neu: Die Merkel hat nicht nur eine mächtige Stimme in der Welt. Sie spricht jetzt auch direkt mit dem Volk. Wie der Kohl.