Christiansen bei Bush Kuscheltalk im Weißen Haus


Irak-Krieg, Folter, Atomkonflikt - war da nicht was? Vielleicht, aber eher nicht in der Talkrunde zwischen Sabine Christiansen und George W. Bush. Das Gespräch lief so harmonisch, dass sich der US-Präsident sogar zu freundlichen Worten über Altkanzler Schröder hinreißen ließ.
Von Niels Kruse

Sonntagabend, direkt nach dem "Tatort", trifft sich gewöhnlich die deutsche Politprominenz bei Sabine Christiansen in Berlin. Es ist eine Art gemütliche Kaminrunde vor laufenden Kameras. Man kennt sich, neckt sich und geht anschließend noch auf ein Gläschen was trinken. An diesem Sonntag aber mussten die Minister und ihre Kollegen aus der Opposition, nebst Experten und Gewerkschaftern, auf ihren liebgewonnenen PR-Termin verzichten, weil Frau Christiansen in Washington weilte, um mit niemanden geringeren zu sprechen als dem Präsidenten der Vereinigten Staaten: George W. Bush.

Der hat Deutschland wieder in sein Herz geschlossen. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass ihm seine letzten Koalitionäre der Willigen in der alten Welt abhanden kommen oder schon abhanden gekommen sind: Tony Blair, Silvio Berlusconi und Spaniens Ex-Premier Jose Maria Aznar. Und auf den Problemverbündeten Gerhard Schröder ist nun Angela Merkel gefolgt, von der der "mächtigste Mann der Welt" in höchsten Tönen schwärmt. In ihrem Gefolge ließ der US-Präsident nun auch zwei deutsche Medien-Dickschiffe an sich heran: die "Bild"-Zeitung und eben Sabine Christiansen.

Die Talkfrau, deren Erfolg vor allem darin besteht, jeden mit Rang und Namen im politischen Berlin zu kennen, bekam die Chance, Bush eine ganze halbe Stunde interviewen zu dürfen - der Traum eines jeden Journalisten. Wobei sie durchaus Erfahrung mit US-Regierungschefs hat: Vor zwei Jahren war zuletzt Bill Clinton zu Gast in ihrer Sendung. Nun also Bush. Dass auch er ihr eine Audienz gewährte, beglückte Frau Christiansen derart, dass sie kurz davor war, die Kontrolle über ihr ohnehin schon entrücktes Lächeln zu verlieren.

Gut, George W. Bush wird vermutlich nicht als der weiseste unter den US-Präsidenten in die Geschichte eingehen, doch charmant ist er zweifellos. Und mittlerweile schon fast altersmilde. Auf diplomatisch hohem Niveau zeigte er Verständnis für das deutsche Nein zum Irak-Krieg. "Ich habe langsam erkannt, dass es in der Natur der deutschen Bevölkerung ist, dass sie Krieg verabscheut. Die Deutschen heute mögen einfach keinen Krieg - egal, wo sie sich auf dem politischen Spektrum befinden. Und das kann ich auch verstehen." Und selbst über Merkels Amtsvorgänger flunkerte er vielsagend: "Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Kanzler Schröder."

Auch im Atomkonflikt mit dem Iran rasselt der US-Präsident nicht mehr allzu laut mit den Säbeln. Einen Militärschlag konnte und wollte Bush nicht ausschließen, dennoch legte er Wert auf die Feststellung, dass der diplomatische Prozess nicht an seinem Ende sondern am Anfang stehe. Und: "Am liebsten will ich die Sache diplomatisch lösen."

"Nein, da sitzt ein starker Charakter vor mir"

Besonders laut lobte Bush Kanzlerin Merkel, was wiederum Sabine Christiansen gut gefallen hat. Die Kanzlerin sei bisher stark gewesen, sagte er. Und die Frage, ob Frauen Kind und Karriere verbinden sollten, beantwortete er so: "Wenn ich mit Angela spreche, habe ich nicht das Gefühl jetzt mit einer Frau zu sprechen. Das ist keine Kategorie. Nein, da sitzt ein starker Charakter, ein zuverlässiger Mensch vor mir."

Insgesamt ist Frau Christiansen Herrn Bush nicht durch allzu lästige Fragen auf den Geist gegangen. Entsprechend entspannt war er, wohl wissend, dass er diese Show für sich verbuchen würde. Zum Schluss sah er sich noch genötigt, eine der derzeit obligatorischen Bemerkungen zur Fußball-WM zu machen. Er kenne sich bei Baseball besser aus, gestand Bush, aber immerhin hat er schon mal von Jürgen Klinsmann gelesen, "ein dynamischer Typ, der einen Teil seiner Zeit in Kalifornien lebt". Aber diese Veranstaltung sei vor allem für Deutschland wichtig, sagte der mächtigste Mann der Welt - und Sabine Christiansens Augen leuchteten noch heller als zuvor.


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