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Deutschland und die Eurokrise: Schäubles Horrorszenario mit fünf Millionen Arbeitslosen

Bisher hat die Schuldenkrise Deutschland wenig anhaben können. Doch erste Alarmsignale gibt es. Der Finanzminister warnt vor einer brutalen Rezession, falls der Euro scheitert.

Eine Analyse von Thomas Schmoll

Momentan lebt Wolfgang Schäuble in einem Finanzminister-Schlaraffenland. Was er erlebt, ist extrem selten. Der Kassenwart kann Milliardenkredite aufnehmen, ohne Zinsen zahlen zu müssen. Die Anleger, die Geld in deutsche Staatsanleihen stecken, sind schlicht und einfach froh, ihr Geld sicher parken zu können. Doch die Zeiten des Nulltarifs gehen ihrem Ende zu. Weltweit bedeutende Profianleger werfen deutsche Schatzbriefe aus ihrem Portfolio oder Wetten sogar an den Kapitalmärkten gegen das Angebot aus dem Hause Schäuble. Das französiche Unternehmen Carmignac verkündete: "Wir haben unsere Fonds ein wenig neu sortiert und alle Bundesanleihen verkauft." Die weltweit größte Anleihefondsgesellschaft Pimco, eine Tochter des deutschen Dax-Versicherungskonzerns Allianz, reduzierte die Zahl der Bundesanleihen in ihrem Depot. Als generelles Misstrauensvotum gegen die deutsche Finanzkraft möchte Pimco das Vorgehen nicht verstanden wissen, sondern als Risikominimierung.

Deutschland im Sog der Schuldenkrise

Ein Alarmsignal ist es dennoch. Hinter den Verkäufen steht die Angst, dass Deutschland, das bisher weitgehend unbeschadet durch die Euroturbulenzen der vergangenen Monate kam, in den Sog der Krise gerät und finanziell überfordert wird. Unwahrscheinlich ist es jedenfalls nicht. Bei jeder Rettungsaktion kommt Berlin für ungefähr ein Viertel der Kosten auf. Geht es schief, ist das Geld futsch. Falls Griechenland und andere Länder, die aus den Eurorettungstöpfen Milliarden erhalten haben oder noch bekommen, ihre Kredite nicht zurückzahlen, wären die Folgen für die deutsche Staatskasse und Wirtschaft fatal. Die Spitzenbonität AAA, die die Bundesrepublik als absolut solventen und vertrauenswürdigen Kreditnehmer ausweist, wäre dahin.

"Deutschland verliert durch die zunehmenden Risiken an Qualität", meint Pimco-Topmanager Andrew Bosomworth. Bei Carmignac heißt es: "Wenn sich die Eurokrise verschärft, wird eine Lösung weitere Beiträge von den Deutschen erfordern, die Last auf ihren Schultern wird zunehmen." Und dabei gehen die Profianleger noch nicht einmal von einem Kollaps der Eurozone aus.

Mehr als fünf Millionen Arbeitslose

Die Entwicklung ist auch Finanzminister Schäuble und seinen Mitarbeitern nicht entgangen. Sie erstellten Berechnungen für den Fall an, dass die Währungsunion zerfällt. Herausgekommen ist nach einem "Spiegel"-Bericht ein wahres Horrorszenario, das katastrophale Folgen für die deutsche Wirtschaft prognostiziert, sollte der Euro abgeschafft werden: Das Jobwunder hierzulande würde ein jähes Ende finden, der Wachstumseinbruch im ersten Jahr nach Wiedereinführung der D-Mark bis zu zehn Prozent betragen. Die Zahl der Arbeitslosen wüchse auf mehr als fünf Millionen - über zwei Millionen mehr als heute, ermittelten laut "Spiegel" Schäubles Leute.

Die Berechnungen geben all denen Recht, die glauben, dass ein kostspieliger Erhalt des Euro am Ende billiger sei als ein Untergang der Währungsunion. "Gemessen an solchen Szenarien erscheint eine noch so teure Rettung als kleines Übel", zitiert das Magazin einen Beamten Schäubles. Um die Krise endlich in den Griff zu bekommen, schmiedeten die vier größten Wirtschaftsnationen Europas einen 130 Milliarden Euro teuren Wachstumspakt nach dem Motto: Nur sparen rettet uns nicht. Beteiligt sind Deutschland, Frankreich sowie die finanziell angeschlagenen Länder Italien und Spanien. Das Vorgehen der Madrider Regierung zeigt, in welchem Teufelskreis sich die Euroretter befinden: Sie will mehr Geld für Wirtschaftswachstum ausgeben, was durchaus vernünftig erscheint, weil das die Arbeitslosigkeit senkt und die Steuereinnahmen stärkt. Zugleich ruft sie den Rettungsschirm um Hilfe, da sie nicht in der Lage ist, die Milliardenlöcher in den Bilanzen vieler Banken des Landes zu stopfen.

Kein Zufall

Wer die Gepflogenheiten der Berliner Republik kennt, ahnt, dass es wohl kein Zufall war, dass Schäuble das Bekanntwerden seines Gruselszenarios mit einem ausführlichen Interview im "Spiegel" flankierte. Der Minister warnt darin auch vor den politischen Folgen eines Zerfalls der Eurozone. Damit rechne er nicht, sagt Schäuble. Falls doch, bestehe die Gefahr, dass Errungenschaften des Miteinanders der Europäer infrage gestellt würden - vom EU-Binnenmarkt bis zur Reisefreiheit. Ein Ende der Europäischen Union in einer Zeit, in der die Welt enger zusammenrücke, nennt Schäuble absurd: "Das kann, darf und wird nicht sein."