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Die neue grüne Republik: ... und wir sind immer noch da!

"Begrabt Wehrpflicht und Atomkraft." Das hätte man Schwarz-Gelb in den 80ern mal verklickern sollen. Nun ist es soweit. "Ein historischer Tag", meint ein Kollege. Richtig. Grün regiert. Und jetzt?

Von Florian Güßgen

Erinnern Sie sich an die 80er? Kohl im Kanzlerbungalow, Genscher im Flugzeug, an der Macht Schwarz-Gelb. Voller Überzeugungen, voller Werte. Bürgerliche Patina de luxe. Heinz Schenk im "Blauen Bock" im Ersten, die "Wicherts von nebenan" im Zweiten. Die Wehrpflicht und die Atomkraft gehörten da zum unverrückbaren Inventar der Republik. Wie Kohls Strickjacken und der Urlaub am Wolfgangsee. Die Grünen waren, ja, sogar schon im Bundestag. Aber das waren die missratenen Kinder der Sozen, subkulturelle Geschöpfe, langhaarige Bombenleger oder frauenverstehende Strickmänner.

Der Himmel der Bayern erzittert

Und heute? Alles anders. "Ach nee", seufzte am frühen Donnerstagmorgen ein aus dem Niederrheinischen stammender Kollege. "Wat für 'n historischer Tag." Recht hat er. Denn es ist schon beachtlich, dass nun ausgerechnet die Schwarz-Gelben radikalstmöglich entrümpeln. Raus mit der Wehrpflicht! Puff. Raus mit der Atomkraft! Tabula rasa. Freilich gibt's an Art und Zeitpunkt dieses Frühjahrs der Abschiede viel zu bestaunen und zu bekritteln. Vor allem die Wege der Dame an der Spitze sind schier unergründlich. Aber Fakt bleibt: Es sind nun ausgerechnet die vermeintlich Bürgerlichen, die die alten Zöpfe der BRD abschneiden. Für jeden strammen CDU-Mann der 80er Jahre, für Herren des Kalibers Kanther oder Dregger, waren das Alptraumszenarien. Und der Himmel der Bayern dürfte erdröhnen, weil Franz-Josef Strauß selig seit Monaten Tränen lacht, wenn er seinem Nachfolger Horst Seehofer beim Energiewenden zuhört. "Schaut's Euch den Horsti an!", schallt es durch die Wolken. Oans, zwoa, g'suffa!

Und jetzt?

"Nee, wat' für 'n historischer Tag." Das Alte ist passé. Aber was kommt jetzt? Was für eine Ära ist es, die da am Freitag, Punkt 0 Uhr in unserem bundesrepublikanischen Dasein anbricht? Rutschen wir etwa hinein in ein allgemein glückseligmachendes Zeitalter der Vernunft. Einerseits ja, denn nach langem Kampf, nach unzähligen Auseinandersetzungen hat sich so etwas wie der gesunde Menschenverstand durchgesetzt. Die Wehrpflicht ist überholt, wenn Kriege sich längst nicht mehr dadurch entscheiden, wer wie viel Mann in Waffen an der Grenze stehen hat. Die Atomkraft ist überholt, wenn die Risiken zu groß werden - und es echte Alternativen gibt. Andererseits wird es natürlich wahrscheinlich nichts mit der Herrschaft der puren Vernunft, denn die hat es bisweilen nicht so leicht. Es gibt neue Probleme, die wir durch diesen verflixten Schleier der Unwissenheit betrachten und lösen müssen. Erst im Nachhinein ist man immer schlauer. Früher, in den 60ern, den 70ern und den 80er, gab es ja auch durchaus schlüssige Begründungen für die Verankerung der Bundeswehr in der Mitte der Gesellschaft, galt die Atomkraft als die saubere Zukunftstechnologie.

"Begründe gut, was Du tust"

Vielleicht gibt es daher auch nur einen polithandwerklichen Merksatz, den sich Angela Merkel, die Wende-Kanzlerin, an diesem historischen Tag in einem stillen Moment irgendwo auf ihrem I-Pad vermerken kann, vielleicht sogar auf dem Begrüßungsbildschirm: "Begründe gut, was du tust". Denn einerlei, ob es um die Fantastilliarden Euro geht, die da fiktiv und real von irgendwelchen internationalen Gremien irgendwelchen Schuldnern hinterhergeworfen werden, oder um Steuern oder um Hartz-IV-Sätze oder um die Haltung zu einer Sternschnuppe wie zu Guttenberg. Die unumstößlichen Gewissheiten, die Ideologien sind verschwunden. Zu komplex sind die Probleme, zu ausdifferenziert die moralischen und ethischen Dilemmata, als dass Grundsatzprogramme als verlässliche Handläufe dienen könnten. Gleichzeitig ist die Transparenz von Entscheidungen fast unbegrenzt. Die Schwärme da draußen im Netz kontrollieren die Politik sekündlich, 24 Stunden, rund um die Uhr. Die hohe Kunst der Politik ist heute mehr denn je das Überzeugen durch ein glaubwürdiges Argument, nicht das Durchdrücken schablonenartiger Lösungen.

Schwarz-Gelb kapituliert - und regiert

Was uns, ja, ja, zu den Grünen führt. Die "taz" hat schon recht, wenn sie die langhaarigen Urväter der Anti-Akw-Bewegung heute auf die Seite eins hebt und titelt: "So sehen Sieger aus". In der Tat, mehr noch: Das Prinzip Grün kommt zwar heute mit gepflegtem Kurzhaarschnitt, teuren Sneakern und I-Phone daher. Aber es hat obsiegt, die einstige Splittergruppe hat das Bürgertum erobert, Schwarz-Gelb hat am heutigen Tag de facto kapituliert. Merkel und Rösler sind grün im Geiste - und so regieren sie nun auch. Ob das reicht oder ob die Grünen ihre Mission auch noch im Kanzleramt vollenden können oder müssen, sei dahingestellt. Die Geschichte ist ja voller wunderbarer Ironien. Vielleicht sieht eine weitere deshalb auch so aus: Sie schaffen die Wehrfplicht ab, entsorgen die Atomkraft - und am Schluss sind die Schwarz-Gelben die besten Grünen, die es gibt. Im Himmel der Bayern spielt jetzt eine Blasmusikkapelle auf. "Die Krüge hoch!" ruft der Kapellmeister. Strauß kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen. "Nee, wat für'n Tag."