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Edmund Stoiber wird 70: Abschiedsparty im Austragsstüberl

Seine Versprecher sind legendär, seine Strippenzieherei auch: Edmund Stoiber, Bayerns früherer Ministerpräsident, feiert seinen 70. Geburtstag - und muss sein Büro in München räumen.

Von Gabriele Rettner-Halder

Er spricht nicht so gern über sich selbst, sagt ein Mitarbeiter. Er will eben als hochkompetenter Politiker wahrgenommen werden, immer noch. Auch wenn Edmund Stoiber vor allem für eins bekannt ist: Seine, äh, äh, legendären Versprecher. Stoiber-Imitatoren sind in Bayern nach wie vor populär. Was meint das Original dazu? "Wer so lange und auch so pointiert Politik gemacht hat, muss mit ein paar Klischees leben können", sagt Stoiber stern.de.

Er kann sich die Gelassenheit leisten. An diesem Mittwoch wird er 70 Jahre, und zum Geburtstag huldigt ihm die politische Elite: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU)kommt, Bundeskanzlerin Angela Merkel auch, im Münchner Prinzregententheater steigt ein rauschendes Fest, Oldie-Rock inklusive.

Die fetten Jahre sind vorbei

stern.de hätte Stoiber aus diesem Anlass gerne in seinem "Austragsstüberl" in der bayerischen Staatskanzlei besucht. Dort hat er, vom Steuerzahler finanziert, ein Büro mit Stuck, Deckengemälde und Bodenmosaiken, eine hochherrschaftliche Repräsentanz. Außerdem hat ihm der Freistaat ein personelles Rundum-Sorglos-Paket spendiert: Fünf Mitarbeiter plus Dienstwagen. Die Opposition im Landtag schäumt deswegen bis heute - aber weil Stoiber nicht nur als hochkompetent, sondern auch als bescheiden wahrgenommen werden möchte, lässt er ausrichten, dass ein Besuch zum jetzigen Zeitpunkt leider nicht möglich sei.

Zu einem späteren Zeitpunkt geht es auch nicht, denn Stoiber muss, nach vier fetten Jahren als Ministerpräsident a.D., sein Münchner Büro aufgeben. Was ihm bleibt ist die Adresse in Brüssel. Dort engagiert er sich als Chef einer High-Level-Group für den Bürokratieabbau. Ehrenamtlich. So ganz von der Politik lassen kann ein Stoiber natürlich nicht, er ist Workaholic und Aktenfresser und wird es bleiben. Erstaunlicher ist: Der Europakritiker hat sich zum überzeugten Europäer gewandelt.

Das blonde Fallbeil und Mr. Euro

Keiner dürfte das grimmiger registriert haben als Parteifreund Theo Waigel. Stoiber hatte Waigel 1993 trickreich ausmanövriert, um selbst das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten anzutreten. Danach ging die Fehde zwischen den beiden Männern erst richtig los, sie entzündete sich an der geplanten Einführung des Euro. Waigel, damals Bundesfinanzminister, war Mr. Euro, Stoiber der Bedenkenträger. Auf Dauer konnte das Hickhack des Führungsduos nicht gut gehen. Waigel gab genervt auf.

So wurde Stoiber, das "blonde Fallbeil", 1999 auch CSU-Parteivorsitzender. Ein ehrgeiziger Kurzschläfer, dem der barocke bayerische Lebensstil ziemlich fremd geblieben ist, bis heute. Der gern vom "Unternehmen Bayern" sprach und die "Amigos" des glücklosen Max Streibl, seines Vorgängers im Regierungsamt, vom Hof jagte. Fortan war nicht nur Lederhose, sondern auch Laptop gefragt. Hightech-Industrie, Privatisierung von Staatseigentum im großen Stil, radikaler Umbau des Justizwesens.

Fußball als Parteidoktrin

Die CSU passte sich Stoibers Turbopolitik nur mit Mühe an. Aber seine Wahlerfolge überzeugten die Partei, machten die Kritiker in den eigenen Reihen mundtot. Stoibers Ziel, immer vorn zu sein, immer Tore zu schießen, wurde Partei- und Staatsdoktrin. Stoiber und der FC Bayern München, das ließ sich manchmal kaum auseinander halten.

"Ich habe alles gegeben, mit großer Leidenschaft", sagt Stoiber stern.de. Das tut er auch jetzt noch, mit 70. Aus blonden sind längst graue Haare geworden, hellwach ist der Kopf darunter geblieben. Als die bayerischen Grünen mal nachfragten, warum er ein Luxusbüro in München für seine Arbeit als EU-Experte brauche, ließ er mitteilen, der europäische Mittelstand würde dank seiner Arbeit von 25 Milliarden Euro Kosten entlastet. Das käme auch dem Freistaat Bayern zugute.

Mitmischen, nicht mehr mitbrüllen

Gut gebrüllt, Löwe! 14 Jahre hat Stoiber als Chef der Staatskanzlei diese Attitüde trainiert, 14 Jahre hat er gebrüllt, und 14 Jahre geglaubt, immer recht zu haben. Und dann flog plötzlich auf, dass der Löwe nicht richtig zubeißen kann. 2005, als die frisch gebackene Kanzlerin Angela Merkel Stoiber in ihr Bundeskabinett holen wollte, kniff Stoiber. Er hätte sich anpassen müssen, er wäre nur die Nummer 2 gewesen, das war für ihn keine Perspektive. Dann lieber heim nach Bayern - aber damit hatte die Partei ihre Probleme, Stoiber hatte überreizt. Keiner verstand seinen Rückzug. Keiner verstand, dass er das Angebot Merkels ablehnte, ein auf ihn zugeschnittenes größeres Ministerium für Wirtschaft zu führen. Das war der Anfang vom Ende der Ära Stoiber.

Noch ein Jahr läuft Stoibers Vertrag mit der EU-Kommission. Und dann? Pensionär mit S-Bahn-Karte und Kaffeekränzchen? Gott behüte. Kürzlich wurde bekannt, dass der Ministerpräsident a.D. Anfang Oktober einen Beraterjob übernehmen wird. Der private Fernsehsender Pro-Sieben-Sat1 hat ihn engagiert. In der Politik wird er auch weiter mitmischen, nur nicht mehr ganz so laut und wie früher. "Von öffentlichen Ratschlägen halte ich nicht viel", sagt Stoiber. "Wenn ich etwas anzumerken habe, dann mache ich das persönlich".

So ganz hält er die selbst gesetzte Devise natürlich nicht durch. "Ein ausgeglichener Haushalt ist heute in ganz Europa das Maß der Dinge und das Markenzeichen schlechthin für die CSU", sagt Stoiber. Ein Narr, der glaubt, da rede nur ein Politpensionär.

  • Gabriele Rettner-Halder