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Finanzkrise Wie das Geld in den Markt kommt


Mit einer Finanzspritze von 700 Milliarden Dollar wollen die USA die taumelnden Märkte beruhigen und die Eskalation der Krise abwenden. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Der Plan der US-Regierung

Der Rettungsplan hat eine gigantische Dimension: Rund 700 Milliarden Dollar will die US-Regierung in den maroden Banksektor stecken, das entspricht in etwa den laufenden Kosten des Irak-Krieges und würde das Haushaltsdefizit der USA glatt verdoppeln. Mit dem Geld greift der Staat den Banken kräftig unter die Arme und kauft deren faule Kredite auf. Zusätzlich hat die Notenbank Fed den Basis-Zins unter die Inflationsrate gesenkt. Geradestehen für das Versagen der Banken wird der amerikanische Steuerzahler. Vorläufig muss sich die US-Regierung das benötigte Geld leihen. Die zulässige Grenze der Staatsverschuldung wird dafür angehoben - von derzeit 10.6000 Milliarden Dollar auf 11.300 Milliarden.

Niels Kruse und Tiemo Rink mit DPA/AP/Reuters/AFP

Was genau wird mit dem Hilfspaket gemacht?

Details sind noch nicht bekannt. Eine grundsätzliche Vorgehensweise hat das US-Finanzministerium auf ihrer Webseite veröffentlicht. Danach stellt die Regierung bis zu 700 Milliarden Dollar bereit, um sowohl faule private als auch kommerzielle Hypotheken aufzukaufen. Ziel sei es, den Hypotheken- und Finanzmarkt zu stabilisieren. Der Ankauf der Kredite soll der Mitteilung zufolge nach Möglichkeit zu Marktbedingungen erfolgen. Das Hilfspaket betrifft allerdings nur Verträge, die vor dem 17. September 2008 abgeschlossen wurden.

Wie hoch werden die Gesamtkosten sein?

Schon bei der bisherigen Bekämpfung einzelner Brandherde der Kreditkrise - wie Fannie Mae und Freddie Mac - eilte die US- Regierung mit mehr als 300 Milliarden Dollar zu Hilfe. Der Preis der neuen Grundsatzlösung für die ganze Branche: umgerechnet rund 485 Milliarden Euro. Das ist weit mehr als der Umfang des deutsche Staatshaushalts für 2009 mit insgesamt 288 Milliarden Euro. Pessimisten rechnen am Ende sogar mit noch mehr Kosten, die der US-Steuerzahler tragen muss. Das Staatsdefizit könnte dann 11,3 Billionen Dollar (7,8 Billionen Euro) erreichen. Trotzdem sprechen Experten vom "kleineren Übel".

Wie kommen die Banken jetzt an Geld?

Die Europäische Zentralbank (EZB) nutzt sogenannte Schnelltender, um frische Milliarden in den Finanzmarkt zu pumpen. Ein Tenderverfahren (das englische Wort Tender steht für Ausschreibung, Angebot) ist ein auktionsähnliches Instrument. Will die EZB den Geschäftsbanken frisches Geld zur Verfügung stellen, bietet sie Geld zu einem Mindestzinssatz an. Banken und Sparkassen können innerhalb einer vorgegebenen Frist Gebote dafür abgeben. Am Ende der Angebotsfrist teilt die Zentralbank das Geld zu, bis der Gesamtbetrag erreicht ist, den sie als Liquidität zur Verfügung stellen will. Dabei berücksichtigt sie die günstigsten Angebote vorrangig, das heißt, wer den höchsten Zinssatz bietet, kommt zuerst zum Zuge. Je nachdem, wie schnell die Geschäftsbanken das frische Geld bekommen sollen, gibt es eine kürzere oder längere Frist zwischen der Ankündigung eines Tenders bis zu dessen Abwicklung: Beim Standardtender ist es höchstens ein Tag, bei einem Schnelltender sind es in der Regel nur 90 Minuten.

Wieviel Geld nehmen die Notenbanken in die Hand?

Die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank von England und die Schweizerische Notenbank (SNB) pumpten zusammen mehr als 76 Milliarden Dollar in den Markt, um damit Spannungen zu lindern. Die Bank von Japan will in Kürze 30 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (13,6 Milliarden Dollar) und Russland (13 Milliarden Dollar) griffen ein, um die Liquidität der Banken zu verbessern. Die US-Notenbank Fed hatte den anderen Notenbanken jüngst 180 Milliarden Dollar bereitgestellt, damit diese die Nachfrage der Banken nach Zentralbankgeld stillen können. Der Geldmarkt war nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers so gut wie zusammengebrochen. Untereinander liehen sich die Kreditinstitute Dollar zeitweise zu Zinsensätzen, die deutlich über dem Fed-Leitzins liegen.

Was ist der Unterschied zwischen Investment- und Geschäftsbanken?

Die Finanzkrise macht reinen Tisch: Mit Goldmann Sachs und Morgan Stanley verschwinden nun auch die letzten beiden Investmentbanken vom Markt. Investmentbanken sind Spezialbanken, die vor allem von Wertpapiergeschäften und Fusionen profitierten. In diesen Geschäftsfeldern sind zwar extrem hohe Renditen zu erzielen - allerdings sind die Risiken auch sehr hoch. Zu hoch, wie sich nun in der Krise zeigt. Geschäftsbanken bieten beispielsweise auch Girokonten für den normalen Bürger an. Damit unterliegen sie einer staatlichen Kontrolle. Investmentbanken hingegen bieten von vorneherein keine normalen Konten an - und dürfen deshalb unkontrolliert agieren. Zukünftig werden auch Goldmann Sachs und Morgan Stanley als normale Geschäftsbanken geführt. Die Aussicht auf das milliardenschwere Rettungspaket der US-Regierung ließ ihre Aktienkurse schon wieder steigen.

Wie schätzen Experten die Lage ein?

Ob der Plan der US-Regierung tatsächlich aufgeht, ist keineswegs sicher. "Es kann sein, das dies noch nicht vorbei ist", sagte der ehemalige Vize-Chef der US-Notenbank Fed, Alan Binder, in einem Interview mit der "New York Times". Die entscheidende Frage wird sein, ob die Aktienkurse nach der Ankündigung des Rettungsplanes nicht noch weiter fallen. Grundsätzliche Kritik am Vorgehen der Bush-Regierung kommt beispielsweise vom Unionsfraktionsvize Michael Meister: "Ich habe Zweifel, ob die Vorgehensweise dort die klügste ist", so der CDU-Politiker in einem Interview. Möglicherweise lege die US-Regierung mit dem gigantischen Rettungspaket bereits das Fundament für die nächste Krise, ähnlich wie nach dem 11. September. Damals habe die US-Notenbank den Leitzins massiv gesenkt und damit die Grundlage für die aktuelle Krise geschaffen.

Wie reagiert das Ausland?

Die US-Regierung möchte, dass auch andere Staaten Rettungsprogramme nach amerikanischem Vorbild auflegen. US-Finanzminister Henry Paulson erklärte, die USA würden "aggressiv" dafür werben. Die Bundesregierung hat aber wenig Lust dazu. Stattdessen übte Kanzlerin Merkel scharfe Kritik am amerikanischen Vorgehen. Mit ihrer Sturheit habe die USA andere Industriestaaten in die Krise hineingezogen. Merkel fordert schärfere Kontrollen und mehr Transparenz auf dem Finanzsektor. Andere Signale sendet der britische Premier Gordon Brown. Er werde "tun, was nötig ist", um die Krise zu bewältigen, so Brown auf dem Parteitag der Labour-Party. Das könnte auch bedeuten, den US-Kurs zu übernehmen.

Gibt es Auswirkungen auf Deutschland?

Die genauen Auswirkungen der US-Krise auf Deutschland sind noch nicht bezifferbar. In Politikerkreisen geht man jedoch davon aus, dass auch die deutsche Wirtschaft nicht ungeschoren davon kommen wird. Allein die IKB musste mit rund 1,2 Milliarden Euro aus Steuermitteln gerettet werden, weitere 600 Millionen kommen zusätzlich als Bürgschaft dazu. Nach dem Crash der Bank Lehmann Brothers in der letzten Woche wurde bekannt, dass auch deutsche Landesbanken mit bis zu einer Milliarde an dem maroden US-Bankinstitut beteiligt waren. Der SPD-Finanzexperte Carsten Schneider geht außerdem davon aus, dass es durch geringere Gewinne bei den Banken zu Steuermindereinnahmen kommen wird. Die Bundesregierung plant allerdings kein eigenes Programm zur Stabilisierung der Banken, und will sich selbst auch nicht an dem US-Paket beteiligen. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte, die aktuelle Krise habe ihre Ursache im US-Hypothekenmarkt und im Verbriefungsgeschäft. Deshalb sei das Vorgehen der Vereinigten Staaten richtig. Aus "Sicht der Bundesregierung ist eine solche Maßnahme, wie sie die USA getroffen haben, nicht nötig".

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Konjunktur?

Die Finanzkrise sei in ihrer Art beispiellos, sagte Wirtschaftshistoriker Robert Aliber von der Universität Chicago. Im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre brachte sie bisher die Gesamtwirtschaft zwar auf Talfahrt, riss sie aber nicht völlig in die Tiefe. "Der Rezessions-Zug ist losgefahren, aber er wird eher 18 Monate statt fünf Jahre unterwegs sein", schätzt US-Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini. Die Erträge der deutschen Banken werden nach Ansicht der Bundesbank in diesem Jahr stark unter Druck kommen. "Insbesondere bei den Großbanken, den Landesbanken und den Genossenschaftlichen Zentralbanken ist eine weitere Belastung des Bewertungsergebnisses zu erwarten", heißt es in einem Bericht der Deutschen Bundesbank. Weltweit führte die Finanzkrise bis jetzt zu Wertberichtigungen bei Banken von rund 500 Milliarden Dollar.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Verbraucher?

Für die Verbraucher in Deutschland dürften die aktuellen Turbulenzen kaum Folgen haben. "Bankkunden in Deutschland brauchen keinerlei Befürchtungen zu haben", sagt Finanz-Experte Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanz Zentrum (BFZ). Es sei zwar anzunehmen, dass die amerikanischen Pleite-Banken auch eine Reihe von Verbindlichkeiten gegenüber deutschen Kreditinstituten hätten. Deren Umfang hält sich an Ansicht Gerkes jedoch in Grenzen. Davon abgesehen seien die Einlagen der deutschen Bankkunden grundsätzlich durch die Entschädigungseinrichtung und den Einlagensicherungsfonds der Banken geschützt, sagt Gerke. Auch nach Einschätzung der Finanz-Expertin Edda Castello von der Hamburger Verbraucherzentrale müssen sich die Inhaber von Girokonten oder Sparbüchern keine Gedanken machen.

Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Finanzbranche?

Die Umwälzungen in der Bankenwelt werden laut Beobachtern in jedem Fall andauern. Sie rechnen mit neuen, wenn auch vielleicht weniger spektakulären Pleiten sowie mit weiteren Fusionen und Übernahmen. Die Kreditkrise sei längst nicht ausgestanden. Bisher mussten Banken weltweit über 500 Milliarden Dollar abschreiben. Durch den Rettungsplan werden die Institute zwar giftige Altlasten los, aber dafür dürften hohe Einmal-Wertberichtigungen anfallen. "Alle Probleme im Häusermarkt zusammengerechnet, wird eine weitere Billion Dollar an Abschreibungen nötig sein", so Finanzexperten.

Werden die Märkte nun schärfer kontrolliert?

Der Ruf nach größerer Transparenz und mehr Regulierung der Finanzmärkte wird auch in den USA immer lauter. Die Aussichten für strengere Regeln sind gut: Der Glaube an das freie Spiel des Marktes ist selbst in der Hochburg des Kapitalismus schwer erschüttert. "Die Leute sagen jetzt: 'Der Markt ist das Problem. Die Regierung ist die Lösung'", so der New Yorker Finanzhistoriker Richard Sylla. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert, dass nun auch die USA die "Basel-II"-Richtlinien umsetzt, die vor allem eine risikogerechtere Unterlegung von Eigenkapital der Banken regeln. Sie sind seit Anfang 2007 in Kraft - zunächst allerdings nur in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Die USA, die die neuen Vorgaben innerhalb der großen Industrienationen selbst angeregt hatten, haben die Einführung bereits mehrfach verschoben. Hintergrund sind erhebliche Unterschiede zwischen US-Großbanken und kleineren Instituten des Landes sowie Differenzen unter den vier amerikanischen Aufsichtsbehörden. Aus Sicht der Bundesregierung und der Kreditwirtschaft hätte die Finanzkrise in dieser Form vermieden werden können, wenn die "Basel- II"-Vorgaben in den USA bereits eingeführt worden wären.


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