HOME

Generationswechsel: Das große Flattern im Berliner Vogelpark

Es ist doch klar, irgendwann wollen die Jungen ran, und da darf man nicht zimperlich mit den Alten sein. Ulrike Posche über den Abgang der roten und schwarzen Kampfhähne.

Die Monate von September bis November sind von jeher bewegte Zeiten im Vogelpark Walsrode. Denn dann sind die Jungvögel flügge, die Mohrenklaffschnäbel, die Feigenpapageien, die lebhaften Orixweber, die Gaukler und die Blaunackenmausvögel. Im November ist Schluss mit den schnellen Freiflügen durch die Paradiesvoliere, die Jungen wollen raus, in neue, eigene Gehege. Sie wollen endlich auch mal Chef im Schwarm sein.

Als Franz Müntefering, 65,

am vergangenen Samstag, aufrecht wie ein Kronenkranich, auf die Bühne der Stadthalle von Walsrode schreitet, sitzen sie alle vor ihm, die Mausvögel, die Gaukler, die Klaffschnäbel. Und deshalb fällt ihm ein, wie er einst selbst war, gleich nach dem Flüggewerden. "Wir waren damals noch Jusos und hatten schöne, lange Haare, der Peter Struck und ich, die haben wir immer so geschüttelt", sagt Müntefering und macht vor, wie der Uelzener Noch-Verteidigungsminister, der nun blankköpfig und Pfeife rauchend vor ihm im Saal sitzt, einst die Haare schüttelte.

Damals hätten sie Herbert Wehner einen Protestbrief geschrieben, der "soll den Quatsch lassen mit der großen Koalition". Aber SPD-Zuchtmeister Wehner hat nicht auf die jungen Wilden gehört, "und das war wahrscheinlich gut so". Müntefering hat auch nicht auf die Jungen gehört, und das war "nicht gut für uns, für die Partei, für mich". So sieht er das heute.

Was ist eigentlich los mit den grauen Stars der Politik? Entweder sie neigen zu Panik und Drama, oder sie pöbeln rum, weil sie ihren Job nicht abgeben wollen. Sie türmen, wenn sie nicht Chefbestimmer sein dürfen, oder sie schmeißen die Plünnen hin, wenn die anderen nicht so wollen wie sie selbst.

So ist das bei Präsident Horst Köhler, 62, gewesen, der Deutschland in seiner Fernsehansprache Mitte Juli mit zittriger Stimme an den Abgrund quatschte: "Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel."

So ist das bei Gerhard Schröder, 61: "Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, indem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden. Also, ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen."

So ist das bei Doktoredmundstoiber von der CSU, der Supermegaminister werden wollte und dann stiften ging, als er merkte, dass er möglicherweise gar nicht der Omega Man in der Koalition werden würde. Superminister - allein diese Jobbeschreibung eines 64-jährigen Politveteranen wäre es wert, von einem Psychoanalytiker gedeutet zu werden.

Schließlich Franz Müntefering, 65, der sich ein Alter Ego, den Herrn Wasserhövel, als Generalsekretär hatte absegnen lassen wollen. Doch dann hatten die Leute in seinem Vorstand tatsächlich einfach - und gegen alle Gepflogenheit - gewählt! Sie haben praktisch genau das getan, was Köhler den Menschen im Juli mit der bebenden Stimme einer Fürbitten-Leserin mitgab: "Schauen Sie bitte genau hin. Demokratie heißt, die Wahl zu haben zwischen politischen Alternativen."

Da haben die SPD-Leute Andrea Nahles, 35, gewählt. Und "Bild" sabberte anderntags etwas von "Münte-Mörderin" und davon, dass diese Frau "mal einen Mann braucht" - was ein 62-jähriger "Bild"-Schreiber eben so fantasiert. Müntefering schmiss die Brocken hin, alle hatten ein schlechtes Gewissen. Der Hamburger Johannes Kahrs vom rechten Flügel der SPD, der normalerweise auf der Homepage sein Lieblingsrezept für Apfelkuchen à la Kahrs preisgibt, wäre am liebsten auf Hackepeter à la Nahles geschwenkt. Keine Fernsehsendung, in der er nicht die Messer wetzte.

Und Gerhard Schröder,

der in langen Phasen seines Lebens so etwas wie der Ego-Shooter der deutschen Politik war, gab sich auf Niveau empört. "In den großen Volksparteien rangiert der persönliche Ehrgeiz Einzelner gelegentlich vor der Verantwortung für das Ganze", sagte er, nachdem der Franz die Kündigung angekündigt hatte. Sagt ausgerechnet er! "Der Knecht ist nicht größer als sein Herr", heißt es in Johannes 13, Vers 16. Hatte nicht gerade Schröder seinen Jüngern gezeigt, wie man mit Ego und Chuzpe siegt?

Man muss das einmal erlebt haben, wie jungen Politikern die Parteiräson quasi schon in der Kita eingebimst wird. Als sich der erste gesamtdeutsche Bundestag im Jahr 1991 zusammenfand, lud der damalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel die Frischlinge zu sich nach Hause in die Bonner Wohnung ein. Es gab spanischen Rotwein, und Vogels Frau Liselotte hatte Nudelsuppe gekocht.

Peter Struck, Fraktionsgeschäftsführer damals und demnächst Fraktionschef, erklärte, wie sie das so machen, mit dem Wählen und Abstimmen; und dass man eben nicht einfach so abstimmt, wie man will und denkt, am Ende sogar noch mit dem politischen Gegner. Keine Freiflüge durchs Paradies. Struck nannte die Regel gleich beim Namen: Fraktionszwang. "Wie jetzt, Fraktionszwang?", fragten damals die grünschnäbeligen Ost-Abgeordneten, aber auch die aus dem Westen: "Wir dachten eigentlich, wir wären hier jetzt in 'ner Demokratie." Aber dann haben sie sich ziemlich schnell daran gewöhnt, dass Wählen unter Parteifreunden alles andere als "die Wahl haben" heißt. Das ist übrigens nicht nur in der SPD so.

Deshalb hat eigentlich auch nur Werner Schulz von den Grünen damals gegen den Kanzler und dessen Idee von der Neuwahl protestiert. Die anderen haben es als Angebot genommen, das sie nicht ablehnen durften. Widerstand zwecklos, Schröder hatte entschieden. Von da an waren die Mitglieder der beiden Regierungsfraktionen genau genommen Geiseln. Sie sollten ihm vertrauen, indem sie ihm das Misstrauen aussprachen. Viele haben das zwar bis heute nicht verstanden, aber still erduldet und dann gemacht, was der Chef gesagt hat. Der Rest ist bekannt. Und der mutige Werner Schulz ist nicht mehr im Bundestag. Wie heißt es so schön: Ist der Zirkus noch so klein, einer muss der August sein.

Jetzt also haben sie, die Genossen von der SPD, es sich getraut und Wasserhövel nicht gewählt. Jetzt haben sie einfach mal so getan, als wären sie in einer Demokratie. "Das war ein Betriebsunfall", sagt der künftige Vizekanzler Müntefering. Das ist seine Art, mit dem eigenen Sturz umzugehen. Sauerländisch und unsentimental. Ein Unfall in der Geschichte der Sozialdemokratie, sagt Münte, "gar nicht so schlimm", und kommt gleich mit der weißen Salbe.

Auf dem niedersächsischen Parteitag redet er so warmherzig und seelenvoll, so franzmünteferingsch und "eng an der Brust", dass dem designierten SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, 33, gleich der blaue Nackenflaum zittert. Er rutscht unruhig auf dem Stuhl hin und her. Vielleicht, weil er riecht, wie im Foyer die Currywurst für die Delegierten angerichtet wird, vielleicht aber auch, weil er fürchtet, dass nun der Zorn der niedersächsischen Genossen über ihn hereinbricht. Heil war es, der mit einer Telefonkonferenz dafür gesorgt hatte, dass gerade die Jungen im Vorstand für die 35jährige Nahles stimmten.

Und der Zorn bricht dann auch herein. "Wir Niedersachsen erkennen unsere Schweine am Gang", ruft ein wütender Delegierter. Da trippelt Heil ganz schnell aufs Podium, legt dem Franz die Hand auf die Schulter, flüstert ihm was ins Ohr und tut schön mit ihm.

Auch Sigmar Gabriel, 46,

schickte Nahles an die Rampe, und Garrelt Duin ("Der Hüne von der Düne"), ein 37-jähriger Ostfriese mit Platzeck-Bart ebenso. Nun ist Münte weg, Nahles verbrannt, Gerhard Schröder wird wieder Anwalt. Umstürzler Hubertus Heil ist so gut wie neuer SPD-Generalsekretär. Sigmar Gabriel, 46, ist ins Kabinettkorsett gebunden worden als zukünftiger Umweltminister - es wäre gefährlicher, ihn frei durch die Bundestags-Voliere fliegen zu lassen, erklären seine Parteifreunde. Und Garrelt Duin darf Chef im Niedersachsen-Schwarm der SPD werden.

Da sitzt die 54-jährige Ex-Forschungsministerin Edelgard Bulmahn still lächelnd zwischen Peter Struck, 62, und Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier, 69, am Tisch im Plenum. Sie blickt auf die Gaukler, Klaffschnäbel und Blaunacken-Mausvögel auf dem Podium und denkt sich: Wieso kann eigentlich ich nicht so gut kungeln, netzwerkeln und telefonschaltkonferieren? Aber das ist dann wirklich noch mal ein ganz anderes Thema.

Ulrike Posche / print