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Freilassung von Peter Steudtner: Die Bros vom Bosporus: Gerhard Schröder, der Erdogan-Versteher

Altkanzler Gerhard Schröder soll eine zentrale Rolle bei der Entlassung des Menschenrechtslers Peter Steudtner aus türkischer U-Haft gespielt haben. Wird der SPD-Politiker nach Putin- nun auch zum Erdogan-Versteher?

Die Bros vom Bosporus: Gerhard Schröder, der Erdogan-Versteher

Altkanzler Gerhard Schröder und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan haben ein freundschaftliches Verhältnis (Archivbild)

Peter Steudtner ist frei. Nach mehr als drei Monaten in türkischer Untersuchungshaft ist der Menschenrechtler wieder auf freiem Fuß. Diplomatisches Geschick habe zu diesem zweifelhaften Erfolg geführt, heißt es. Oder wie Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sagt: zum "ersten Zeichen der Entspannung". Verantwortlich scheint dafür aber weder er, noch Bundeskanzlerin Angela Merkel zu sein. Zumindest nicht direkt. Ausgerechnet Altkanzler Gerhard Schröder soll eine zentrale Rolle bei der Freilassung gespielt haben. Manch einer würde auch sagen: Wenn nicht er, wer sonst?

Es ist kein Geheimnis, dass der ehemalige Bundeskanzler der SPD (1998 bis 2005) ein freundschaftliches Verhältnis zu dem russischen Präsidenten pflegt. Böse Zungen würden sagen: Er hat ein Händchen für Despoten. Darauf angesprochen, etwa im Dokumentarfilm "Macht. Mensch. Schröder" von 2014, spricht Schröder von einem außerordentlich verlässlichen Mensch. Es sei eine menschliche Verbindung entstanden, "die man Freundschaft nennen kann." Nur wenige Monate zuvor hat Wladimir Putin die ukrainische Halbinsel Krim annektiert. Bis heute ist die Annexion ein Reiz- und Streitthema auf bundespolitischer Ebene und eine Belastung der bilateralen Beziehungen. Schröder lobt seinen Weggefährten bis heute als "lupenreinen Demokraten". Und wird nun Aufsichtsratschef bei Putins halbstaatlichen Öl-Konzern Rosneft.

Es fällt schwer, vor diesem Hintergrund an Zufälle zu glauben. Auch im Fall von Peter Steudtner und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Gerhard Schröder, Freund und Helfer

Schröder wurde gezielt als Vermittler in dieser Angelegenheit installiert, wie Bundesaußenminister Sigmar Gabriel dem "Spiegel" durch die Blume bestätigt hat. "Ich bin Gerhard Schröder sehr dankbar für seine Vermittlung", sagte er dem Nachrichtenmagazin.

Am 1. September soll der Masterplan geschmiedet worden sein, berichtet nun die "Süddeutsche Zeitung". Demnach habe sich Schröder auf Ersuchen seines Parteikollegen Gabriel, der die Idee geliefert haben soll, im Kanzleramt eingefunden, um sich auch die Zustimmung Merkels einzuholen. In den Tagen um die Bundestagswahl soll sich das Treffen zwischen Erdogan und Schröder abgespielt haben. Wie die Zeitung schreibt, habe das Gespräch gut zwei Stunden gedauert. Angeblich habe sich Erdogan viel Zeit genommen, das Verhalten der Bundesregierung gegenüber der Türkei zu beklagen.

Aber warum ausgerechnet gegenüber Schröder? Nun ja: Die beiden verbindet zumindest eine politische Freundschaft.

"Gerhard Schröder hat einen neuen Männerfreund", schreibt die "taz" bereits 2005. Noch als Bundeskanzler hat sich Schröder, gemeinsam mit Frankreichs ehemaligem Präsidenten Jacques Chirac, um die Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen mit der Türkei bemüht. "Der von Ministerpräsident Erdogan vorgeschlagene Weg weist in die richtige Richtung", sagte er damals. Momente, an die sich Erdogan wohl gern zurückerinnert. Vor allem mit Angela Merkel als aktuelle Bundeskanzlerin, die den Beitritt der EU eigentlich nie wirklich aber "innerhalb der EU vertragstreu" mitgetragen habe, wie die "Süddeutsche Zeitung" weiter schreibt. 

Bereits Anfang des Jahres hat sich ein Vertrauter Erdogans im "Spiegel" für eine Vermittlung Schröders zwischen Berlin und Ankara ausgesprochen. Der Altkanzler könne den Dialog "wiederbeleben". Er genieße "die nötige Glaubwürdigkeit". Erst Ende des vergangenen Jahres nahm Schröder, von "Tayyip" werde er "Gerd" genannt, einen Preis in der Türkei entgegen.

"Der SPD-Politiker ist Erdogans deutscher Freund geblieben, während andere Freundschaften in die Brüche gingen.", kommentiert die "Süddeutsche Zeitung". "Schröder blieb Erdogan als Kanzler im Gedächtnis, der es gut meine mit seiner Türkei, sie aufrichtig in die EU führen wollte." 

"Die Vermittlerrolle muss eine Ausnahme bleiben"

Peter Steudtner hat dieser Umstand womöglich die Freiheit ermöglicht. Dass Gerhard Schröder die Vermittlerrolle angenommen hat, ist ebenfalls zu begrüßen. Doch: "Es liegt nicht an Erdogan, sich auszusuchen, wer auf deutscher Seite ein Ansprechpartner ist. Deshalb muss die Vermittlerrolle des Altkanzlers eine Ausnahme bleiben", meint die Zeitung.

Denn nicht nur die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hegt einen Verdacht: "Auf Tauschgeschäfte nach alter osmanischer Sitte kann und darf Deutschland sich nicht einlassen." Für den "Tagesspiegel" war die Vermittlung Schröders zwar "richtig", aber die Bundesregierung müsse offenlegen, "ob es eine Gegenleistung gab".


Ob es eine Gegenleistung gegeben hat, ist nicht überliefert. Darüber hinaus kommt die Frage auf, ob die Freilassung Steudtners - dessen Verfahren am 22. November in der Türkei noch fortgesetzt wird - tatsächlich ein "erstes Zeichen der Entspannung" (Gabriel) ist: Noch immer sitzen mindestens zehn weitere Deutsche aus politischen Gründen in türkischer Haft. 

Nun fehlt eigentlich nur noch ...

Zwei Tage nach der Freilassung Peter Steudtners haben die Außenminister beider Länder, Sigmar Gabriel und Mevlüt Cavusoglu, miteinander telefoniert. Gabriel habe in dem Gespräch seine Freude über die Freilassung Steudtners zum Ausdruck gebracht, sagte Außenamts-Sprecherin Maria Adebahr heute in Berlin. Außerdem habe er sein Interesse an einem weiteren Dialog und einer Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Ländern deutlich gemacht.

Zu weiteren Gesprächsinhalten äußerte sich die Sprecherin nicht. Die beiden hätten vereinbart, im Gespräch zu bleiben. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, Gabriel habe das Telefonat initiiert.

Gerhard Schröder hat das Scheinbar unmögliche möglich gemacht und zumindest den Kontakt wieder hergestellt. Lakonisch schreibt "Spiegel Online" in seinem Morningbriefing: "Angesichts dieser Erfolge, so lautet nun die Frage in der Bundesregierung: Würde es nicht Sinn ergeben, Schröder mal zu Trump zu schicken?"

fs/Mit Material der DPA