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Gewalt gegen Kinder: Hilferuf für die Kevins dieser Welt

Weltweit sterben 3500 Kinder jährlich durch Misshandlung. Das Kinderhilfswerk Unicef hat nun eine Studie vorgestellt, die das Ausmaß der Gewalt beschreibt. Gleichzeitig erläuterte Familienministerin von der Leyen, wie sie eine Wiederholung des Falls Kevin verhindern will.

Von Florian Güßgen

Das Völkerrecht schützt Kinder. Theoretisch. In Artikel 19 der Uno-Konvention über die Rechte des Kindes heißt es: "Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltung-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen, um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung" zu schützen.

"Mini-Bürger mit Mini-Menschenrechten"

Wie wenig sich die Norm weltweit durchgesetzt hat, belegt nun die Studie "Gewalt gegen Kinder", die das Uno-Kinderhilfswerk Unicef am Freitag in Berlin vorgestellt hat. Die Untersuchung wirft ein Schlaglicht auf viele Facetten einer tristen Wirklichkeit: Allein in den 30 Mitgliedsstaaten der Industrieländerorganisation OECD etwa sterben jedes Jahr 3500 Kinder an den Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung. In Deutschland, berichtet Unicef, kommen deshalb jede Woche zwei Kinder um. Geschätzte 150 Millionen Mädchen und 73 Millionen Jungen unter 18 Jahren werden zum Geschlechtsverkehr gezwungen oder geschlagen. Nur 102 von über 200 Staaten haben körperliche Strafen in Schulen verboten. "Kinder werden oft lediglich als Mini-Bürger mit Mini-Menschenrechten angesehen", sagte Paulo Sergio Pinheiro, der Leiter der Studie. Zwar, sagte er, gehe die Gewalt gegen Kinder jeden an. "Aber die Regierungen müssen die Hauptverantwortung für den Schutz der Kinder übernehmen. Es gilt ein starkes, unmissverständliches Signal zu setzen, dass die Gesellschaft Gewalt gegen Kinder nicht akzeptiert."

Forderung nach gesetzlichen Gewaltverboten

Die Studie steht in erster Linie für einen Hilferuf. Über drei Jahre lang hat der Brasilianer Pinheiro im Auftrag der Uno-Vollversammlung das jetzt vorliegende Dokument erarbeitet - mit Unterstützung von Unicef, der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie dem Uno-Hochkommissar für Menschenrechte. Zwar habe es enorme Schwierigkeiten bei der Datensammlung gegeben, sagte Pinheiro, und die Studie habe auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber jene Daten, die man erhalten habe, ließen eine erschreckende Situation deutlich werden.

Als Konsequenz forderte er alle Regierungen auf, gesetzliche Gewaltverbote gegen Kinder zu erlassen - vom Verbot der Prügelstrafe bis hin zum Verbot der Mädchenbeschneidung. Zudem drang der Brasilianer auf ein generelles Verbot der Todesstrafe für Heranwachsende unter 18 Jahren, verbesserte Vorsorge, etwa im Kampf gegen Alkohol- und Drogenmissbrauch, sowie verbesserte Beratung und Hilfe. "Es ist wichtig, dass es in jedem Land eine nationale Strategie gibt", sagte Pinhiero. "Wir müssen all jene schulen, die beruflich mit Kindern zu tun haben."

"Kleine Fehleinschätzungen führen zur Katastrophe"

Nur ein paar Meter vom Raum der Unicef-Pressekonferenz entfernt hatte sich zuvor Familienministerin Ursula von der Leyen mit der deutschen Strategie beschäftigt. Sie stellte zwei Projekte vor, die mit Hilfe des Bundes versuchen sollen, "Frühwarnsysteme" gegen die Vernachlässigung von Kindern zu errichten. Der Fall des kleinen Kevin in Bremen hatte in den vergangen Wochen Handlungsbedarf verdeutlicht. Insgesamt sollen zehn Millionen Euro investiert werden. "Es sind kleine Fehleinschätzungen, die in der Summe zur Katastrophe führen", analysierte die CDU-Politikerin von der Leyen. Deshalb gelte es, die Verzahnung und die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und den verschiedenen an der Kinder- und Jugendhilfe beteiligten staatlichen Stellen zu verbessern. Gesetzliche Pflichtuntersuchungen lehnte sie ebenso ab wie finanzielle Sanktionen gegen die Eltern. Diese nützten den Kindern im Alltag wenig, sagte sie.

Länderübergreifende Projekte

Von der Leyen warnte vor übereiltem Handeln unter dem Eindruck des Falles Kevin. "Was wir nicht brauchen", sagte sie, "ist Aktionismus und Strohfeuer. Eine langfristige Strategie ist notwendig". Dabei, so von der Leyen, trügen die Bundesländer und die Kommunen einen wichtigen Teil der Verantwortung. Der Bund, so die Ministerin, könne vor allem dafür sorgen, die Forschung zur Frühwarnung voranzutreiben.

Ein Projekt, das in Baden-Württemberg, in Bayern, in Rheinland-Pfalz und in Thüringen getestet wird, nennt sich "Guter Start ins Kinderleben". Hier geht es den vier festen Mitarbeitern vor allem darum, die vorhandenen Angebote von Jugend- und Gesundheitshilfe vor Ort systematisch zu vernetzen und die Kommunikatin zu verbessern. Dies soll vor allem über die Schulung von Ärzten und jenen erreicht werden, die in der Jugendarbeit tätig sind. Die Stiftung "Pro Kind“ will in Niedersachsen, Sachsen und Bremen versuchen, junge Mütter, die sich in einer sozialen Problemlage befinden, besonders intensiv zu betreuen.

Von der Leyen äußerte sich am Freitag erneut zu einer möglichen Änderung des Grundgesetzes. Kurz nach der Entdeckung Kevins in Bremen hatte sie vorgeschlagen, Kinderrechte in der Verfassung zu verankern. Diesmal formulierte die Minister vorsichtiger, sagte aber, dass jeder Mensch ein Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit habe. Dieses Recht könne ein Kind aber nur wahrnehmen, wenn es Zugang zu Erziehung und Bildung habe.