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Islamismus: Ruhe vor dem Sturm?

Ist solch eine Welle von Gewalt und Gegengewalt wie in den Niederlanden auch bei uns denkbar? stern-Reporter besuchten Sicherheitsexperten, Terrorfahnder und Allahs höchst unterschiedliche Gemeinden.

Wiesbaden Deutschlands Sicherheitsexperten treffen sich am 2. November zur Herbsttagung des Bundeskriminalamtes. Thema der Veranstaltung: "Netzwerke des Terrors - Netzwerke gegen den Terror". Innenminister Otto Schily spricht von der "Asymmetrie des Terrors". Er meint damit den prinzipiellen Vorteil von Terroristen gegenüber ihren Verfolgern: "Wir sind nur erfolgreich, wenn wir alle Anschläge verhindern - denen genügt ein einziger Erfolg, um das Chaos auszulösen." Fünf Stunden zuvor ist der niederländische Filmemacher Theo van Gogh von einem radikalen Muslim regelrecht abgeschlachtet worden; bis in den Saal aber ist die Nachricht noch nicht gedrungen. Beim anschließenden Häppchenessen im Casino ist Holland kein Thema.

Soest/Essen Nach Schätzungen des Islamarchivs in Soest und des Zentrums für Türkeistudien in Essen leben heute 3,4 Millionen Muslime in Deutschland, doppelt so viele wie vor 20 Jahren. Genaue Zahlen kennt niemand, denn der deutsche Islam ist ein amorphes Gebilde. Es gibt keine Amtskirche, keine Taufurkunden, keine Priesterweihen. Als Muslim gilt, wer vor zwei anderen Muslimen bekannt hat: "Ich bezeuge, dass Allah der alleinige Gott ist und Mohammed sein Diener." Das genügt. Die 2400 Moscheen in Deutschland werden meist von örtlichen Vereinen betrieben, oft in Hinterhöfen und Industriebauten. Etwa jeder zehnte Muslim soll Mitglied in einem dieser Vereine sein.

Köln

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BMV) spricht in seinem jüngsten Jahresbericht von 24 aktiven islamistischen Organisationen mit 31000 Mitgliedern. Ihr gemeinsames Merkmal: Sie lehnen Demokratie und Integration mehr oder weniger deutlich ab. Die größte Gruppe ist die türkische Milli Görüs mit 26500 Mitgliedern und rund 300 Moscheegemeinden. Obwohl sich Milli Görüs zum deutschen Rechtsstaat bekennt, werfen ihr die Verfassungsschützer "desintegrative Bildungsarbeit" vor sowie die Förderung "islamistischer Milieus". Als Anhänger gewaltbereiter Gruppen gelten rund 3000 Muslime - knapp 0,1 Prozent der deutschen Muslime -, als potenziell terroristische "Gefährder" rund 200. Die These von terroristischen "Schläfern", die plötzlich zuschlagen, wurde aufgegeben. "Schläfer gibt es nicht", so Verfassungsschützer Jan Keller. Die bisherigen Terroranschläge und Planungen zeigten, dass alle Täter eingewoben waren in weit verzweigte Netzwerke, die man bei genauer Beobachtung vermutlich rechtzeitig hätte aufdecken können. Wenn also geschlafen wurde, dann seitens der Behörden.

Dietzenbach

Wenn Steven Smyrek sich auf seinem Balkon das Fahrrad schnappt, beobachten ihn die Staatsschützer vom gegenüberliegenden Wohnblock aus, wo sie sich häuslich eingerichtet haben. Kommt der 33-Jährige aus dem Haus, wartet dort schon ein mobiles Einsatzkommando. Sobald der in einem libanesischen Terrorcamp ausgebildete Hisbollah-Kämpfer losradelt, sprinten zwei Polizeikräfte auf Dienstfahr- rädern hinterher. Dicht gefolgt von motorisierten Kollegen, die aus einem zivilen Überwachungsfahrzeug die Tour durch die südhessische Kleinstadt observieren. Smyrek ist ein zum Islam konvertierter Deutscher, der wegen Terroraktivitäten sechs Jahre in israelischer Haft saß, bevor er im Januar nach Deutschland zurückkehrte. "Für uns ist es eine Ehre, in den Tod zu gehen, für den Islam, für Allah", sagte er kurz vor seiner Freilassung. Jetzt wird der Mann rund um die Uhr bewacht, was rechnerische Kosten von über 300000 Euro im Monat verursacht. So wie Smyrek halten die Behörden deutschlandweit die rund 200 islamistischen "Gefährder" ständig "unter Wind". Nicht 24 Stunden lang, aber eng genug, so hoffen sie.

Berlin

"Diese Deutschen, diese Atheisten, rasieren sich nicht unter den Armen. Ihr Schweiß verbreitet einen üblen Geruch, und sie stinken. (...) Im Jenseits kann der Deutsche wegen seiner Ungläubigkeit nur das Höllenfeuer erwarten." So die Worte eines Predigers in der Kreuzberger Mevlana-Moschee, wie ein Tonbandmitschnitt beweist, der vergangene Woche bekannt wurde. Die Moschee gehört zur "Islamischen Föderation", dem Dachverband von zwölf der insgesamt 33 Moscheen von Berlin. Der Föderation, die sich gerichtlich die Zuständigkeit für islamischen Religionsunterricht an 37 Berliner Schulen erstritten hat. Der Verwaltungsratsvorsitzende der Föderation, Burhan Kesici, hat in Berlin Politologie studiert. "Auf unseren Druck wurde der Geistliche seiner Ämter enthoben", sagt er. Wer kann es nachprüfen?

München "Ziegenficker" hatte der ermordete van Gogh die holländischen Muslime immer wieder genannt. Das sei "keine Art und Weise des Umgangs" miteinander, meint der 51-jährige Sozialpädagoge Manfred Bosl. Seit 20 Jahren setzt sich Bosl in der "Initiativgruppe Interkulturelle Begegnung und Bildung" vor allem für türkische Frauen ein. Mit Überzeugungsarbeit habe die Gruppe schon "Tausenden beim Anschluss an diese Gesellschaft geholfen". Seine wichtigste Erkenntnis: "Das Entscheidende bei jeder kulturellen Auseinandersetzung ist: Man darf den anderen nicht als Kollektivwesen einstufen. Das wird dessen persönlicher Würde nicht gerecht."

Bamberg

An der fränkischen Universität wird jährlich der deutsche Zuwanderungs- und Integrationsbericht erstellt. Chefauswerter ist der Soziologe Friedrich Heckmann. "Im Moment sehe ich nicht, dass Bedingungen wie in Holland bei uns herrschen", sagt Heckmann. "Deutschland ist nie von einem reinen multikulturellen Modell ausgegangen, sondern immer ohne Illusionen von einem Integrationsmodell." Probleme gibt es trotzdem. Nach Heckmanns und anderen Studien unterscheiden sich muslimische Einwanderer deutlich von anderen: Sie sind religiöser, erreichen geringere Bildungsabschlüsse, sprechen schlechter Deutsch, haben konservativere Ansichten, erfahren häufiger familiäre Gewalt, befürworten häufiger "Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen". Der äußere Druck, ob durch Arbeitslosigkeit oder Anfeindungen nach den Terroranschlägen, habe nun den Islam wieder attraktiver gemacht. Wer am unteren Rand einer kulturell fremden Gesellschaft steht, suche eben Schutz in Tradition und Religion. Dies gelte besonders für jüngere Muslime. Ein Negativkreislauf, der zum Beispiel bewirke, dass viele muslimische Mädchen wieder Kopftuch tragen und nicht an Schulausflügen und gemischtem Sportunterricht teilnehmen.

Stuttgart

Nach dem Freitagsgebet in der Moschee an der Heinrich-Baumann-Straße unterhalten sich einige Gläubige im Café-Raum, einer von ihnen ist Faruk Ceran, 32. "Wir distanzieren uns von Gewalt und Terrorismus", sagt er, "doch wir haben kein Sprachrohr. Was wir sagen, kommt nicht an. Junge Muslime werden als potenzielle Terroristen verdächtigt, obwohl sie dem deutschen Staat verbunden sind." Vorbeter Iman Seyfi Bozkus führt in sein enges Büro zwischen dem Café und einem kleinen Lebensmittelladen. "Unsere Moschee gibt es seit 25 Jahren", sagt er. Probleme mit den Deutschen hätte er kaum. Höchstens, wenn zum Ende des Ramadan statt 200 mehr als 1000 Gläubige kommen und die Straßen zugeparkt werden. "Wir müssen ruhig sein und die Anwohner nicht stören."

Duisburg

Im Türkenghetto im Stadtteil Bruchhausen ist die Stimmung nach den Ausschreitungen in den Niederlanden angespannt. Muhammed, ein 21-jähriger Muslim, kommt gerade aus der Moschee. "Die Glaubensbrüder in den Niederlanden tun das Richtige", sagt er. "Seht euch doch das Land dort an: überall Huren, Schwule, Kiffer, Säufer." Das sei gottlos, da müsse Ordnung geschaffen werden.

Frankfurt

Im Aufenthaltsraum der Abu Bakr Moschee in Frankfurt-Hausen gibt es weiß-blaue Tischdecken, süßen Pfefferminztee, dazu Fernsehbilder vom Sturm auf das irakische Falluja. "Ein schlechter Fisch reicht, und die ganze Küche stinkt", schimpft einer über die niederländischen Extremisten, die den ganzen Islam in Verruf brächten. "Man hätte van Gogh vor Gericht stellen müssen. Oder noch besser: einfach ignorieren", sagt Ahmed El Kaddouri. Der 36-Jährige, der bei Rolls-Royce in Oberursel arbeitet, ist es leid, sich ständig für seine radikalen Glaubensbrüder rechtfertigen zu müssen.

Mörfelden-Walldorf

Ein vierstöckiges Geschäftshaus im Gewerbegebiet von Mörfelden-Walldorf, 15 Kilometer südlich von Frankfurt. Bunte Streifen an der hellen Fassade lassen es freundlicher erscheinen als die umliegenden Büroklötze. Am pinkfarbenen Briefkasten firmiert unscheinbar eine Yeni Akit GmbH, darüber der Name "Vakit", die deutsche Niederlassung der türkischsprachigen Tageszeitung "Anadoluda Vakit", der Stimme Anatoliens. Das Blatt (in Deutschland angeblich 10 000 Auflage) kommentiert den Mord an van Gogh so: "Nicht alle Tötungs- delikte sind auch Morde. Angreifer, Besatzer und Provokateure sollten in den Filmen, die sie drehen, in Büchern, die sie schreiben, und in Kolumnen, die sie verfassen, darauf achten, dass die Geduld der Menschen (...) eine feine Grenze hat. (...) Es gibt etwas wie legale Selbstverteidigung." Der hessische Verfassungsschutz schaltet die Staatsanwaltschaft ein.

München

Erhan Parlak und Kemal Fakili betreiben in der Münchner Bahnhofsgegend den "Anadolu-Süpermarket". Zwischen Döner-Imbiss, türkischer Bank, Handyshop und Billigfriseur bieten sie frisches Gemüse an. Die beiden Anatolier plagen keine Multikulti-Probleme. Ihre Formel: "Fanatiker gibt es überall, und Terroristen sind für uns keine Muslime." Ähnlich äußern sich viele Besucher von Moscheen in fünf Städten, die stern-Reporter aufsuchen.

Wiesbaden/Berlin

Wie jeden Mittwoch konferieren auch an diesem 10.November die deutschen Sicherheitsbehörden per Telefonschaltung; das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter, der Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst. Diesmal gibt es nur ein Hauptthema: Drohen Unruhen wie in den Niederlanden auch bei uns? Der Informationsaustausch ergibt, dass derzeit nirgendwo ernsthafte Anzeichen dafür zu sehen sind. Weder bei den 169 rechtsradikalen Gruppierungen hierzulande noch in den Moscheen. Allahs deutsche Gemeinde ist wegen des großen Anteils türkischstämmiger Muslime nicht so "explosiv" zusammengesetzt wie niederländische, in der der Anteil der Araber viel höher ist. Und Rechtsextreme, die die Islamisten bisher für deren "antiamerikanischen und antisemitischen Kampf" bewunderten, haben noch ideologische Probleme. Außerdem, so die Analyse, "fehlt bei uns ein Schlüsselereignis, eine Initialzündung".

Fazit der Sicherheitsleute: Die Gefährdungslage ist nicht erhöht. Vorläufig. Ist das eine gute Nachricht oder nur die Ruhe vor dem Sturm? Ein Teilnehmer der Schaltkonferenz "möchte wetten, dass bei ähnlichen Anlässen, bei denen die Volksseele kocht, auch bei uns Moscheen und Kirchen brennen".

München

Am Donnerstag, den 11. November, beschließt die CSU das Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Schulen. Sie hofft, das Gesetz so raffiniert gestaltet zu haben, dass Nonnenhauben erlaubt bleiben. Einen Tag später fordert CSU-Generalsekretär Markus Söder, vor dem Unterricht "wieder Schulgebete einzuführen". Das gebe "Halt und Orientierung".

Stuttgart

Herbert L. Müller ist Verfassungsschützer in Stuttgart und promovierter Orientalist. Er hält nichts von überspitzten Bürgerkriegsszenarien und warnt vor Öl im Feuer. Aber er wünscht sich "endlich klare Forderungen im so genannten Dialog". Muslime müssten "erkennen, dass sie im Wettstreit um die Seele nur einer von mehreren Anbietern sind und die Wahrheit nicht gepachtet haben".

Berlin

Am Freitag, den 12. November, fangen auch Rechtsradikale zu zündeln an. "Multikulti ist tot - Holland ist erst der Anfang" lautet die Überschrift einer Pressemitteilung, die der Bundesverband der Republikaner in Berlin herausgibt. Die "Integrationslüge" sei "abzustellen", die "Lebenslüge" vom friedlichen Zusammenleben "zu verabschieden". Und für alle Zuwanderer müsse gelten: "Wer sich nicht assimilieren kann, soll gehen." Emine Demirbüken, Mitglied des Berliner CDU-Landesvorstands, sieht Rot, wenn sie solche Parolen hört. "Das ist es, was die Fanatiker erreichen wollen: die Gesellschaft spalten." Man dürfe Terroranschläge nicht als Ergebnis gescheiterter Integration darstellen.

Olsberg

Am Freitag wird bekannt: Wie nach den Anschlägen von New York und Madrid führt nach dem Attentat auf van Gogh eine Spur nach Deutschland. Diesmal ins Asylantenheim der Kleinstadt Olsberg zwischen Dortmund und Kassel. Die Glastüren des Hauses sind zersplittert, die Toiletten verdreckt, es riecht nach Urin. Dort hat zwischen 1997 und Mai 2004 mit Unterbrechungen der 45-jährige Syrer Reduan al Issar alias Abu Khaled gelebt. Sein Asylantrag ist abgelehnt worden, aber da ihm in seiner Heimat Folter droht, darf er nicht abgeschoben werden. Als Prediger und Drogenhändler ist al Issar zwischen Holland und Deutschland gependelt. Gefälschte Papiere helfen. Nun verdächtigen ihn die Holländer, Drahtzieher des Mordes an Theo van Gogh zu sein. Vor zwei Jahren lebte al Isser in Den Haag zeitweise in einer Wohnung mit dem mutmaßlichen Mörder des Filmemachers. 2003 wurde er dort angeklagt wegen angeblich geplanter Anschläge auf jüdische Einrichtungen, aber freigesprochen. Anschließend schoben ihn die Behörden zwischen Deutschland und Holland hin und her. Nun ist er verschwunden und zur internationalen Fahndung ausgeschrieben. Er soll Mitglied der ägyptischen Terrororganisation Takfir Wal Hikra sein, die 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar es-Sadat ermordete.

München/Köln

Auf einer Antiterror- tagung gibt sich Bayerns Innenminister Günther Beckstein am 12. November ausnahmsweise zuversichtlich: "In Köln ist nächsten Sonntag eine islamische Großdemo gegen Terror und für Solidarität mit dem Rechtsstaat geplant. Das ist ein gutes Zeichen." Veranstalter ist der muslimische Verband Ditib, der vom türkischen Staat finanziert wird. In dem Aufruf im Internetportal islam.de heißt es: "Jetzt bren- nen Gotteshäuser in Europa. Die Fundamentalisten auf beiden Seiten haben großes Interesse, dass die Lage weiter eskaliert. Die Muslime müssen endlich ein Zeichen setzen, sie dürfen den Extremisten nicht die Straße überlassen."

Augsburg

Der Terrorexperte Peter Waldmann betrachtet das Ganze mit wissenschaftlicher Distanz: Der islamistische Terror sei eigentlich eine "Verlegenheitsreaktion" auf den politischen Misserfolg der Akteure in ihren Heimatländern. Der sorge für "Enthemmung" und eine "Eskalation", die "im Extremfall auch nicht vor ABC-Waffen zurückschreckt". In der Geschichte hätten Terrorwellen immer rund 40 Jahre lange Phasen gehabt. Waldmann: "Demnach würde die jetzige in zehn bis 20 Jahren an Schwung verlieren."

Kerpen

Am Sonntag durften alle deutschen Muslime das Ende des Ramadan feiern. Die Daten muslimischer Feiertage richten sich nach dem Mondkalender, und Diwan, der "Deutsche islamwissenschaftliche Ausschuss der Neumonde" mit Sitz in Kerpen, hatte mitgeteilt: "Es erfolgte entsprechend unseren Berechnungen und Regeln keine relevante Sichtung des Neumondes von Schawwal. Damit ist Sonntag, der 14. November, der erste Tag des Fastenbrechens-Festes."

Joachim Rienhardt/Mitarbeit: Wilhelm Dietl, Gerd Elendt, Frank Gerstenberger, Frauke Hunfeld, Michaela Kinzler, Dieter Krause, Rainer Nübel, Ulrike Putz, Mathias Rittgerott, Mathias Schlosser, Bettina Sengling, Judka Strittmatter, Rudi Stumberger, Regina Weitz

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