Joachim Sauer Das Phantom der Oper


Pünktlich zu den Bayreuther Festspielen springt Joachim Sauer alljährlich aus der Kulisse und an die Seite von Angela Merkel. Dem Chemieprofessor mit messerscharfem Verstand schwant langsam, was auf ihn zukommt.

Da ist sie wieder, diese grässliche Herr-Merkel-Situation. Ganz weltenentronnen war Joachim Sauer soeben vom Festspielhaus zum Restaurant geschritten. Das Ankommen auf dem Hügel schien ewig her. Der rote Teppich, die Fotografen mit ihrem "Frau Merkel, Frau Merkel"-Geschrei, alles vergessen. Sie hatte gewinkt, er hatte sein Nussknacker-Lächeln aufgesetzt. Sie marschierten zu den Zaungästen, sie schüttelte Hände, er stand daneben. Dann flüsterte sie ihm zu: "Komm, wir müssen noch mal..." Also noch mal lächeln, winken. Ein bisschen sah es aus, als dächte er: So ein Affentheater!

Und das war das Schaulaufen in Bayreuth ja auch. Stunden später hatten Tristan und Isolde schließlich den Liebestrank hinuntergestürzt. Sehnender Minne schwellendes Blühen, schmachtender Liebe seliges Glühen. Noch beseelt vom Tristan-Akkord saß Sauer jetzt am Ehrentisch des Bundespräsidenten, und es gab kein Entrinnen aus dieser Welt. Er saß mit gewesenen Präsidenten, mit aktuellen Ministern, mit der Familie Wagner zusammen, bei Hummerschwänzchen und Leberwurst und einem fränkischen Silvaner im Bocksbeutel.

Da neigte sich

ohne Vorwarnung eine Dame in Weiß zu ihm hin und sagte freundlich: "Und Sie sind der Mann von der Frau Merkel?" "Ja", sagte er. "Und sind Sie Chemiker oder Physiker?", versuchte die Dame in Weiß das Tischgespräch in Gang zu kriegen. "Chemiker", sagte Professor Sauer. Die Frau gab nicht auf. "An der Freien oder an der Humboldt-Universität?" "Ja", sagte er. Er wollte nicht plaudern. Er wollte nichts über sich erzählen, wollte bleiben, was er in Merkels Welt immer war: unnahbar und tabu.

Professor Joachim Sauer spielte an diesem Abend seine Lieblingsrolle - das Phantom der Oper. Nein, ein verbindlicher Mann sei der nicht gerade, der Herr Merkel, sagte die Tischdame später. Auch wenn er ein wenig berlinere, auch wenn er es durchaus zu genießen scheine, mit Staatspräsidenten und Ehrengästen in der zweiten Reihe der Mittelloge zu sitzen, auch wenn er "gewisse Artigkeiten" zeige - er tue sich schwer, eine Dame charmant zu unterhalten. So was von zugeknöpft! Joachim Sauer wird erleichtert gewesen sein, als er endlich auf Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein traf. Der ist gelernter Chemiker, ein alter Kollege. Mit ihm konnte er reden, ohne charmant oder irgendwie persönlich werden zu müssen.

Sollte Angela Merkel

je Kanzlerin werden, braucht es viele Bartensteins in ihrer Umgebung, jedenfalls dann, wenn es ein bisschen offiziell und staatsempfänglich zu werden droht. Ahlrichs glaubt, dass er ihm dies ein wenig ermöglicht habe. Zuvor schrieb der Ost-Chemiker ihm Postkarten, mit denen er wissenschaftliche Sonderdrucke bestellte. Das war unter Wissenschaftlern aus dem Ostblock gang und gäbe, denn Fachzeitschriften zu abonnieren war viel zu teuer. 1988, ein Jahr vor der Wende, kam Sauer für ein halbes Jahr nach Karlsruhe. "Er hat mich vom ersten Moment an beeindruckt", sagt Ahlrichs, "als menschliche Persönlichkeit und als Wissenschaftler."

Kollegen dieses Kalibers gebe es weltweit vielleicht 30. Ein Kandidat für den Nobelpreis? "Ein Major Player in der Kategorie gleich darunter", schätzt Ahlrichs. Und wo wird angewendet, was Merkels Mann an den Rechnern seines Instituts erforscht? "Herrje, wie sag ich's meinem Kinde", barmt Herr Ahlrichs da, "Zeolithe sind wie Schwämme, deren Porung mal größer, mal kleiner sein kann, Molekularsiebe - so was kommt im Waschpulver vor, im Entkalker der Spülmaschine. Haben Sie das verstanden?"

Im Erdgeschoss des Gebäudes an der Brook-Taylor-Straße sitzt die Studentische Fachschaft des Instituts. Junge Männer mit Trotzki-Bärtchen und Punk-Kämmen hängen hier zwischen den Seminaren ab. An der Pinnwand klebt eine Seite aus der "Bild", "Wird er Deutschlands erster Kanzlergatte?". Die hänge da als Warnung, sagt ein Sauer-Student, denn wer hier irgendetwas über den Professor ausplaudere, der könne sich gleich eine neue Uni suchen.

Für den Abend

ist das Semesterabschlussfest geplant, aber keine Chance, ihn zu treffen: Sauer kommt zu so was nie. Er sei zwar "erste Geige" als Prof und Sprecher des Sonderforschungsbereichs 546 - "Struktur, Dynamik und Reaktivität von Übergangsmetalloxid-Aggregaten", aber sonst eine ziemliche Spaßbremse. "Seine Vorlesungen sind spannend und didaktisch aufgebaut", sagt eine, die gerade ihr Diplom in der Tasche hat, "ein studentennaher Professor ist er trotzdem nicht."

Niemand würde es wagen, in Sauers Vorlesungen ein Brot zu mümmeln oder an der Colaflasche zu hängen. Wolle man mit dem ein Problem erörtern, müsse man erst mal einen Termin bei seiner Sekretärin Silvana Pophal kriegen. Schon das sei schwer genug. Auch deshalb übrigens, weil ihr Chef oft auf Kongressen und Vortragsreisen im Ausland sei. Joachim Sauer ist 25, als er 1974 an der Humboldt-Universität seinen Doktor macht.

Vater wird er in jener Zeit auch. Erst kommt Sohn Daniel auf die Welt, 1976 wird Adrian geboren. Doch die Ehe mit seiner einstigen Klassenkameradin, einer Chemikerin, zerbricht. Sauers Frau bleibt mit den Kindern in der Hellers-dorfer Wohnung, er selbst nimmt 1983 ein Plattenbau-Apartment ganz in der Nähe. 1985 wird er geschieden. Ob die junge Physikerin Angela Merkel, die Sauer irgendwann in der Kantine der Akademie der Wissenschaften kennen lernte, die Eheleute auseinander brachte, ist nicht bekannt.

"Angela Merkel war zeitweise im Hause Sauer eingeladen", schreibt Merkel-Biograf Gerd Langguth. Ansonsten scheint es, als seien beider Freunde und Familien zum Schweigen verdonnert. Professor Harald Mau, Chef der Kinderchirurgie der Charité, ist seit Jahrzehnten mit Sauer befreundet. Beide waren wissenschaftliche Überflieger. Beide saßen nach der Wende in unzähligen Kommissionen. Die Maus und die Sauer-Merkels gelten als befreundete Ehepaare. Nur, bevor der Mediziner überhaupt einen Satz über "meinen Freund Joachim" sagt, will er sich erst einmal dessen Erlaubnis holen, "das verstehen Sie doch?".

Adrian Sauer

, der in Leipzig Fotografie studiert und seither viele Ausstellungen bestückt hat, gerät bei der Frage nach dem Vater schier in Panik. "Ich gehör ja eigentlich gar nicht richtig zur Familie", wimmelt er ab, "also zur Familie von Herrn Sauer und Frau Merkel." Er sei nur angeheiratet. Restaurantbesucher wollen die beiden Sauer-Söhne gelegentlich mit dem strengen Vater und seiner prominenten Frau im Borchardt gesehen haben. Meist habe Angela Merkel dann referiert und doziert.

Und Achim, wie sie ihn nennt, habe geschwiegen. Traten von Nachbartischen Fremde oder Bekannte an die CDU-Chefin heran, sei das den drei anderen peinlich gewesen. Ob das stimme, kann der nette Borchardt-Chef Roland Mary natürlich nicht verraten, denn Diskretion ist ihm Gebot: "Wenn es sich um einen Schauspieler oder einen Rockstar handeln würde, dann gern." Aber zu Sauer und Merkel - kein Wort! "Was soll man auch über langweilige Leute sagen?", fragt ein Nachbar aus dem Kupfergraben. Der Mann der Merkel sei wortkarg, scheu und zickig.

Immer wieder wird die Geschichte kolportiert, wie der "Verein zur Erweiterung des künstlerischen und kulturellen Spektrums" im Sommer 2001 alle Anwohner rings ums Pergamonmuseum freundlich anschrieb, dass er Kleists "Amphitryon" unter freiem Himmel aufzuführen gedenke. Es könne ein bisschen lauter werden, man bot Freikarten. Und dann, gleich beim ersten Mal, habe Sauer um kurz nach zehn die Dezibel gemessen, alles für zu laut befunden und ein Fax ans Bezirksamt Mitte geschickt. Die Zeitungen schrieben dann: "Merkel stört das laute Theater".

Kein Wunder, dass Sauer nun alles vermeidet, was ihn in die Zeitung bringen könnte. Schon vor Jahren hat er deshalb erklärt, seine Person habe nichts mit der politischen Arbeit von Angela Merkel zu tun, er sei deshalb für die Öffentlichkeit nicht interessant. Am Wahlabend 2002, der ja bereits so etwas wie Angela Merkels Schicksalswahlabend gewesen ist, da habe sie, sagt sie einmal in einem Interview, allein in ihrem CDU-Büro gesessen, während ihr Mann zu Hause mit Freunden den Wahlausgang vor dem Fernseher verfolgte.

Man muss vielleicht nicht unbedingt Symbiotiker sein, aber dass man den Mann, die Frau an einem solchen Tag allein lässt, klingt irgendwie kühl. "Mein Mann ist ein prima Kerl", sagt Merkel bei Beckmann. Er habe einen schönen, sarkastisch englischen Humor, sagt Merkel-Sprecherin Eva Christiansen. Ihr Mann ermahne sie, sagt Frau Merkel der "Bunten", Politsprache zu vermeiden, in Haushaltsdebatten nicht immer den Zeigefinger zu heben. Und vor den Parteitagsauftritten "schaut er mal das Rede-Manuskript durch".

Irgendwann habe er, der auch modisch nie groß in Erscheinung tritt, irgendwann habe er gefunden, dass Krista Sager von den Grünen immer so gute Jacketts anhabe. Die wären doch vielleicht auch etwas für sie. "Die beiden leben eben ihre Leben jeweils für sich und machen nur die Freizeit zusammen", sagt ein langjähriger politischer Weggefährte. Kraxeln in der Schweiz, easy going in Kalifornien, rumdatschen in Hohenwalde und Kulturschnappen in Baden-Baden, Bayreuth, Salzburg, Berlin. Manchmal sah man sie dort auch im Friedrichshainer Kino.

Nach der Wende

durfte Joachim Sauer für die Max-Planck-Gesellschaft eine Arbeitsgruppe "Quantenchemie" gründen. 1991, als seine Frau in Bonn Frauenministerin wurde, arbeitete er im kalifornischen San Diego als stellvertretender Forschungschef einer Technologiefirma. 1993 wurde er Professor an der Humboldt-Universität. "Mir ist das Beste passiert, was einem Akademie-Forscher nach der Wende widerfahren konnte", jubelte er damals ahnungslos. Nun, im Sommer 2005, steht er mit grimmigem Lächeln vor dem Bayreuther Festspielhaus. Der eiserne Gatte in einem kastenförmigen Smoking, und sie winkt aus einem erdbeershakefarbenen Knöpfchen-Rüschen-Fähnchen, das alles andere ist als der Stil von Krista Sager.

Zaungäste rufen "Angie, Angie", Fotografen brüllen "Frau Bundeskanzler". In dem wogenden Schwall, in dem tönenden Schall ... ertrinken, versinken, unbewusst - höchste Lust. Ach Tristan, ach Isolde. Nein, dass ihm so was nach der Wende einmal passieren würde - damit hat der Forscher Achim Sauer noch weniger gerechnet als mit einem Nobelpreis.

Ulrike Posche print

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