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Klaus Wowereit wird 60 Ein Bürgermeister wie seine Stadt


Klaus Wowereit galt vor Jahren als Hoffnungsträger der SPD. Doch er blieb als Bürgermeister in Berlin - zum Glück. Eine Würdigung zum Sechzigsten.
Von Fritz Zimmermann

Im Herbst 2009 ging es um die Zukunft der City-West. Klaus Wowereit war Redner bei einer Diskussionsveranstaltung in Berlin. Das Publikum: West-Berliner Rentner auf den Barrikaden. Die Deutschlandhalle werde abgerissen, am Bahnhof Zoo hielten keine Fernzüge mehr und überhaupt, am Ku'Damm sei nichts mehr los, hörte der Regierende Bürgermeister Wowereit. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, den aufgebrachten Senioren nach dem Mund zu reden. Doch er argumentierte gegen die Emotionen an: Berlin sei eben nicht mehr geteilt, es gebe nun andere Zentren im Osten der Stadt und das sei doch etwas Schönes. Nach zehn Minuten fraßen ihm die Zuhörer aus der Hand, das Streitgespräch entwickelte sich zu einem netten Plausch.

Damals, vor gerade einmal vier Jahren, galt Wowereit für viele noch als der kommende Mann in der SPD. Die verkorkste Bundestagswahl beflügelte die Fantasien: Wowereit sei derjenige, der 2013 eine rot-rot-grüne Koalition im Bundestag anführen werde. Vier Jahre später gibt es die linke Mehrheit im Parlament zwar, aber opportun ist Rot-Rot-Grün immer noch nicht - und von Wowereit ist auf Bundesebene keine Rede: Beim SPD-Parteitag im November wird er wohl nicht mehr für den Posten des stellvertretenden Parteivorsitzenden kandidieren, den Ton in der Partei geben andere an. Klaus Wowereit wird heute 60 Jahre alt, er ist noch immer Bürgermeister in Berlin - "und das ist auch gut so", um seinen vielleicht berühmtesten Satz zu zitieren.

Wowereit ist wie Berlin

Denn als Regierender Bürgermeister von Berlin ist Wowereit da, wo er hingehört. Im Grunde genommen funktioniert Klaus Wowereit auch nur in Berlin. Er ist für die Stadt das, was ein Bürgermeister im besten Fall zu sein hat: ihr erster Repräsentant. Wowereit ist wie Berlin; ein bisschen wurstig vielleicht, ja, ein Lebemann auch, allerdings mit einer Ausstrahlung, die ganze Säle füllt und Menschen in ihren Bann zieht.

Wowereit ist ein Menschenfänger im besten Wortsinn. Einer der wenigen aktuellen Spitzenpolitiker, die den Bürgerkontakt leben und andere für sich einnehmen können. Das ist nichts, was sich in Zahlen messen lässt - doch selbst die Zahlen werden besser: "arm, aber sexy" war gestern. Seit Jahren steigen in Berlin die Steuereinnahmen, im ersten Halbjahr 2013 wurde ein Überschuss erwirtschaftet. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in Berlin ein Start-Up-Unternehmen gegründet wird. Touristen, Künstler und Kreative aus aller Welt kommen in Scharen. Und das nicht nur, weil Berlin Geschichte oder Kultur zu bieten hätte. Das war schon vor zehn Jahren so.

Es wäre mehr möglich gewesen

Berlin übt eine riesige Anziehungskraft aus durch das Lebensgefühl, das die Stadt vermittelt. Man kann Wowereit vieles vorwerfen: Das Debakel am Flughafen BER zum Beispiel, oder das S-Bahn-Chaos. Er hat zum Teil unglücklich agiert, hat sich angreifbar gemacht und wurde angegriffen - aber das Lebensgefühl, das Image der Stadt nach außen hat er geprägt wie kaum ein anderer.

Die SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gibt heute einen Empfang anlässlich Wowereits Geburtstag. Abgeordnetenhaus statt Bundestag, Rotes Rathaus statt Kanzleramt. Zum ganz großen Wurf hat es für Klaus Wowereit nicht gereicht. Vielleicht wollte er aber auch nicht mehr, vielleicht ist er zufrieden als Berlins Bürgermeister, zu berlinaffin für die Bundespolitik. Zumindest hat er nie etwas anderes gesagt. Wahrscheinlich wäre für ihn mehr möglich gewesen - wenn er gewollt hätte. Sein Potential hat er nie ganz ausgereizt, auch da ist er wie seine Stadt.


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