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Landtagswahl Bayern: Die CSU zittert sich zur Wahl

Die Angst vor einer Wahlniederlage am Sonntag macht die CSU hypernervös. Erwin Huber und Günther Beckstein versuchen, die 47-Prozent-Prognosen zu ignorieren, im Hintergrund läuft sich Horst Seehofer warm - mit dem Wohlwollen von Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Von Gabriele Rettner-Halder, München

Richtig gut sei er gewesen, der Günther, sehr kommunikativ, den Leuten zugewandt, schwärmte ein Parteifreund über Günther Beckstein, der am Mittwochabend vor der Lorenzkirche in Nürnberg stand, um möglichst viele Hände zu drücken. Dann fügt er kämpferisch an: "Ich werde nicht zulassen, dass man ihn beschädigt." Hermann Imhof heißt der Mann, von Beruf Caritasdirektor, seit fünf Jahren Mitglied im Landesparlament.

Imhof verausgabt sich an zwei Fronten. Er kämpft gegen die schlechte Stimmung in seiner Partei und wirbt bei der auffallend hohen Zahl Unentschlossener (49 Prozent) für einen Gang zur Urne. Imhof zählt auch zu jenen, die sich mit dem Gedanken trösten, die 60,7 Prozent vor fünf Jahren mit dem Spitzenkandidaten Edmund Stoiber seien ohnehin "kein Maßstab". Imhof war nie ein Stoiber-Freund, und er ist erleichtert, dass die Zeiten der One-Man-Shows vorbei sind. Beckstein habe genau das, was seine Partei jetzt brauche, "charakterliche Substanz".

Rätselraten über die Wähler

Viele Trostpflaster werden in diesen Tagen in der CSU verteilt. Als ob die Wahl bereits verloren wäre, scharen sich die Wahlkämpfer enger als je zuvor um ihr schwächelndes Spitzenduo Beckstein und Parteichef Erwin Huber. Das Wort Offensive liegt verblasst im Aktenschrank, wie ein vergessenes Konzept aus alten Tagen. Man gesteht sich Fehler ein und verweist darauf, dass die bayerischen Wählerschichten anders tickten, individualistischer und unberechenbarer als je zuvor. Der wackere Schwabe Max Strehle: "Zum siebten Mal mache ich jetzt schon Wahlkampf, aber zum ersten Mal ist die Lage völlig diffus." Trotzig fügt er hinzu: "Kruzitürken. Unsere Bilanz ist doch nicht schlecht." Er habe jedenfalls sein Bestes getan. Gegen die Prognosen der Demoskopen, dass die CSU zwischen 47 und 49 Prozent abschneiden wird, greifen Beckstein und seine Truppe zu einem alten Hausmittel, auch wenn dessen heilende Wirkung umstritten ist: einfach ignorieren. Was nicht sein kann, darf auch nicht sein. Stattdessen verweist Beckstein gebetsmühlenartig darauf, dass sich die Wähler sehr kurzfristig entscheiden würden. Doch selbst, wenn Beckstein im Amt bleiben dürfte: Ob der 64-Jährige eine ganze Wahlperiode durchhält, ist in jedem Fall fraglich.

Das Doppelpack Stoiber-Seehofer

Wenn Christsoziale in diesen Tagen über die Zukunft ihrer Partei nachdenken, über die "angespannte Lage" und das wenig überzeugende Bild ihrer neuen Führungsspitze, fällt oft der Name Stoiber. "Nach der Wahl werde ich mit ihm abrechnen", schwört einer, der nicht genannt werden möchte. Stoiber, so heißt es, habe durch seinen monatelangen Abschied den Nachfolgern den Start über die Maßen erschwert. Aber es gibt auch Nostalgiker, die Stoiber als Retter sehen, als Mann, der wieder mehr Einfluss in der Partei haben sollte. Stoiber selbst, der sich zum "Ehrenspielführer" ernannt hat, hält sich zurück und predigt bei seinen Auftritten "absolute Disziplin". Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass Stoiber Sympathie für Horst Seehofer hegt. Lange Zeit gingen sich die beiden aus dem Weg, zurzeit ist Kuscheln angesagt. Ginge es nach Stoiber, wäre Seehofer schon bald sein Nach-Nachfolger im Amt des Parteichefs. Der Bundeslandwirtschaftsminister, in München viel geachtet, aber nicht beliebt, ist im Wahlkampf peinlich darauf bedacht, Distanz zu Beckstein und Huber zu halten. Außerdem stichelt er gegen die derzeitige CSU-Führung. Beckstein und Huber waren not amused, als sie hörten, dass Seehofer sie für überfordert hält. 52 Prozent müssten das Duo "zur eigenen Legitimation" schon heimfahren, ließ der listige Seehofer wissen.

Hoffnungen, Seehofer könnte dauerhaft durch seine Liebesaffäre beschädigt sein, können sich Huber und Beckstein nicht machen. Das Thema wurde auf gut katholisch abgehandelt: Hiebe, Reue, Vergebung. "Das mit dem Kindle ist längst verziehen", meint ein Eingeweihter.

  • Gabriele Rettner-Halder