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ISS-Leiharbeiter: Nachts für die DHL schuften, tagsüber im Vierbett-Zimmer hausen

Bis zu vier Männer leben auf einem Zimmer - wenn sie nicht gerade Pakete wuchten. Das ist Alltag für ISS-Leiharbeiter, die bei der Deutschen Post DHL Group schuften.

Der Hotelbau in Velten, in dem ISS-Mitarbeiter wohnen

Lift kaputt, Getränkeautomat verstaubt: der Hotelbau in Velten, in dem ein Teil der ISS-Mitarbeiter wohnt.

Schuhkartons von Zalando, Weinboxen von Lidl, Kaffeemaschinen von Amazon - im DHL-Zentrum in Börnicke bei Berlin rasen die Pakete auf die Arbeiter zu. Die Kartons schießen von einer Rutsche, landen auf einem Band, das Band schiebt die Kisten gegen den Bauch des Arbeiters.

Die Arbeiter müssen sie so schnell wie möglich von dem Fließband in einen Container wuchten. Bis zu 31 Kilo wiegt ein einzelnes Paket. 4000 bis 5000 Pakete heben die Leiharbeiter in jeder Schicht.

Bartosz Woźniak* gehört zu einer Gruppe polnischer Arbeiter, die nachts in dem Paketzentrum arbeiten. Zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens schwitzt er in der riesigen DHL-Halle. "Danach", sagt er, "tut mein Arm so weh, dass ich kaum mehr ein Glas Wasser heben kann." Er spricht kaum Deutsch. Nur zwei Wörter, kann er perfekt aussprechen: "Aber schneller!" Es sind die Worte, die er hört, wenn er seinen Chefs zu langsam ist.

Politik streitet über Leih- und Werkarbeit

Woźniak ist nicht direkt bei DHL angestellt. Sein Gehalt zahlt die umstrittene Firmengruppe ISS aus Potsdam. Der stern enthüllte in der vergangenen Woche, dass ISS im Auftrag der Drogeriekette Rossmann tausende Menschen als Regaleinräumer beschäftigt. Sie klagen über schlechte Löhne und brutalen Druck bei der Arbeit. "Die Praktiken der Firma ISS zeigen, dass wir dringend die Regulierung von Leiharbeit und Werkverträgen brauchen", sagt jetzt die SPD-Arbeitsmarktpolitikerin Katja Mast.  Die Große Koalition streitet seit Monaten über einen Gesetzentwurf von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), mit dem sie den Missbrauch von Leiharbeitern stoppen will. Zuletzt blockierte die CSU.

Jetzt gerät nach Recherchen des stern neben Rossmann auch die Deutsche Post DHL Group ins Schlaglicht. Denn auch sie nutzt die Dienste der ISS-Gruppe. Nach Unterlagen, die dem stern vorliegen, beschäftigt sie Mitarbeiter von mehreren mit ISS verbundenen Unternehmen, darunter der ISP GmbH, an der Dirk Roßmann über einen Strohmann beteiligt ist.

Bartosz Woźniak hat in Deutschland kein richtiges Zuhause. Die ISS-Gruppe bringt ihn und die anderen polnischen DHL-Arbeiter in Unterkünften im Berliner Umland unter. Zur Zeit leben mehrere DHL-Mitarbeiter in einem heruntergekommenen Hotelbau in Velten, nicht weit von Sommerfeld. "Willkommen" steht in drei Sprachen auf der Eingangstür, aber der Lift ist kaputt, der Getränkeautomat leer und verstaubt.

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Vier Arbeiter auf einem Zimmer

Die ISS-Gruppe sagt, dass Unterkünfte nach ihren Standards über Küchen und Waschmaschinen verfügen müssen. Doch um wenigstens eine Dose Suppe warm machen zu können, mussten sich die Arbeiter Herdplatten in die Zimmer stellen. Ihre Kleider waschen sie im Waschbecken. Sie spannen Wäscheleinen durch das Zimmer, um ihre Arbeitshosen und Shirts zu trocknen.

Der ISS-Sprecher räumt ein, dass es in der Unterkunft einen "Ersatz der Waschmaschine" braucht. "Gelegentliche Reklamationen" würden "in angemessener Zeit behoben". Und er schiebt die Schuld auf die Flüchtlinge. Weil so viele kommen, sei für die Leiharbeiter weniger Wohnraum verfügbar.

Tagsüber liegen die polnischen Arbeiter in Velten auf ihren Betten, surfen mit ihrem Handys im Netz, zumindest dann, wenn das  WLAN gerade funktioniert. In einer weiteren Unterkunft im nahegelegenen Kremmen lebten Anfang des Jahres sogar vier Arbeiter in einem Zimmer. Sie aßen in den Betten, lebten aus ihren Taschen, denn für einen Esstisch oder einen Schrank war im Raum kein Platz.  Laut ISS kommt es "nur im Ausnahmefall" und für kurze Zeit vor, dass sich vier Arbeiter ein Zimmer teilen.

DHL weist die Verantwortung für die Unterkünfte von sich. Das sei Sache des Leiharbeitsfirma. Offenbar sind je nach Saison zwischen 30 und 80 Leiharbeiter im Paketzentrum tätig. Bundesweit mache Leiharbeit bei DHL "weniger als 0,5 Prozent" aus, teilt das Unternehmen mit. Und man arbeite "kontinuierlich daran, die Arbeitsbedingungen zu verbessern".

Staffelmieten und immer neue Verträge

Bis zu 270 Euro bucht die Firmengruppe ISS den Arbeitern für ihren Schlafplatz ab. Je länger sie bleiben, desto teurer wird die Unterkunft – im ersten Monat beträgt die Miete noch 150 Euro. Man wolle so die polnischen Arbeiter motivieren, "sich sehr schnell in Deutschland zu integrieren" und sich eigene Wohnungen zu suchen, begründet die Verleihfirma diese Staffelmieten.

Als wolle die ISS-Gruppe den Arbeitern ernsthaft eine Perspektive verschaffen. Doch dem stern liegen Unterlagen vor, die Zweifel erlauben. Die Papiere betreffen einen Polen, den die ISS-Gruppe im dem DHL-Paketzentrum einsetzte. Er  unterschrieb innerhalb eines Jahres nacheinander vier verschiedene Arbeitsverträge bei drei unterschiedlichen Unternehmen der ISS-Gruppe. Immer wieder legten die Firmenleute Aufhebungsvereinbarungen für die alten Verträge vor. Potentieller Vorteil für den Arbeitgeber: Die Probezeit beginnt immer neu. Nachteil für den Arbeitnehmer: Er ist stets mit einem Fuß auf der Straße.

ISS bestreitet, dass die wechselnden Arbeitsverträge dazu da seien, die Arbeiter leichter kündigen zu können.

"Das Schlimmste", sagt Woźniak, "ist die Unsicherheit." Natürlich könnte er zurück nach Polen gehen. "Aber da finde ich höchstens einen Job für 500 oder 600 Euro im Monat." Bei DHL bleiben ihm am Ende des Monats nach Abzug der Unterkunftskosten zumindest rund 200 Euro mehr.

* Name von der Redaktion geändert