HOME

Lindner, Röttgen und die Wahl in NRW: Denn sie können nur gewinnen

Röttgen und Lindner riskieren bei der NRW-Wahl mitnichten ihre Karrieren. Im Gegenteil. Mit Blut, Schweiß und Tränen können sie sich bewähren – für die Stunde Null von CDU und FDP.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Da ist er wieder. Wie Kai aus der Kiste. Cool. Smart. Ein wenig zerknittert. Aber an der Spitze: Christian Lindner. Gerade erst ist er mit großem Gepolter als FPD-Generalsekretär abgetreten, jetzt wird er Spitzenkandidat und neuer Landeschef der Partei, die in Nordrhein-Westfalen bei zwei Prozent liegt. Bei der Landtagswahl im Mai soll Lindner die FDP vor dem Untergang retten. Hop oder Top, heißt es. Lindner setze alles auf eine Karte, riskiere viel. Hievt er, gerade mal 33, die FDP in Düsseldorf über die Fünf-Prozent-Hürde, sei er ein Held. Verliert er, versinke er im politischen Nirwana. Bye, bye, Baby!

Ähnlich lautet die Prognose auch für Norbert Röttgen, Spitzenkandidat und Landeschef der CDU, dazu Umweltminister in Berlin, Merkel-Kronprinz und Nice Guy mit Stahlfaust in der Hosentasche. Gewinnt der 46-Jährige NRW, heißt es, sei er der Heilsbringer, verliert er, sei Schluss mit lustig. Dann sei er angeschlagen, der CDU-Vize.

Tatsächlich ist die NRW-Wahl weder für Lindner noch für Röttgen ein Hop-oder-Top-Spiel. Im Gegenteil. Die beiden können gar nicht verlieren. Stellen Sie es geschickt an, und dazu sind beide in der Lage, wird die Wahl auch bei einer Niederlage zu ihrer Feuertaufe mit allem drum und dran, mit Blut, Schweiß und Tränen. So oder so haben sie die einmalige Chance, sich als Führungsfiguren für die Stunde Null in ihren Parteien aufzudrängen, ja in den Herzen der jeweiligen Basis festzuketten. Es geht nicht um das nächste Jahr. Es geht um das nächste Jahrzehnt.

In der CDU ist die Lage eindeutig. Nachdem Chefin Angela Merkel die Kochs, die Wulffs, die Müllers und die Merzens allesamt entsorgt, zum Teil wiederaufbereitet und – jetzt mit Wulff – zwangsweise auch endgelagert hat, ist die Personalreserve dünn, oder besser: so gut wie nicht vorhanden. Röttgen ist der einzige, der das Zeug und das Profil hat, auch nur als Merkel-Nachfolger in Frage zu kommen. Dass er die Geschmeidigkeit, das dicke Fell und auch den Machtwillen mitbringt, um ganz oben mitzumischen, hat er bewiesen – spätestens, als er das parteiinterne Ringen um den CDU-Vorsitz in NRW für sich entschied.

Wenn Röttgen nun mit heißem Herzen seine Partei in den vermeintlich aussichtslosen Wahlkampf führt, wird sie ihn auf Dauer lieben, trotz Niederlage. Es sind bekanntlich vor allem gemeinsam durchgestandene Schlappen, Krisen, die emotional zusammenschweißen. Noch ist Röttgen zu frisch, als dass er für eine Klatsche in NRW gegeißelt würde. Selbst wenn er dann für einige Zeit den Oppositionsführer in Düsseldorf spielen müsste: Seine Rückkehr nach Berlin wäre garantiert. Einfluss hat er als mächtiger Parteivize ohnehin.

Nur einen Fehler, den darf Röttgen nicht machen: seiner Basis das Gefühl vermitteln, dass er bei einer Niederlage sofort wieder nach Berlin flüchten würde. Da hat Horst Seehofer schon recht: Einen Rückfahrschein darf es nicht geben, es muss schon ganz oder gar nicht sein - auch wenn der wohlklingende Ratschlag aus München natürlich bittersüß vergiftet ist. Hält Röttgen sich ein Hintertürchen offen, wie er es bislang angedeutet hat, ist er unglaubwürdig.

Bei Lindner ist die Lage sogar noch eindeutiger. Auch er kann nicht verlieren. Nordrhein-Westfalen ist seine Basis. Hier war er über neun Jahre lang Landtagsabgeordneter, hier war er ein spritziger, jugendlicher Generalsekretär, bevor es dann spritzig-jugendlich in den Bund ging. Hier kommt nun einer zurück, der gefühlt nicht an sich gescheitert ist, sondern von Philipp Rösler zermürbt wurde, an jenem Rösler, an dem ohnehin das Image eines großen Zermürbers haftet. Schafft Lindner das Wunder von Düsseldorf nicht, wird die Pleite nicht ihm angelastet werden, sondern vor allem Rösler. Dagegen wird Lindner als jemand gelten, der seine Partei just in jenem Moment, als es ihr am schlechtesten ging, nicht hat hängenlassen. Der bisweilen als Polit-Philosoph gescholtene Lindner kann einmal mehr Street Credibility beweisen und dabei bequem seine Machtbasis ausbauen. Blut, Schweiß, Tränen. In der Stunde Null der FDP, die dieses Jahr anstehen kann oder erst bei der Bundestagswahl 2013, wird Lindner der Mann sein, der dann neben dem unkaputtbaren Rainer Brüderles der Kandidat für die Führung beim Wiederaufbau ist.

Und so hat die NRW-Wahl für CDU und FDP plötzlich einen ganz besonderen Charakter zwischen gestern und morgen: Sie bringt wahrscheinlich eine Schlappe mit sich, könnte als Menetekel für das Ende der Herrschaft Angela Merkels in die Geschichte eingehen. Gleichzeitig markiert sie nicht weniger als die Vorbereitung auf einen personellen Neuanfang nach dem Scheitern der bisherigen Koalition im Bund. Die wahrscheinlichen Wahlverlierer Norbert Röttgen und Christian Lindner können dabei nur gewinnen.

Hier können Sie dem Verfasser auch auf Twitter folgen.