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MH17-Absturz: Wusste die Bundesregierung von der Abschussgefahr?

Neun Monate nach dem Absturz des Flugs MH17 gerät die Bundesregierung in Erklärungsnot: Sie soll von der Abschuss-Gefahr gewusst haben - und keine Warnungen herausgegeben haben.

Nach dem Absturz des Boeing-Flugzeugs im Separatistengebiet der östlichen Ukraine zeugt nur noch ein Trümmerfeld von der Katastrophe.

Nach dem Absturz des Boeing-Flugzeugs im Separatistengebiet der östlichen Ukraine zeugt nur noch ein Trümmerfeld von der Katastrophe.

Als der Malaysia-Airlines-Flug MH17 am 17. Juli 2014 über der Ostukraine abstürzte, kamen 298 Menschen ums Leben. Neue Erkenntnisse nähren nun den Verdacht, dass diese Tragödie hätte verhindert werden können. Zwei Tage vor dem Abschuss soll es bereits klare Gefahrenhinweise für Linienflüge über der umkämpften Ostukraine gegeben haben.

Die Bunderegierung soll über die gefährliche Lage Bescheid gewusst, die Informationen jedoch nicht an die Fluggesellschaften weitergeleitet haben. Das berichten WDR, NDR und die Süddeutsche Zeitung mit Verweis auf vertrauliche Berichte aus dem Auswärtigen Amt.

"Sehr besorgniserregende Lage"

In den sogenannten Drahtberichten der Diplomaten soll bereits am 15. Juli 2014, also zwei Tage vor der Katastrophe, von einer "sehr besorgniserregenden Lage in der Ostukraine" die Rede gewesen sein. Diese Einschätzung werde damit begründet, dass bereits eine Antonow-Militärmaschine in einer Höhe von mehr als 6000 Metern am Vortag abgeschossen worden sei. Dies stellt dem Bericht zufolge eine "neue Qualität" dar.

Für Militärexperten sei dies ein klares Zeichen: Ein Abschuss in dieser Höhe deute eindeutig darauf hin, dass in dem umkämpften Gebiet solche Waffen eingesetzt werden, die auch Passagiermaschinen in einer noch größeren Flughöhe treffen könnten.

Den Medienrecherchen zufolge soll auch der Bundesnachrichtendienst die Bundesregierung mehrfach in seinen täglichen Berichten auf die Gefahr im ukrainischen Luftraum hingewiesen haben.

Lufthansa flog 20 Minuten vor MH17

Über veränderte Risikolagen im Luftraum werden die Fluggesellschaften in der Regel informiert. Auch die Lufthansa flog im Sommer 2014 mehrfach über den gefährlichen Luftraum in der Ukraine, ein Flug von München nach Delhi überflog das Abschussgebiet von MH17 am selben Tag - nur zwanzig Minuten vor der Katastrophe. Eine Sprecherin der Lufthansa erklärte gegenüber NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung: "Fakt ist, dass uns keine Informationen von Seiten der Behörden vor dem 17. Juli vorlagen."

Die Bewertung "neue Qualität" der Gefahrenlage hätte eine große Bedeutung für das Unternehmen gehabt, wird ein Lufthansa-Insider in dem Medienbericht zitiert. Wäre eine entsprechende Warnung an die Fluggesellschaft weitergegeben worden, wäre die Lufthansa "sicher nicht mehr über die Ost-Ukraine geflogen."

Bundesverkehrsministerium dementiert

Das Auswärtige Amt schwieg bisher zu dem Bericht. Außenminister Steinmeier und deutsche Botschafter in Kiew lehnten eine Stellungnahme ab. Das Bundesverkehrsministerium dementiert die Vorwürfe auf Anfrage: "Zu einer etwaigen Verschärfung der Sicherheitslage für zivile Überflüge über die Ukraine hatte die Bundesregierung vor dem Absturz des MH17-Flugzeuges keine Informationen", heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums.

Eines soll die knapp sechsmonatige Recherche der Medien in jedem Fall deutlich gemacht haben: Es gebe "so gut wie keinen Zweifel mehr" daran, dass der Malaysia Airlines-Flug von einer Buk M1, also einem Flugabwehrraketensystem , aus dem Gebiet der Separatisten abgeschossen worden sei.

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