20 Jahre Mauerfall - Opfer Die Gesichter der Mauertoten


20 Jahre nach dem Mauerfall ist die Zahl der Toten an der Berliner Grenze noch nicht restlos geklärt. Jetzt bringt ein Buch Licht in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte - und erzählt die Schicksale der Opfer, ohne sich idelogisch vereinnahmen zu lassen.
Von Kerstin Herrnkind

Es wird gerade dunkel, als Dieter Brandes am 9. Juni 1965, gegen 21 Uhr, versucht, über die Berliner Mauer zu fliehen. Der 18-jährige will zu seiner Mutter in den Westen. Brandes war, nachdem seine Mutter in die BRD geflohen war, schon als kleines Kind ins Heim gesteckt worden, hat dort die ersten 16 Jahre seines Lebens verbracht. Seit einiger Zeit schreibt er sich mit seiner Mutter. Nun will er zu ihr nach Hamburg.

Im "Einsatzbereich des Grenzregiments 33" löst der Teenager auf dem Nordbahnhof zwischen Berlin-Mitte und Wedding einen stillen Alarm aus. Wenig später peitscht ein Warnschuss durch die abendliche Stille. Dieter Brandes rennt um sein Leben. Er hat es fast geschafft. Nur noch ein paar Meter... Noch ein Hindernis... Grenzsoldaten eröffnen das Feuer. Schüsse fallen... Eine Kugel zertrümmert den Brustkorb des Teenagers, verletzt seine Lunge schwer. Von ihren Fenstern und Balkonen beobachten West-Berliner auf der anderen Seite der Mauer, wie Grenzsoldaten kurz darauf einen leblosen Körper wegschaffen.

Verleumdnet als kriminell und asozial

Die Soldaten bringen den schwer verletzten Jugendlichen ins Krankenhaus der Volkspolizei. Dorthin, wo alle verletzten Mauerflüchtlinge zuerst gebracht werden, um die Geheimhaltung zu gewährleisten. Doch selbst Schwerverletzte werden nicht etwa mit dem Krankenwagen transportiert, sondern auf der Ladefläche von Armeelastwagen oder so genannten "Kübel-Trabis" - und zwar ohne ärztliche Versorgung.

Die Ärzte operieren Brandes, können sein Leben retten. Doch der Jugendliche ist querschnittsgelähmt. Er wird ins städtische Klinikum nach Berlin-Buch verlegt, wo er monatelang behandelt wird. Das Personal hat Mitleid mit dem Teenager, sammelt Geld, um ihm zu Weihnachten ein Geschenk zu machen. Dass das Personal den Jugendlichen für ein "armes Opfer" hält, wie die Akten festhalten, ist der Stasi ein Dorn im Auge. Der zuständige Stasi-Leutnant "setzt alles daran", um den Jugendlichen als "kriminelles und asoziales Element" zu verleumden. Er verbreitet die Lüge, Brandes hätte "bei seinem versuchten Grenzdurchbruch Gewalt" angewendet und "Grenzsoldaten verletzt". Am 11. Januar 1966 stirbt Dieter Brandes an den Folgen seiner Verletzungen.

Ein Herkules-Akt

Es ist der Verdienst des Buches "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961 - 1989", dass Menschen wie Brandes, die ihren Wunsch nach Freiheit mit dem Leben bezahlten, endlich ein Gesicht bekommen. Dass ihr Schicksal erzählt wird. Dass sie nicht länger unsichtbar sind hinter abstrakten Zahlen.

Vier Jahre lang hat ein Team von sechs Autoren, darunter Historiker und Politologen, im Auftrag des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und der Stiftung Berliner Mauer, 575 Todesfälle nachrecherchiert, um herauszufinden, wie viele Menschen überhaupt an der Berliner Mauer umkamen und wer diese Flüchtlinge waren. Denn selbst fast 20 Jahre nach der Wende wusste in Deutschland niemand so genau, wie viele Menschen an der Berliner Mauer ihr Leben ließen. Die Landesjustizverwaltungen in Salzgitter gingen 1991 von 78 Todesopfern aus. Die "Arbeitsgemeinschaft 13. August" hatte 222 Mauertote gezählt. In den Akten der Staatsanwaltschaften Berlin und Neuruppin waren 86 Grenztote registriert. Die Zahlen waren nicht nur umstritten, sondern bisweilen sogar Gegenstand ideologisch aufgeheizter Debatten.

Cengaver Katranci ertrank, weil sich niemand zu helfen traute
Cengaver Katranci ertrank, weil sich niemand zu helfen traute
© Privat

Vor Angst gestorben

Um Licht in dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte zu bringen, durchforsteten die Autoren Sterberegister, wälzten Akten von Stasi und Staatsanwaltschaft. Sie sprachen mit vielen Angehörigen, sammelten Fotos der Opfer. Ihr Fazit: Mindestens 136 Menschen (von 575 untersuchten Fällen) kamen nachweislich an der Berliner Mauer um. Sie wurden erschossen, tödlich verletzt oder verunglückten auf der Flucht (wie Winfried Freudenberg, der 1989 mit einem selbstgebauten Ballon in West-Berlin abstürzte). Die Autoren zählen außerdem mindestens 251 Menschen, die bei Grenzkontrollen ums Leben kamen, zu den Todesopfern der Mauer. "Schikanen waren nicht selten", schreiben die Autoren. "So konnte es vorkommen, dass Reisende ohne Angabe von Gründen unverhältnismäßig lange warten mussten, dass sie schon wegen kleinster Regelverstöße abgeführt und verhört wurden... Viele Menschen hatten davor Angst und fürchteten sich vor den zumeist unfreundlichen Kontrolleuren, denen sie ... hilf- und schutzlos ausgeliefert waren." Die meisten Reisenden, die die Grenzkontrollen nicht überlebten, starben an Herzinfarkt.

So wie Frieda K. aus West-Berlin. Die 58-jährige Frau wird am 23. August 1961 um 11.45 Uhr am Grenzübergang Bahnhof Berlin-Friedrichstraße "zwecks Überprüfung eines Passagierscheins" von Grenzsoldaten festgehalten und zum Verhör gebracht. Was dann geschieht, findet sich in den Akten, die die Autoren in den Archiven der "Transport-Polizei" gefunden haben: "Bei Befragung durch die Abt. K., ob sie Angst vor einer Kontrolle habe, antwortete sie mit Ja. Nach dieser Antwort fiel sie in Ohnmacht und verstarb infolge eines Herzinfarktes im Vernehmungsraum."

Beim Ertrinken zugesehen

Nicht einmal bei Kindern kannte der Kalte Krieg Erbarmen. Der achtjährige Schüler Cengaver Katranci spielt am 30. Oktober 1972 mit einem Freund rund 100 Meter vom Grenzübergang Oberbaumbrücke auf der Böschung der Spree am Kreuzberger Gröbenufer. Die Jungen füttern Schwäne. Plötzlich verliert der Bub das Gleichgewicht, stürzt ins Wasser. Schreiend rennt sein Freund davon, will Hilfe holen. Ein Angler reißt sich die Kleider vom Leib, will ins Wasser springen, um den Jungen zu retten. Plötzlich wird ihm bewusst, dass die Spree an dieser Stelle zu Ost-Berlin gehört. Aus Angst, erschossen zu werden, traut er sich nicht, ins Wasser zu springen. Wenig später treffen West-Berliner Polizisten und Feuerwehrleute an der Unglücksstelle ein. Doch auch sie wissen nicht so recht, was sie tun sollen. Ein Tankschiff, begleitet von einem DDR-Feuerlöschboot, kommt vorbei. Die Zöllner schreien und gestikulieren, wollen erreichen, dass die Besatzung umkehrt und den Jungen an Bord nimmt. Die Schiffe halten nur kurz und fahren weiter. Cengaver Katranci ertrinkt.

Nach dem Tod des Jungen kündigt der Berliner Senat an, sich mit der DDR über ein Abkommen über Hilfeleistungen in Grenzgewässern zu treffen. Die Verhandlungen ziehen sich drei Jahre lang hin. In dieser Zeit ertrinken mindestens drei weitere Kinder.

Mörder: unbekannt

Trotz erschütternder Details, kommt das Buch ohne Pathos aus, hütet sich vor Kommentaren oder Mutmaßungen, lässt Fakten sprechen, legt sauber alle Quellen offen und beugt sich keiner ideologischen Diskussion. Erzählt auch von Grenzsoldaten, die an der Mauer starben. Wie Siegfried Widera, der von Flüchtlingen niedergeschlagen und so schwer verletzt wurde, dass er starb. Oder Reinhold Huhn, der von einem Fluchthelfer erschossen wurde. Dieses Buch ist ein erschütterndes Zeitdokument, das in keinem deutschen Bücherschrank fehlen sollte.

Der Mord an Dieter Brandes wurde übrigens nie gesühnt. Die Stasi sorgte dafür, dass der Heimjunge, der zu seiner Mutter in den Westen wollte, in einem anonymen Reihengrab beerdigt wurde. Nach der Wende versuchte die Berliner Staatsanwaltschaft zu ermitteln, welcher Grenzsoldat auf den Teenager geschossen hatte. Vergeblich. Das Verfahren wurde eingestellt.


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