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Memoiren: Papa Schröders neue Agenda - Bekenntnisse eines Machtmenschen

Jobs, Jobs, Jobs und die Familie - so sieht das neue Leben des Altkanzlers aus. Er verhandelt mit Mächtigen, trifft sich mit Präsidentenfreunden und rollt jetzt mit seinen Memoiren die politische Landschaft auf. Alles wie früher also. Nur zu Hause in Hannover, da ist es mit drei Kindern heute turbulenter denn je.

Von Ulrike Posche

Es sind die letzten milden Tage auf der Insel gewesen. Tage, an denen das Gekreisch der Möwen weniger zänkisch klang und die Wellen der Nordsee fast träge und verschlafen an Borkums Südstrand rollten. Marienkäfer schwirrten in diesen Tagen in großen Schwärmen unter die Fenster der Häuser, ihre innere Uhr hatte ihnen befohlen, ein Winterquartier zu suchen, und am Himmel über dem Wattenmeer zogen die letzten Vögel nach Süden.

Es roch nach Ferien, nach friedlichen Familientagen hinter den Süddünen, bevor sein Comeback auf die politischen Wanderbühnen des Landes beginnen sollte. Noch einmal also das Salz atmen und die Wärme spüren, dieser "sehr lebendigen und gar nicht mehr so kleinen Familie, die von meiner Frau Doris liebevoll regiert wird". Es war noch gar nicht lange her, dass Gerhard Schröder diesen Satz in der Sonne Borkums für den Epilog seiner Memoiren "Entscheidungen. Mein Leben in der Politik" notiert hatte.

Noch einmal schlenderte Gerhard Schröder in der vergangenen Woche von seiner Ferienwohnung am Greune-Stee-Weg über die Promenade, vorbei an den Kinderkurkliniken, dem "Adolfinenheim", den Zäunen aus Walknochen bis zum neuen Leuchtturm. Dann kehrte die Familie im Restaurant "Kleine Möwe" ein und bestellte Labskaus und Grünkohl. Es war der 9. Hochzeitstag der Schröders, es war ein Dienstag, es war die Ruhe vor dem Sturm.

In der Woche darauf nämlich sollte dieser Sturm alles, was Merkel ist und Große Koalition je war, von den Bildschirmen, Tagesordnungen und Titelseiten fegen, so als wären sie niemals gewesen. Einfach wegpusten wie zufällige Samen des Löwenzahns. Er, Schröder, würde nun wieder die Agenda des Alltäglichen besetzen, der Kanzlerin das Einjährige vermasseln, er würde das Logo seiner Partei jedem, der es sehen oder nicht sehen wollte, in die Augen treiben - und seine Anhänger, wie auch die von Angela Merkel Enttäuschten, würden sich zurücksehnen nach Schröder, dem 7-Jahre-Kanzler, und seufzen: Ach, wäre doch alles wie früher. Und er, der junge Buchautor, würde in "BamS" und "WamS" und "Spiegel" triumphieren, bei Beckmann, Christiansen und all den anderen, die ihm sein ehemaliger Regierungssprecher Bela Anda zugereicht hatte: "Da seht ihr mal, Leute, ich kann's noch!" Und die andere, die kann es nicht. Warum leckt sich ein Rüde die Eier?, fragte Mario Adorf einmal rhetorisch irgendwo in einem Film. "Weil er es kann!", lautete die Antwort.

Man kann sich gut vorstellen, wie Parteibär Kurt Beck und die, die jetzt am Ruder sind, in der vergangenen Woche schon unruhig wurden, weil sie einerseits immer schon fürchteten, "Gerhard S. - Superstar" könne eines Tages zurückkehren, und weil sie andererseits gutheißen müssen, wenn ihre SPD, durch welche Böe auch immer, in Aufwind gerät. "Für mich gibt es keine Rückkehr", beruhigte Schröder sie nun im "Spiegel"-Interview. Aber ganz ehrlich: Kann man das glauben? "Ich bin jetzt 62; meine Mutter ist gerade 93 geworden", sagt Schröder im selben Interview, "wenn ich ihre Gene geerbt habe, dann kann ich noch 30 Jahre lang Politik kommentieren." Oder machen?

Es hat lange gedauert, aber inzwischen scheint es so, als habe selbst das politische Raubtier Schröder begriffen, dass der Mensch nicht nur ein einziges Leben hat, eine einzige Rolle und Aufgabe im Sein. So ist er gerade dabei, das Familientierchen in sich zu füttern. In den Lieblingsrestaurants stehen deshalb dort, wo früher große Aschenbecher auf den Tischen hockten, Buntstiftdosen, und statt des Humidors bringen eilfertige Kellner heute erst die Tripp-Trapp-Stühle für die Kleinen. Ein Leben ohne Familie "könnte ich mir nicht mehr vorstellen", schreibt der späte Vater. Es ist ja oft so, dass die reiferen Väter die ausdauernderen Spielkameraden sind, die glühenderen Gute-Nacht-Geschichten-Vorleser. Klara, Viktoria und Gregor. Schröder empfindet das späte Familienglück als Geschenk: "Wenn ich an die drei Kinder denke, gibt es nur Freude in mir." Na ja, auf die kleinen Fluchten, die er sich dann und wann genehmigt, um in den Kaminzimmern der Welt noch einmal mächtig zu tun, freut er sich schon auch.

Es ist sonderbar, wie zufällig das Schicksal spielt. Als Schröder jetzt wieder ein Foto vom Grab seines Vaters in die Hand bekam, stellte er fest, dass sein Sohn Gregor am gleichen Tag geboren war wie Vater Fritz - am 12. September, fast ein Jahrhundert später. "Ich bin sicher, dass er sich sehr darüber gefreut hätte, dass sein Enkel am gleichen Tag Geburtstag hat wie er", notierte der Autor. Schröders Vater fiel im Krieg, ein halbes Jahr nach der Geburt seines Sohnes, des späteren Bundeskanzlers.

So viel Privates muss reichen. Schröder hatte nicht vor, Dönekes in seinen Memoiren zu verplaudern, oder gar "Privatimes". Der Altkanzler nahm sich vor, "das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen". Was auch sonst? Er wollte seine Kanzler-Entscheidungen durch das sanfte Milchglas der Erinnerung glänzen lassen wie altes Kopenhagener Messing, und seine Weggefährten mit neuer Sanftheit überraschen. So ist nun das Wichtigste aus Staatsmann Schröders Politikerleben im Handel: die Sache mit Oskar, mit Franz, mit Willy, mit Wladimir, mit Tony, George und Jacques. Denn "nicht immer konnte ich in den öffentlich zugänglichen Beschreibungen des Politikers, des "Medienkanzlers" Gerhard Schröder, meine Antriebe oder Motive wieder finden. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, Grenzen immer wieder an den Horizont zu verschieben", resümierte der Ex-Kanzler. Im Grunde spielte sich dieses grenzüberschreitende Politikerleben binnen sieben Jahren zwischen Kosovo und Kleinkrieg ab, zwischen Hartz und Hindukusch und zwischen zwei sehr kurzen Sätzen: Zwischen einem "Hallo, Kandidat" am Anfang, und dem "Ich bin nicht sicher" am Ende. Sie sind Alpha und Omega. Und der Friede ist mit ihm.

Zuerst also die Sache mit Oskar. Am 1. März 1998 gewann Gerhard Schröder zum dritten Mal die niedersächsischen Landtagswahlen. Es war mit dem damaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine stillschweigend ausgemacht, dass er, wenn er gewönne, die SPD im selben Jahr auch in den Bundestagswahlkampf führen solle. Und so war es dann auch. Kurz nachdem das Wahlergebnis sicher schien, rief Lafontaine ihn an und machte mit dem kleinen Satz: "Hallo, Kandidat" den Weg für Schröders Kanzlerschaft frei.

Begriffen hat der die Geste des Saarbrücker Genossen jedoch bis heute nicht, denn: "Niemand hätte ihm 1998 eine Kandidatur streitig machen können. Und ich schon gar nicht", schreibt Schröder. "Lafontaine war der unangefochtene Star der Partei. Ich dagegen galt als zu pragmatischer und machtbewusster Mensch, der die Seele der Partei nicht wirklich wärmen konnte." Doch mit der Sicht eines Laienpsychologen kommt es Schröder so vor, als sei die vermeintlich großzügige Geste jenes Wahlsonntags lediglich Ausdruck von Angst gewesen, oder "eine unbewusste Scheu, Verantwortung zu übernehmen". Schröder führt sie durchaus mitleidsvoll auf das Trauma des Attentats zurück, das Kanzlerkandidat Lafontaine während seines eigenen Bundestagswahlkampfes im Jahr 1990 erlitten hatte. "Ich hatte immer das Gefühl, dass die Ablaufgeschwindigkeit - gestern fast tot, mit Glück das Attentat überlebt, und wenig später wieder im Wahlkampf - die Verdrängung befördert und dazu geführt hat, dass der Vorgang fast in Vergessenheit geriet." Sie haben später gemeinsam gegen Helmut Kohl gewonnen. Und sich von da an nichts mehr geschenkt. Der frisch gekürte Finanzminister Lafontaine habe versucht, sich "im Kabinett als Schatzkanzler britischer Provenienz zu etablieren - nach dem Motto: Es ist mir gleich, wer unter mir Bundeskanzler ist". Das habe er ihm natürlich nicht durchgehen lassen können. Als er ihn einmal im Kabinett angebrüllt habe, wirtschaftsfeindliche Politik sei mit ihm nicht zu machen, warf Lafontaine das Handtuch. Der Rest ist lautes Schweigen. Lafontaine verglich Schröder darauf in der "Bild"-Zeitung mit Reichskanzler Brüning, der Hitler den Weg bereitet hatte, und Doris Schröder-Köpf forderte den Saarländer wiederum via "Bild"-Zeitung zum Parteiaustritt auf. Those were the days, my friend. Heute urteilen die beiden eher mit dem verwaschenen Blick des Alters übereinander - wer's liest, wird selig.

Dafür kriegt ein anderer, der sich nicht traut, der sich nie etwas traute, den glasklaren und stahlharten Urteilsblick des Ex-Regierenden in den Leib gerammt - Edmund Stoiber: "Stoiber ist nach meinem Eindruck alles andere als ein Bayerischer Löwe, der sich aufmacht, die Politik aufzumischen. Im Grunde seines Herzens scheint er mir ein vorsichtiger, wenn nicht ängstlicher Mensch zu sein, der jede Herausforderung, von der er nicht weiß, ob er sie gewinnen kann, scheut." Schröder hatte im Oktober 2003 mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac und dem damaligen Siemens-Chef Heinrich von Pierer versucht, Stoiber für den Posten des Präsidenten der Europäischen Kommission zu gewinnen, doch der zierte sich drollig, verweigerte über fünf Monate die Entscheidung. Und als es hieß: Top oder Flop, war seine Antwort, er könne doch Bayern nicht im Stich lassen. Ein robuster Mandatsträger wie unser Niedersachse hat für derlei Hasenherzigkeit natürlich nur Spott übrig.

Als Schröder mit dem Erinnern für seine Erinnerungen begann, holte er sich zuerst die Geräusche der Kindheit in den Kopf zurück: Das Husten des tuberku- lösen Stiefvaters, "das Wummern, wenn der Fußball an die Holzwand des Behelfsheims klatschte. Draußen Gejohle, drinnen klirrten die Tassen". Schröder erinnerte sich an "ein Klatschen, vielleicht doch eher ein Schmatzen, wenn Lehrer Tegtmeier die Handfläche eines Schülers mit seinem Rohrstock malträtierte", und er wusste noch: "Niemand war da, der mir in meiner Kindheit den Weg wies." Der Ex-Kanzler beschreibt sein Aufwachsen in einem Milieu, das man heute "Unterschicht" nennen würde, als durchaus glückliche Kindheit. Und beim Nachsinnen über seinen Aufstieg habe er "bei allem Selbstbewusstsein, über das ich verfüge, nie aufgehört", sich "über die eigenen Möglichkeiten zu wundern".

Er war ein kriegsmageres Kind mit einer Mutter von optimistischem Gemüt und vier hungrigen Geschwistern. Er wurde in einer Familie groß, "die es sich und ihren Angehörigen nicht immer einfach gemacht hat - das gilt auch für mich". Nicht immer einfach gemacht - das kann man wohl sagen! Zu seinem indiskreten Halbbruder Lothar Vosseler hat Gerd, der Größere, keinen Kontakt mehr. Schwester Ilse hat einmal öffentlichkeitswirksam gegen den Kanzlerbruder demonstriert, und Mutter Erika wählte sogar mal grün. Als sie an seinem Sechzigsten auf die Bühne gerufen wurde, um etwas Nettes über den erfolgreichen Kanzler-Sohn zu sagen, sagte die 91-Jährige ungeachtet des prominenten Aufgalopps im Saal, des Kosakenchores, mit dem Präsident Putin ihren Sohn überrascht hatte, sagte Erika Vosseler: "Ich bin auf alle meine Kinder gleich stolz." Eine Kindheit in der Unterschicht. So greift Gerhard Schröder ohne Vorsatz, dafür mit Selbsterlebtem in die Debatte ein. "Immer dann, wenn ich sie brauchte, um geerdet zu bleiben, stiegen später die Bilder dieser Jahre in meiner Erinnerung auf. Mancher politische Gipfel, manches Bankett, dem ich als Kanzler nicht entgehen konnte, verlor seine sichtbar aufgeplusterte Bedeutung", schreibt Erika Vosselers Sohn.

Er war nie neidisch, wenn seine Freunde Porsche fuhren und er bloß Touran. Wenn deren Kinder in Hermès-Bademäntelchen auf Bobby-Cars durch parkartige Gärten rasten. Aber es ist auch nicht so, dass Schröder sich nie für Geld interessiert hätte. Mag sein, dass er deshalb so schnell mit den Erinnerungen begann - der Verlag soll ihm ein Angebot gemacht haben, dass er nicht ausschlagen konnte. Branchenkenner wollen von mindestens einer Vorschussmil- lion gehört haben. Dass der frühere Kanzler, die so freundlich wie lukrativ gemeinten Angebote seiner Freunde nicht ausschlagen kann, seit er kein Kanzler mehr ist, ist ja bekannt. Denn kaum, dass die Kartons aus dem Büro an der Willy-Brandt-Straße ins Altkanzler-Eckchen Unter den Linden geschafft waren, wurde Schröder Verlagsberater in Zürich, bei Michael Ringier.

Dort fliegt er tageweise ein, residiert im Savoy-Hotel "Baur en Ville" am Paradeplatz und hockt sich in sein Büro im Verlagshaus an der Dufourstraße. Oberster Stock, eigene Durchwahl, Holzböden, ein plätschernder Wasserumlauf ringsum und Bilder - so weit das Auge reicht. Großformatige Fotos à la Gursky hängen hier und alles, was sonst noch teuer ist. Wenn Schröder nicht gerade mit seinem Chef um den Globus fliegt, etwa um in Asien Frauenzeitschriften an den Mann zu bringen; wenn er nicht artig in Ringiers Kantine in der Schlange steht oder unten im Eckrestaurant "Du Théâtre" einen Schümli trinkt, dann hält er Vorträge vor Managern, vor Heuschrecken und "Verlagskadern". "Perspektiven friedlicher Entwicklung in der globalisierten Welt", heißt einer. Am 9. November sind Ringiers Verlagskader wieder dran.

Gelegentlich vermittelt auch die New Yorker Agentur "Harry Walker", die schon Bill Clinton im Sortiment hat, unseren Lipperländer als Redner. In die Wiener Hofburg, zum Beispiel, oder in den Al-Falak-Festsaal des Dubaier Sieben-Sterne-Hotels "Burj al Arab". Auch dann ächzt die Kasse beim "führenden Weltstaatsmann" Schröder. Wer will ihm verdenken, dass er die Tonne rausstellt, solange es regnet? Mit 7750 Euro Kanzlerpension, wie seine Rente vornehm heißt, musste er sich jedenfalls bisher nie begnügen.

"Russland ist der wichtigste Energie-lieferant für Europa, und wie ich aus meinen Gesprächen mit Präsident Putin weiß, will es das auch bleiben", schreibt der Buchautor. Vor allem diese Erwägungen hätten ihn geleitet, "nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt an die Spitze des Aufsichtsrates der Nordeuropäischen Gaspipeline Gesellschaft zu treten. Diese Gesellschaft ist ein deutsch-russisches Joint Venture aus der Aktiengesellschaft Gasprom und den deutschen Unternehmen Eon und BASF." Als Schröders Engagement keine drei Monate nach der Kanzlerschaft publik wurde, war das Aufheulen groß. Er dachte, die loben ihn - doch falsch gedacht. "Die sich aus meiner Entscheidung entwickelnde öffentliche Debatte übertraf alles, was ich mir an düsteren Visionen hatte ausmalen können. Entsetzt war ich vor allem über die Unterstellungen, mit denen ich mich konfrontiert sah".

Geschmäckle habe der Russen-Job, hatten Leitartikler moniert - der Hauptsitz der Firma liegt auch noch in Zug, dem schweizerischen Steuerarkadien - und FDP-Chef Guido Westerwelle hatte gar eine unanständige Verquickung von früherem Amt und späterem Job unterstellt. Eine kühne Behauptung übrigens, die sich vor Gericht nicht halten ließ. "Gasgerd", schmähten ihn ganze Redaktionsflure. Doch die Besserverdienenden unter den Journalisten schmunzelten über das Jahressalär von einer Viertelmillion und schrieben: "Besser er als einer aus Timbuktu." In einer Forsa-Umfrage meinten sogar 62 Prozent der Befragten, Schröders Ansehen nehme durch dieses Engagement keinerlei Schaden. Doch der Meister der Verpumpung wirkte über Monate hinweg missmutig und angeschlagen. Es habe ihn geärgert, dass er die Ankündigung nicht Angela Merkel beim Staatsbesuch in Moskau überlassen habe, räumt er heute ein.

Damals machte er nach außen hin wie üblich auf Trotzki. Denn, was Anstand ist oder nicht, das sagen ihm nicht die Leitartikler und schon gar nicht Guido Westerwelle. Was Anstand ist, das sagen ihm sein Gefühl und seine Frau: "Ihr Sinn für Gerechtigkeit und Anstand war mir allzeit Orientierung bei schwierigen Entscheidungen", bekennt er. Heute übrigens wünschen sich manche seiner alten Kritiker, dass einer seines Schlages dem lavierenden deutsch-französischen Airbus-Riesen mal auf die Finger guckt - oder à la Lehrer Tegtmeier - gleich draufhaut. Doch Papa Schröder schiebt inzwischen viel lieber den Kinderwagen mit Neukind Gregor übern Deich.

Der Vorgänger Angela Merkels hat viele Freunde und viele Angebote. Einer wollte ihn im März einfach so zum italienischen Schnauferlrennen "Mille Miglia" im alten Flügeltür-Mercedes mitnehmen, aber Schröder musste schreiben und reden und Gas ablesen bei seinem Kumpel Putin. Deshalb sagte er ab. Stattdessen ist er im April mit Doris, den Töchtern Klara, 15, und Viktoria, fünf, zum Gardasee gefahren, wo er in André Hellers Palazzo Urlaub machte. Dort hat er dann mit Viktoria, die "Dascha" genannt wird, "Bodyguard" gespielt. "Du musst die Lage checken", kommandierte Dascha ihren Vater streng, und der "checkte" dann - nicht die Weltlage, sondern die Lage der Toiletten. Die Gäste haben sich jedesmal beömmelt, wenn Dascha ihn energisch zum "Bagno" führte. "Möchtest du ein Eis?", fragte Doris Schröder-Köpf die Kleine. "Auf keinen Fall", sagte Viktoria so gewählt wie entschieden, zog dann dem Vater die "Rubel" aus der Tasche und ließ sich von Schwester Klara Muster aus Geldmünzen auf den Tisch legen. So vergingen die Urlaubstage im kalten Gardone. Und alles drehte sich um Dascha, nichts um Gerd. Das Leben war ein gemütlicher, langer Fluss. Aber so konnte es ja auch nicht ewig weitergehen. Das vielleicht schwierigste Kapitel seines Politikerlebens war daheim noch nicht einmal ins Unreine geschrieben: die "historische Wahrheit" über die Neuwahlen.

Als sich das Ende seiner turbulenten Regierungszeit ankündigte, hatte Gerhard Schröder wenige Freunde, dafür jede Menge Gegner. Er hatte die Gewerkschaften am Hals, die Reformverweigerer und George W. Bush. Wobei unter denen der gottesfürchtige US-Präsident noch der Geringste war. Sein "Nein" zum Irak-Krieg gehörte wohl eher zu den unumstritteneren Entscheidungen. Was aber war mit "Hartz", mit den begonnenen Steuer- und Gesundheitsreformen?

"Die bisherige Hegemonie der industriellen westlichen Welt ist ja längst Vergangenheit. Andere haben aufgeschlossen und treten als Konkurrenten auf den Weltmärkten an. Unsere gesamte Politik der Reformen und der Erneuerung war ein Reflex auf diese globale Herausforderung." Solche Gedanken kamen ihm nachts auf der Dachterrasse des Kanzleramtes, auf der er acht Stockwerke über dem Boden der Realitäten allein ins Berliner Dunkel sinnierte. Es gab keine Dankbarkeit. "Die Gewerkschaften konzentrierten sich mit aller Kraft darauf, den Widerstand gegen die Agenda 2010 zu verstärken. Ich, der große "Zampano", wurde zur grundlegenden Kurskorrektur aufgefordert, und die Gewerkschaften sekundierten." Der 1. Mai sollte der Auftakt zu Massenprotesten sein, "dort wurde ich geschmäht als "asozialer Des- perado". Das hat mich persönlich sehr verletzt." Was aber schlimmer war: Frak-tionschef Franz Müntefering mochte ihm nicht einmal mehr eine eigene Mehrheit im Parlament garantieren. Die eigenen Leute hatten ihn aufgegeben - oder ver- raten.

Die eigenen Leute? In seinen Memoiren findet Gerhard Schröder die Truppe, mit der er seinerzeit regierte, gar nicht einmal so übel. Da war, zum Beispiel, der Joschka, "die überragende Persönlichkeit in der grünen Fraktion und Partei. Fischers scharfer Verstand war immer abrufbar"; da war der Innenminister und politische Grandseigneur Otto Schily, "eine der überragenden Figuren im Kabinett"; da war Umweltminister Jürgen Trittin, "immer wenn es darauf ankam, konnte man sich auf ihn verlassen". Donnerwetter, hätte man so nicht gedacht! Es gab den eigenwilligen Wirtschaftsminister Werner Müller "ein Freund", Hans Eichel "hatte in jeder Hinsicht ein schwieriges Amt". Da war Verteidigungsminister Peter Struck, über den er ganz, ganz früher gesagt hatte, der gehöre zum "Kartell der Mittelmäßigen"; Struck ist im Rückblick "ein politisches Schwergewicht. Ein Generalist und ein Profi", Familienministerin Renate Schmidt gleich "ein Glücksfall für die politische Arbeit". Und ausgerechnet beim Gedenken an Heidemarie Wieczorek-Zeul, seiner Trietzerin aus Kinder-Juso-Tagen, geht ihm das Herz über: "Hut ab vor dieser Frau!"

Die also waren es nicht, die Schröder im Frühjahr 2005 das Leben schwer gemacht hatten. Es waren die Abgeordneten, die er fürchtete, "Unsere", wie er sie nannte. "Die Alternative, von der ich auszugehen hatte, nämlich politisch gegebenenfalls an der eigenen Partei zu scheitern und zurücktreten zu müssen, die erschien mir und auch Franz unbrauchbar." Zur Erinnerung: Die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen waren vergeigt. Nun, so fürchtete Schröder, würden die eigenen Parteisoldaten endgültig von der gemeinsamen Agenda-Politik desertieren. Aber er würde nicht von dieser als richtig empfundenen Bahn abweichen!

Wat nu? Da standen sie also in seinem Büro, der versteinerte Kanzler und sein beinerner Kamerad. Schröder und Müntefering. Die Lage war dramatisch, das Ende ihrer Ära griff mit kalter Hand schon nach der Klinke. "Den nächtlichen Berliner Himmel betrachtend, rekapituliere ich unser Gespräch: ,Franz, was ist, schaffen wir das? Dann brauchen wir keine Neuwahlen."" Es sind immer die kurzen Sätze gewesen, die das politische Leben Gerhard Schröders bestimmten, Franz Müntefering antwortete: "Ich bin nicht sicher." Der Rest ist ein luftiges Kapitel für die Historiker. Der Rest ist Merkel, Schwarz-Rot und Gerhard Schröder - Privatmann, Memoirenschreiber, drei- facher Familienvater, Herrchen von Borderterrier Holly.

Es heißt, dass die Borkumer Walfänger, wenn sie erschöpft aus dem nördlichen Eismeer heimkehrten, die Insel erst einmal von ihren Frauen zurückerobern mussten. Denn die hatten in der Zwischenzeit das Regiment und die Familie geführt - manchmal über Jahre. "Klaasohm-Fest" hieß der ostfriesische Brauch. Es gibt ihn bis heute. Am Ende jenes Festes ließen sich die tapferen Walfänger stets von einem Gerüst fallen - in die Arme ihrer Familien.

Mitarbeit: Lorenz Wolf-Doettinchem, Andreas Hoidn-Borchers

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