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Regierungssprecher "Leben Sie wohl": Merkel-Sprecher Seibert geht – mit einem Messerschleifer und mit einer Mahnung

Steffen Seibert, Regierungssprecher unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
Steffen Seibert, Regierungssprecher unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)
© Michael Kappeler/dpa-pool / DPA
Die Kanzlerin geht – und damit auch ihr Sprecher. Was sich Steffen Seibert von den Hauptstadt-Journalisten wünscht. Und warum er jetzt einen neuen Messerschleifer hat.

Er war die Stimme der Kanzlerin: Regierungssprecher Steffen Seibert hat seinen voraussichtlich letzten Auftritt in der Bundespressekonferenz genutzt, um für den Erhalt der journalistischen Vielfalt und Qualität in Deutschland zu werben. Deutschland habe das Glück, eine sehr reiche publizistische Landschaft zu haben, sagte er am Montag. Er würde sich sehr wünschen, dass diese erhalten bleibe.

Seit 2010 hatte der frühere ZDF-Journalist die Position inne. Er schaffte damit einen Superlativ – was seiner Chefin nicht vergönnt sein wird: Er wurde der dienstälteste Sprecher einer Bundesregierung. Angela Merkel dagegen wird Helmut Kohls Langzeit-Kanzler-Rekord um wenige Tage verfehlen. Der Journalistenverein Bundespressekonferenz (BPK) zählte 1165 Besuche von Seibert – elf davon gemeinsam mit Merkel.

BPK-Vorsitzender: "Nicht immer waren wir mit Ihren Antworten zufrieden"

Die Hauptstadt-Journalisten erlebten ihn als souveränen und überlegten Sprecher, der keine Antwort schuldig blieb. Oft enthielt diese klare Auskünfte und Ansagen, manchmal war sie allgemein und diplomatisch gehalten, bisweilen auch nichtssagend formuliert. Der BPK-Vorsitzende und ZDF-Journalist Mathis Feldhoff brachte es am Montag so auf den Punkt: "Nicht immer waren Ihre Antworten auf unsere Fragen wirklich erschöpfend. Nicht immer waren wir mit Ihren Antworten zufrieden." Und: "Nicht immer waren alle Fragen von tiefer journalistischer Tragweite."

Feldhoff wies auf die vergangenen eineinhalb Jahre der Corona-Pandemie hin. Auch wenn in dieser Zeit manche Frage wie aus dem Themenkatalog von Verschwörungstheoretikern klang: Seibert verlor nur selten die Geduld. Auch er hatte seine Sprechzettel, aber ein stures Ablesen wie bei anderen, die regelmäßig in der Bundespressekonferenz auf der Sprecherbank saßen, erlebten die Journalisten bei ihm nie. Emotionale Regungen zeigte Seibert ähnlich selten wie Merkel. Am ehesten erlaubte er sich ein verschmitztes, fast jungenhaftes Schmunzeln.

Seibert lobt Bundespressekonferenz als einmalig

International gilt die BPK als einmalige Institution, da die Bundesregierung ihre Sprecher dreimal pro Woche in eine von den Journalisten organisierte Pressekonferenz schickt. Auf deren Gestaltung hat die Regierung selbst keinen Einfluss. Alles darf dort gefragt werden. Seibert würdigte dieses Format als "ein gutes Stück Demokratie". In kaum einer anderen Hauptstadt gebe es so etwas. "Was es in den meisten Ländern gibt, sind Regierungen, die meist nach ihren Kabinettssitzungen Pressekonferenzen anbieten und dabei selber bestimmen, wer fragt und wie lange."

Seibert verwies auf die Vertreter ausländischer staatlicher Medien, die in der Bundespressekonferenz immer wieder die journalistische Freiheit nutzten, die "bei ihnen zu Hause unterdrückt wird". Es gebe gute Gründe, warum auch solche Medien in der Bundespressekonferenz zugelassen seien und sie ein Fragerecht hätten. "Aber vergessen wir nicht, wie sie zu unserer Demokratie stehen und mit welchem Auftrag sie hierherkommen."

"Und deswegen verstehe ich nicht, warum so viele Mitglieder der Bundespressekonferenz diesem Format so dauerhaft fernbleiben." Oft seien mehr Sprecher als Journalisten im Saal. "Die Regierungspressekonferenz hat ihre guten und schlechten Tage", sagte Seibert. Nicht immer sei die Pressekonferenz ergiebig.

Ein Messerschleifer für den Hobbykoch

Seibert betonte, dass er immer sehr gerne hierhergekommen sei, auch wenn es nicht immer so ausgesehen habe. "Das Dumme bei mir ist, dass wenn ich sehr konzentriert bin, ich auch sehr grimmig gucke. Das ließ sich nicht abstellen elf Jahre lang."

Seibert war vor seinem Job als Regierungssprecher schon einem Millionenpublikum in Deutschland bekannt. Mehr als 20 Jahre arbeitete er zuvor für das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) als Journalist. Er wurde eines der bekanntesten Gesichter des öffentlich-rechtlichen Senders, vor allem mit den Nachrichtenformaten "heute" und "heute journal". Immer wieder war darüber spekuliert worden, ob es eine Rückkehr zum ZDF geben könnte. Vom Sender ist auf Nachfrage zu hören: "Im ZDF gibt es zurzeit keine entsprechenden Planungen."

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Auch wenn der 61-Jährige geht, sein Twitteraccount bleibt erhalten. Er wird archiviert, sozusagen "versteinert", wie es Seibert ausdrückte. "Meine persönlichen Social-Media-Pläne sind noch nicht existent." Auch andere Journalistenfragen blieben am Montag unbeantwortet: Wird er ein Buch schreiben? Was macht er überhaupt nach dem Ausscheiden? Doch Seibert blieb sich bis zuletzt treu: "Also, wir bleiben mal schön dabei, dass wir hier über Regierungspolitik berichten."

Als Abschiedsgeschenk gab es einen Messerschleifer. Weil Seibert laut Feldhoff gerne kocht. Und um ihn daran zu erinnern, "dass wir uns hin und wieder ein paar schnittigere Antworten gewünscht hätten". Seiberts Abschiedsworte an die Journalisten: "Ich danke Ihnen, alles Gute. Wenn sich ein Wiedersehen ergibt, wäre es schön. Ansonsten: Leben Sie wohl."

rw / Anna Ringle / Ulrich Steinkohl DPA AFP

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