Murat Kurnaz im Interview "Jetzt habe ich meine Privatsphäre wieder"


Über vier Jahre lang war Murat Kurnaz im US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba interniert. Im stern-Interview schildert er, wie sein Leben nun aussieht - und präsentiert sich dabei ohne seinen Bart. stern.de zeigt erstmals Bilder von dem bartlosen Bremer.

Herr Kurnaz, Ihr mächtiger Bart ist ab. Warum?

Ich habe mir das lange überlegt, es gibt mehrere Gründe. Wo immer ich mit dem Bart hinkam, guckten die Leute, man erkannte mich. Der Bart war das Symbol für Murat Kurnaz geworden. Da habe ich ihn abgenommen. So habe ich meine Privatsphäre wieder.

Sie trugen den Bart auch als Symbol Ihres Glaubens, wie sie dem stern in Ihrem ersten Interview nach der Freilassung aus Guantanamo sagten.

Genau, weil die Sunna uns Muslimen vorschreibt, dem Leben unseres Propheten nachzueifern. Aber das geht auch ohne Bart, im Islam sind durchaus Ausnahmen erlaubt. Dass ich für mich nun so entschieden habe, bedeutet nicht, dass ich nicht mehr religiös bin.

Hatten Sie im Alltag Probleme wegen des Bartes?

Ich möchte ganz normal leben. Wenn es nur um Probleme gegangen wäre, hätte ich den Bart auch schon vor meinen Auftritten vor Politikern in Berlin und Brüssel abgenommen. Es ist einfach eine sehr persönliche Entscheidung, die ich gar nicht weiter erklären will.

Was machen Sie hier in Paris?

Erst mal einen kurzen Urlaub, mit einem langjährigen Freund aus Bremen. Erst fanden wir es ziemlich schmutzig auf den Straßen, aber es ist schon eine schöne Stadt, der Eiffelturm, Disneyland, die Cafés und Läden. Hier gibt es auch viele Einwanderer aus Nordafrika, mit denen kann ich Arabisch sprechen. Das habe ich ja auf Kuba gelernt. Außerdem stelle ich hier mein Buch über Guantanamo vor. Meine Geschichte erscheint in Frankreich, und ich gebe hier ein TV-Interview. Das Buch wird in mindestens 13 Ländern veröffentlicht, auch Skandinavien, Brasilien, Südkorea, den USA.

Werden Sie auch nach Amerika reisen?

Lieber nicht.

Haben Sie noch Kontakt zu anderen Ex-Gefangenen aus Guantanamo?

Manchmal telefonieren wir, wenn jemand rauskommt. Dann freuen wir uns gemeinsam. Anfangs, als ich gerade zurück war, haben mich Entlassene aus England und Belgien in Bremen besucht.

Sie haben berichtet, dass Sie in einem Lager in Afghanistan auch von deutschen Soldaten des Kommandos Spezialkräfte misshandelt wurden, und zwar hinter einem Lastwagen.

So war es auch.

KSK-Soldaten bestritten dies: Es habe in dem Gefangenenlager damals keine Lastwagen gegeben. Ex-Insassen und US-Militärs aber stützen nun Ihre Aussage. Wie verfolgen Sie diese Entwicklung?

Nur am Rande. Den Lkw sahen damals ja Hunderte Soldaten, Gefangene, Hilfsarbeiter. Gesagt haben das jetzt wohl auch amerikanische Soldaten, obwohl die mich damals als Feind sahen und mit dem KSK zusammenarbeiteten. Mir würde ja schon reichen, wenn die KSK-Leute zugeben: Okay, wir haben den geschlagen, und wir haben gelogen. Wie das die Justiz dann bewertet, dazu kann ich nichts sagen, das kann nur ein Richter. Ich habe aber gelernt, wie wichtig Gerechtigkeit ist.

In dieser Woche tagt erstmals nach der Sommerpause, der BND-Untersuchungsausschuss, der sich seit Monaten mit Ihrem Fall beschäftigt. Erhoffen Sie sich noch etwas von diesem Gremium?

Naja, ich bin ja zwei Mal von deutschen Behörden in Guantanamo verhört worden...

...das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst haben nur einen Besuch von Mitarbeitern bei Ihnen bestätigt, einen zweiten aber klipp und klar dementiert.

Ein Deutscher war ein zweites Mal da, und der ist noch immer nicht identifiziert. Er war mit den beiden anderen Männern auch beim ersten Besuch in Guantanamo und hat sich mir, vor ihnen, als Deutscher vorgestellt.

Vielleicht war er ein Amerikaner, der perfekt Deutsch spricht?

Das glaube ich nicht. Aber ich kann es natürlich nicht beweisen. Ich habe da mehrmals mit Amerikanern gesprochen, die Deutsch konnten, und alle hatten einen amerikanischen Akzent. Aber selbst wenn ich mich irren würde: Man müsste doch rauskriegen können, wer das war.

Sprechen Freunde und Bekannte in Bremen Sie noch oft auf Gunantanamo an?

Viele fragen: Wenn es da in Guantanamo kein Urteil gab, wieso warst Du dann so lange weggesperrt? Das verstehen sie einfach nicht.

Wie finden Sie sich heute, gut ein Jahr nach Ihrer Rückkehr nach Bremen, im Alltagsleben zurecht?

Ich habe versucht, das Ganze abzuhaken, als die Amerikaner mich rausließen. Ich denke, ich habe das Erlebte nicht in meinen Kopf gelassen - und wenn man nichts einpflanzt, dann wächst auch nichts. Ich schlafe gut, esse gut, mache sechs Mal die Woche Kraft- und Ausdauersport. Ich arbeite als Verwaltungskraft in einem Bremer Sozialprojekt, und in der Freizeit treffe ich manchmal Biker. Viele von ihnen sind Türken, einige haben Rennmaschinen, und wir haben zum Beispiel mal eine Tour in den Harz gemacht.

Was sagen Freunde und Familie - jetzt, wo Ihr Bart ab ist?

Es ist echt komisch: Manche Freunde sahen es erst, nachdem wir schon eine halbe Stunde zusammen gesessen hatten. Vielleicht liegt es daran, dass sie mir beim Reden in die Augen sehen und das Äußere keine Rolle spielt. Meine Mutter kam aus dem Urlaub nach Bremen zurück, umarmte mich und merkte erst dann, irgendwie erschrocken, dass etwas anders war.

Interview: Uli Rauss


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