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Neuordnung der FDP: Christian Lindner, der letzte Trumpf der Liberalen

Nach der verheerenden Niederlage der FDP bei der Bundestagswahl läuft alles auf eine Person zu: Christian Lindner, 34. Ein Porträt des Mannes, dessen Mentor einst Jürgen Möllemann war.

Von Hans Peter Schütz

Der Auftritt des kommenden starken Mannes war professionell inszeniert. Kaum hatten Fraktionschef Rainer Brüderle und Parteichef Philipp Rösler bei einer Pressekonferenz im Bundestag ihre totale Niederlage gestanden und Seite an Seite ihren Abgang verkündet, räumte ein Helfer auf. Von zwei Rednerpulten blieb nur eines übrig. ein Pult, ein Mann. Er soll künftig als Einziger bei der FDP das Sagen haben. Christian Lindner.

Und Lindner legte sogleich los. Zunächst ein Blick zurück, der den gedemütigten Liberalen wieder Mut machen soll. "Ich habe mich in Nordrhein-Westfalen in die Verantwortung nehmen lassen in einer Lage, die als aussichtlos galt." Und er habe die FDP mit guten Ergebnissen in das Landesparlament in Düsseldorf zurückgeführt. Jetzt läuft das noch einmal so, war Lindners Botschaft. 2017 sind wir wieder da. Eine klare Ansage, kurz und knapp.

Lindner hatte der Bundespartei schon einmal gedient. Als Generalsekretär. Damals war er an Rösler gescheitert. Jetzt diktiert er die Agenda der kommenden Jahre, die zugleich eine Abrechnung mit seinem Vorgänger ist: "Die FDP braucht eine Phase der Besinnung und Neuorientierung, wenn die Partei den Respekt der Wähler zurück gewinnen will." Das Nummernschild von Lindners Dienstwagen trägt die Zeichen "CL 2017". Er hat schon geahnt, dass er noch gebraucht werden wird. Und dass es andere nicht können. "Es wird eine sichtbare Erneuerung der FDP geben", sagt er. Die Altvorderen müssen sich warm anziehen, heißt das.

Eine steile FDP-Karriere

Wer ist dieser Jungspunt, der nun so souverän den Takt vorgibt? Lindner, Jahrgang 1979, Sohn eines Lehrers, studierte Politikwissenschaft, Staatsrecht und Philosophie. Währenddessen schlug er eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr ein, heute bekleidet er den Rang eines Hauptmanns der Reserve. Bei der FDP mischte er bereits als Teenie mit, er war Landesvorsitzender der liberalen Schüler, im Jahr 2000 zog er mit gerade mal 21 Jahren in das nordrhein-westfälische Parlament ein. Er war der jüngste Abgeordnete. Sein Spitzname: "Bambi". Sein damaliger Chef: Jürgen Möllemann.

Von da an legte er eine steile politische Karriere hin, die nur eine Richtung zu kennen schien: nach oben. 2009 gelang ihm der Sprung in den Bundestag, der damalige Vorsitzende Guido Westerwelle machte ihn zum Generalsekretär. Sein Auftrag: der Partei ein neues Programm, ein neues Gesicht geben.

Dass ihn die renommierte "Frankfurter Allgemeine Zeitung" damals als "Nullnummer" bezeichnete, ertrug er mit einem Lächeln. Immerhin hatte das Blatt unmittelbar zuvor einen ganzseitigen Beitrag Lindners mit dem Titel "Wozu Liberalismus?" gedruckt. Den Attacken gegen ihn maß er nie besondere Bedeutung bei. "Ich werde als Parteigeneral eben für Tapferkeit bezahlt". Gewundert haben dürfte er sich sowieso nicht. Denn Lindner vertrat Positionen, die im bürgerlichen Lager nicht jedem schmeckten. So forderte er frühzeitig, den Ausstieg aus der Kernenergie für den Industriestandort Deutschland verkraftbar zu machen. Und er plädierte dafür, den Finanzmärkten eine neue Ordnung zu verpassen, um die systemischen Risiken besser zu kontrollieren. Von der Senkung der Mehrwertsteuer für Hoteliers hielt er, kurz gesagt: nichts. Er wollte eine grundlegende Reform der Mehrwertsteuer.

Die letzte Option

Wie mutig er ist, bewies er im Dezember 2011, als er - nach anhaltenden Querelen mit Rösler - das Amt des Generalsekretärs aufgab. Und sich in das Abenteuer des nordrhein-westfälischen Wahlkampfs stürzte. Die Liberalen lagen damals in den Umfragen weit unterhalb der überlebensnotwendigen 5 Prozent. Lindner holte bei den Wahlen 8,6 Prozent. Das trug ihm - ja: Ruhm ein.

Einer der parteiinternen Mitstreiter Lindners ist der schleswig-holsteinische Fraktionsvorsitzende Wolfgang Kubicki. Beide ticken sozialliberal, sie wollen die FDP aus der babylonischen Gefangenschaft der Union befreien. Beide werden prägende Figuren beim Wiederaufbau der Partei sein. Kubicki, das Raubein, dessen Zitate mitunter Kultcharakter erlangen, zum Beispiel, als die FDP unter Westerwelle mit der Spätphase der DDR verglich. Und Lindner, der Intellektuelle, der Reden hält, die so geschliffen und gleichzeitig kraftvoll sind, dass ihm das Publikum regelmäßig zu Füßen liegt.

Lindner ist personell derzeit die einzige und letzte Option, die die Liberalen ziehen können. Er ist "last man standing". Richtet er die Partei wieder auf, schreibt er Geschichte. Und hat 2017 alle Karten in der Hand.