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NRW-Landtagswahl: Röttgen hat fertig - und Merkel?

Er wollte nach ganz oben, mit allen Mitteln, doch dann machten die Wähler Norbert Röttgen mehrere Köpfe kürzer. Sein Totalschaden gefährdet auch die Kanzlerin.

Eine Analyse von Lutz Kinkel

Anfang 2009 brachte ein gewisser Norbert Röttgen, seinerzeit parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, ein Buch heraus. Titel: "Deutschlands beste Jahre kommen noch. Warum wir keine Angst vor der Zukunft haben müssen." Für den Autoren selbst gilt das nicht mehr. Norbert Röttgen, mittlerweile Bundesumweltminister, hat seine besten Jahre offenbar hinter sich. Und muss sich Sorgen machen. Um seine Zukunft. Und die seiner Kanzlerin.

Es war ein Debakel mit Ansage. Mit Engelszungen hatten Parteifreunde auf Röttgen eingeredet, sich voll und ganz auf NRW einzulassen und notfalls Oppositionsführer zu werden. Was machte Röttgen? Beharrte auf seinem Rückfahrticket nach Berlin. Im Land lieferte er nur ein Gastspiel, erkennbar in der Absicht, Ministerpräsident zu werden oder Bundesumweltminister zu bleiben. Damit gab er den Wählern zu verstehen: Ihr seid ein Schmiermittel meiner Karriere. Mehr nicht. Das nahm der Malocher an Rhein und Ruhr verständlicherweise übel. Und wie der Volksmund so sagt: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Fehler folgte auf Fehler: Sparpredigten ohne konkrete Sparvorschläge; der peinliche Versuch, das Votum in NRW zu einem Votum über Angela Merkels Europapolitik umzufunktionieren; der freudsche Versprecher über das Amt des Ministerpräsidenten: "Bedauerlicherweise entscheidet nicht alleine die CDU darüber, sondern die Wähler."

Pommes Schranke gegen Lachshäppchen

Punkten konnte Röttgen nie, im Gegenteil. Gerade das Duell mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) war für Röttgen fatal, es potenzierte medial ihre positiven und seine negativen Qualitäten. Landesmutter gegen Technokrat, Charme gegen Arroganz, Wohlfühlpolitik gegen Spardiktat, Pommes Schranke gegen Lachshäppchen. Norbert Röttgen, so stellte sich heraus, kann nicht Wahlkampf, kann nicht menscheln, er wird nicht warm mit "die Leut'". Röttgen ist ein elitärer Politiker, im Pott ein Fremdkörper. Während des Wahlkampfes ließ sich das nicht mehr kaschieren.

Nun liegt Röttgen, der Karrierepolitiker, der als möglicher Kanzlerkandidat der Union galt, in der politischen Abseite. Schwarz-Gelb ist auch in NRW erledigt, dem größten und wichtigsten Bundesland, diese Machtoption ist derzeit mausetot. Röttgen, der sich den Vorsitz des Landesverbandes gegen große Widerstände erkämpft hat, muss ihn wieder abgeben. Ihm fehlt nun die Machtbasis, er ist so geschwächt, dass seine unionsinternen Kritiker - und davon gibt es reichlich - über ihn herfallen werden. Röttgen hatte sich viele Feinde gemacht: Weil er Konkurrenten wie Armin Laschet hart aus dem Feld geboxt hat; weil er versucht hat, einen Granden wie Unionsfraktionschef Volker Kauder um seinen Job zu bringen; weil er Kollegen häufiger belehrt als überzeugt hat. Und weil er sich zum Protagonisten der Energiewende in der Atompartei CDU gemacht hat. Mag sein, dass er Bundesminister bleiben kann. Müsste er jetzt für den stellvertretenden Parteivorsitz wiedergewählt werden, würde er noch eine krachende Niederlage einfahren.

CDU personell ausgeblutet

Und damit berührt Röttgens Desaster auch die Kanzlerin. Hinter ihr ist auf weiter Flur kein potentieller Nachfolger mehr zu sehen, Roland Koch weg, Friedrich Merz weg, Christian Wulff weg, Stefan Mappus weg, Röttgen am Boden. Merkel ist allein zuhaus', die CDU personell ausgeblutet. Auch machtstrategisch hat sich Lage verdunkelt. Röttgen, der sich als Brückenkopf zu Schwarz-Grün verstehen ließ, ist diskreditiert; Rot-Grün hingegen hat wieder eine Modellkoalition. Der politische Drift ist spürbar, er entzieht der Kanzlerin eine Option und stellt sie vor einen erstarkten Gegner. Und innerhalb der Koalition wird auch nichts besser werden. Die Liberalen haben sich in den Wahlkämpfen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gegen die CDU abgegrenzt und gewonnen. FDP-Parteichef Philipp Rösler wird genau das im Bund tun, um nach Wolfgang Kubicki und Christian Lindner auch seine Haut zu retten. Diese Regierung neigt sich schon vor der nächsten Bundestagswahl 2013 ihrem Ende zu.

Röttgen wird sein Rückfahrticket einlösen. Wer weiß, wo er ankommt. Denn er hat heute gleich zwei politische Heimaten verloren: Nordrhein-Westfalen und Berlin.