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NRW-Wahlkämpfer Röttgen: "Muttis Klügster" und sein wunder Punkt

Auf die Rückfahrkarte aus NRW will Norbert Röttgen nicht verzichten. Selbst wohlmeinende Parteifreunde sehen darin ein Problem. Seinen Gegnern bietet der Umweltminister eine offene Flanke.

Von Kai Beller

Die Parteifreunde bitten und drängen, doch Norbert Röttgen lässt sich bisher nicht erweichen. Er will nicht auf das Rückfahrtticket nach Berlin verzichten und sich nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen auf die Landespolitik konzentrieren. Überraschen kann das niemanden. "Ich bewerbe mich nicht um das Amt des Oppositionsführers. Ich trete an, um Ministerpräsident zu werden", sagte Röttgen bereits vor einem Jahr. Die Äußerung fiel fast wortgleich nach der Auflösung des Düsseldorfer Landtags in der vergangenen Woche.

Eigentlich ist damit alles klar: Röttgen wechselt nur nach Düsseldorf, wenn er dort das Amt des Regierungschefs übernehmen kann. Doch mit widersprüchlichen Aussagen sorgt der Umweltminister für Verwirrung. "Ich habe es nie ausgeschlossen", sagte er am Montag auf die Frage, ob er eventuell doch als Oppositionsführer nach Düsseldorf wechseln würde.

Zaudern ist sein wunder Punkt

Das Zaudern ist Röttgens wunder Punkt. Bereits bei seiner Kür zum CDU-Landesvorsitzenden im Herbst 2010 befürchteten Kritiker, dass er die Aufgabe nur als Nebenjob zu seinem Amt als Bundesumweltminister betreiben werde. Tatsächlich dreht Röttgen lieber das große Rad auf der Berliner Bühne und internationalen Klimakonferenzen. Das Klein-Klein der Landespolitik liegt ihm nicht - zum Leidwesen der Parteifreunde.

Als "Muttis Klügster" wurde Röttgen verspottet, weil er in der Gunst von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) steht und mit seiner Politik konservative Grundsätze infrage stellte. So kritisierte er die von der schwarz-gelben Koalition beschlossene Verlängerung der Atomlaufzeiten. Erst nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima schlug seine große Stunde. Röttgen durfte die Energiewende mit gestalten. Als stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU gilt er zudem als möglicher Kronprinz Merkels.

Rösler und Seehofer geben ungefragt Tipps

Öffentlich mag niemand aus der Landesspitze dem Umweltminister in die Parade fahren. Die NRW-CDU brauche keine Ratschläge von außen, sagte Landtagsfraktionschef Karl-Josef Laumann. Der Landesgeneralsekretär, Oliver Wittke, räumte ein, dass an der Basis und in den Gremien der CDU über die Rolle Röttgens diskutiert werde. Aber eine Festlegung werde es nicht geben. "Er wird ganz sicher nicht zum Beginn eines Wahlkampfes ankündigen, Oppositionsführer werden zu wollen", schrieb Wittke den 54 CDU-Kreisverbänden in der vergangenen Woche.

CSU-Chef Horst Seehofer, der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und die Berliner Opposition verteilen eifrig Tipps. Seehofer forderte Röttgen gleich zweimal auf, auf das Rückfahrticket zu verzichten. Der Christsoziale will damit aber nicht so sehr Röttgen treffen, sondern seinen Herausforderer bei der Landtagswahl in Bayern im kommenden Jahr. SPD-Mann Christian Ude ist Münchener Oberbürgermeister und hat bislang offengelassen, ob er im Fall einer Niederlage Oppositionsführer im bayrischen Landtag wird.

Rösler warf Röttgen vor, kein Interesse an NRW zu haben, weil er sein Ministeramt nicht aufgeben wolle. Die Liberalen sehen in Röttgens Zögern einen rettenden Strohhalm, der sie vielleicht doch noch in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde bringt. FDP-Spitzenmann Christian Lindner bekannte sich jedenfalls zur Landespolitik. Im Gegensatz zu Röttgen hat er aber auch kein Ministeramt zu verlieren, sondern allenfalls ein Bundestagsmandat.

Entscheidung erst am Wahlabend

Der ein oder andere nutzt seine Kritik am Umweltminister auch, um alte Rechnungen zu begleichen. Denn Röttgen ist zwar mächtig, er hat sich mit seiner Haltung aber in der Energie- und Umweltpolitik auch viele Feinde gemacht. Andere wiederum sorgen sich um die Wahlchancen der Union. Das trifft zum Beispiel auf den früheren NRW-Finanzminister Helmut Linssen zu. Schon einmal habe sich die CDU mit dem damaligen Bundesarbeitsminister Norbert Blüm den Vorwurf eingefangen, einen Kandidaten auf Durchreise zu präsentieren, sagte er dem "Focus". "Das sollte uns nicht noch einmal passieren." Blüm verlor 1990 klar gegen Amtsinhaber Johannes Rau (SPD).

Laut "Bild"-Zeitung wird es genau diese Parallele jedoch geben. Im internen Kreis soll sich Röttgen bereits festgelegt haben, im Falle einer Wahlniederlage im Mai nicht in die Landespolitik zu wechseln, schreibt das Blatt unter Berufung auf Kreise um den Bundesumweltminister. Das Dementi kam prompt. Ebenfalls in der "Bild" erklärte Röttgen, er sage nicht, dass das Amt des Oppositionsführers nicht infrage komme. "Es ist nach den Spielregeln des demokratischen Wettbewerbs aber nicht das, worum gekämpft wird." Und: "Wir entscheiden am Wahlabend, was zu tun ist, wenn das Wahlziel nicht erreicht sein sollte."

Konkurrentin Kraft bohrt in der Wunde

Röttgens Kontrahentin, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), hat sich auf die offene Flanke des CDU-Spitzenmannes eingeschossen. "Ich habe mein Herz und das, was ich tun möchte, in Nordrhein-Westfalen", sagte sie am Montag. Hier die Landesmutter und dort der Karrierist aus Berlin. Kraft sagt, dass es ihr nicht darum gehe, ihre bundespolitische Karriere zu befördern.

Zumindest eines hat sie mit der Röttgen-Debatte schon erreicht. Zum Wahlkampfauftakt reden alle über den Umweltminister. Dass von der Opposition ausgegebene Wahlkampfthema Schulden und Sparen ist dagegen in den Hintergrund geraten.

Kai Beller