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Olympia-Boykott Gauck macht es sich zu leicht

Bundespräsident Joachim Gauck verzichtet auf seinen Olympia-Besuch in Sotschi. Viviane Reding folgt seinem Beispiel. Sie machen es sich zu leicht. Sie sollten ihren Protest in Putins Reich tragen.
Ein Kommentar von Andreas Petzold

Die Freiheit. Selbstbestimmung. Die Würde des Menschen. Diesem Themen-Kosmos fühlt sich Joachim Gauck verpflichtet – nicht erst, seitdem er zum Bundespräsidenten erkoren wurde. Er ist, wenn man so will, die ethische Instanz des Weltkonzerns Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Vorstandsvorsitzende Angela Merkel. Dass Gauck die Olympischen Winterspiele von Sotschi nicht besucht, könnte eine sehr persönliche Entscheidung sein. Sein Vater Wilhelm war in den fünfziger Jahren wegen antisemitischer Hetze in einem sibirischen Arbeitslager interniert worden. Oder geht es ihm in erster Linie darum, mit seiner Besuchsabsage Putins rüden Umgang mit Minderheiten an den Pranger zu stellen?

Reding interpretiert und zieht nach

Geäußert hat sich der Bundespräsident dazu noch nicht. Das ist schade. Seine Motive sollten nicht im Ungefähren bleiben, sonst entfaltet die Symbolik keine Wirkung. Viviane Reding, die Vizepräsidentin der EU-Kommission, hat Gauck jedenfalls schon mal in ihrem Sinne interpretiert. Sie will ebenfalls nicht nach Sotschi fahren, "solange Minderheiten weiter so von der russischen Regierung behandelt werden", twitterte sie.

Eindeutige Lehren aus der Geschichte

Die öffentliche Wirkung ist eine wichtige Größe, in der politische Repräsentanten den Wert ihrer Arbeit messen. Das ist vollkommen in Ordnung, umso mehr, wenn sie ihrem inneren Überzeugungs-Kompass folgen. Dennoch stellt sich die Frage, ob es sich Gauck und Reding mit ihrem Verzicht auf Visite, der von einigen Medien sogleich mit dem großen Wort "Boykott" verziert wurde, nicht zu leicht gemacht haben? Die Geschichte der Olympia-Boykotte reicht tief in das vergangene Jahrhundert. Und die Lehren daraus sind eindeutig: Diese Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln hat nie zu etwas anderem geführt als zum Einmauern der streitbaren Beteiligten. Überdies ist das Signal an Putin, wenn es denn von Gauck so gewollt ist, kein besonders mutiges. Wäre es nicht überzeugender, den Protest in Putins Reich hineinzutragen? Hätten der Bundespräsident und die EU-Kommissarin nicht eher ihren öffentlichen Auftritt im Februar nutzen können, um dort vor den Augen der Weltöffentlichkeit auf die Missachtung der Menschenrechte in Russland hinzuweisen? Der Beifall wäre vermutlich deutlicher ausgefallen.

Hinzu kommt: Mit seiner Aktion Absage setzt Joachim Gauck Maßstäbe für die Zukunft. Wer immer im Jahr 2018 im Schloss Bellevue residiert – er oder sie wird sich gut überlegen müssen, in jenem Jahr zur Fußballweltmeisterschaft nach Russland zu reisen.

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