Parteitag der FDP in Köln Liberale machen die Lindnerwelle


Die Lage der FDP ist verheerend, umso enthusiastischer feierten sie in Köln ihren neuen Generalsekretär Christian Lindner. Er hatte sich mit einer furiosen Rede empfohlen - auch für den Parteivorsitz?
Von Lutz Kinkel, Köln

Vielleicht ist er einfach nur müde. Gestresst. Oder es geht ihm noch die Trauerfeier in Ingolstadt für die vier gefallenen Bundeswehrsoldaten durch den Kopf. Er hatte sich kurzfristig von dort einfliegen lassen. In jedem Fall wirkt Guido Westerwelle fahrig. Er schaut auf seine Hände, er schaut ins Publikum, plötzlich scheint er jemanden zu erkennen und lächelt matt. Alle anderen Spitzenpolitiker der FDP, die an diesem Samstagnachmittag auf dem Podium des Kölner Parteitages sitzen, von Hans Dietrich Genscher über Klaus Kinkel bis Philipp Rösler, haben ihre die Köpfe starr nach rechts gewendet. Um das Rednerpult zu beobachten, um Christian Lindner zu sehen. Er, bislang nur kommissarisch im Amt, war soeben mit rund 95 Prozent zum Generalsekretär gewählt worden und hält nun seine offizielle Antrittsrede.

Lindner, 31 Jahre alt, schlank, blond, ein Typ, nach dem sich niemand umdrehen würde, wenn er durch die Fußgängerzone läuft - dieser Lindner redet die Delegierten schwindelig. Ohne Manuskript und Stichwortzettel arbeitet er die FDP-Agenda ab, kommt mühelos vom Grundsätzlichen ins Konkrete, von der liberalen Selbstbetrachtung zur politischen Attacke, vom Ernst ins Spöttische. Er ist es, der seiner Partei damit in dieser schwierigen Zeit Form und Ziel gibt, der die zitternden Wahlkämpfer in Nordrhein-Westfalen aufrichtet und motiviert. Nach der jüngsten, vom "Kölner Stadtanzeiger" publizierten Umfrage, liegt die NRW-FDP kurz vor der Wahl bei 5,1 Prozent. Andere Meinungsforschungsinstitute sehen sie bei 6 bis 8 Prozent, aber es reicht nirgendwo zur Fortführung der schwarz-gelben Koalition in Düsseldorf. Und jeder Delegierte weiß: Fällt Düsseldorf, ist auch die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat dahin. Die großen liberalen Projekte wie Steuersenkungen und die Einführung der Kopfpauschale wären nicht mehr durchsetzbar.

Der Generalsekretär spielt auf Angriff. Spricht von Regierungskunst ("Die Tat ist stärker als das Wort"), von Sozialer Marktwirtschaft ("Die Schwarmintelligenz der Gesellschaft ist dem politischen Diktat überlegen"), er verteidigt die Hartz IV-Debatte, die sein Vorsitzender losgetreten hat, stellt sich hinter Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler und die umstrittene Steuerreform. Und er stichelt gegen den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers, der sich jüngst von dem Slogan "Privat vor Staat" distanziert hat, der den Düsseldorfer Koalitionsvertrag ziert. Wenn nun das Gegenteil gelten solle, also "Staat vor Privat", sagt Lindner, dann sei das - ... (Pause) "bei aller Freundschaft" (Pause) ... - "keine bürgerliche Politik mehr". Das sitzt, die Delegierten jubeln, denn sie sind stinksauer, dass sich Rüttgers mehrere Koalitionsoptionen offen hält. Er kann auch mit den Grünen, er kann auch mit der SPD. Die FDP nicht.

In Gestik, Mimik und Rhetorik ähnelt Lindner inzwischen so sehr Guido Westerwelle, dass die beiden Figuren in eine zu verschwimmen scheinen: Lindnerwelle schüttelt den Kopf, wenn er Abneigung ausdrücken will, Lindnerwelle nickt, wenn er Zustimmung signalisieren will, Lindnerwelle dreht sich beim Reden nach links, nach rechts, Linderwelle versteht sich auf Timing, Pausen und die überraschende Pointe. Und doch gibt es einen gravierenden Unterschied: Lindner haftet nicht das Schrille an, das bei Westerwelle gelegentlich abstößt. Lindner haftet etwas Intellektuelles an, denn er greift in seiner Rede auf die liberale Ideengeschichte zurück. In seinem Berliner Büro hängt ein Bild des liberalen Vordenkers Ralf Dahrendorf. Er hat dessen Schriften nicht nur im Regal, er hat sie auch gelesen.

Hermann Otto Solms wird später sagen, Lindner habe ein "brillante Rede" gehalten und die geplante Steuerreform so gut begründet, dass er selber nichts mehr hinzufügen müsse. Jetzt badet Lindner erstmal im Applaus. Standing Ovations, minutenlang. "Ganz hervorragend" sei das gewesen, sagt der rheinland-pfälzische Delegierte Ulrich von Bebber mit glänzenden Augen. "Der hat Potential, ganz sicher". Philipp Rösler stürmt auf Lindner zu, nimmt ihn in den Arm und knuddelt den Generalsekretär, als hätten sie gemeinsam den Jackpot im Samstagslotto gewonnen. Alle gratulieren: Genscher, Westerwelle, Andreas Pinkwart, alle sind glücklich. Oder auch nicht. Lindner hebt die Arme und signalisiert den Delegierten, den Applaus zu beenden. Genug ist genug. Zu viel ist gefährlich.

Westerwelles Umfragewerte sind miserabel

Lindner hingegen hat mit seiner Rede nochmals bewiesen, dass er das Zeug zu höchsten Ämtern hat. Westerwelle symbolisiert die Verengung der FDP auf die Steuerfrage. Linder will sie breiter aufstellen, auch die Themen Datenschutz und Bürgerrechte stärken. Westerwelle steht für Ausgrenzung, Lindner für "mitfühlenden Liberalismus". Westerwelle musste sich von seinen Parteifreunden schon Forderungen anhören, den Parteivorsitz abzugeben. Lindner ist ein shooting star.

Sie könnten sich die Rollen aufteilen und beide davon profitieren. Vorerst.

Kurz nach Lindners Rede ist Westerwelle mit seinen Bodyguards vor der Halle zu sehen, bei den Ausstellern. Ein junger Fan möchte ein Foto. Westerwelle stellt sich bereitwillig neben ihn, die Kamera klickt. Es ist ein bisschen wenig Aufmerksamkeit, die er an diesem Samstagnachmittag bekommt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker