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Pressestimmen

Anschlag von Hanau: "Unter deutschen Dächern wohnen viele Rechtsextremisten, die im Stillen applaudieren"

Ein rechtsextremer Deutscher tötet in Hanau ganz offensichtlich gezielt Menschen mit Migrationshintergrund. Anschließend erschießt er seine Mutter und sich selbst. So kommentiert die Presse die furchtbare Tat.

Walter Wüllenweber

Bei einem mutmaßlich rechtsradikalen Anschlag hat ein Deutscher im hessischen Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Anschließend soll der 43-jährige Sportschütze seine 72 Jahre alte Mutter und sich selbst getötet haben. Der Mann habe eine "zutiefst rassistische Gesinnung" gehabt, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag in Karlsruhe. Das habe die Auswertung von Videobotschaften und einer Art Manifest auf dessen Internetseite ergeben. Die Todesopfer seien zwischen 21 und 44 Jahre alt gewesen und hätten Migrationshintergrund gehabt.

So kommentiert die Presse die Bluttat:

"Die Welt" (Berlin): "Die AfD ist nicht an allem schuld, und vor allem kann man darüber diskutieren, welche Entwicklungen eine solche Partei überhaupt erst möglich gemacht haben. Aber dass es einen Zusammenhang gibt zwischen rechten Hasspredigern und rechtsextremen Gewalttaten, ist unbestreitbar."

"Zeit Online": "Tatsächlich ist noch nichts Definitives über die mentale Verfasstheit des mutmaßlichen Täters bekannt. Niemand kann zu diesem Zeitpunkt eine Diagnose stellen. Seine Gedanken zur Erhabenheit seines eigenen Volkes und zur mangelnden "Leistungsfähigkeit" anderer findet sich so oder in ähnlicher Form auch in den Rede- und Schriftbeiträgen der extremen Rechten. Diese Haltungen existieren nicht allein im Kopf eines mutmaßlich psychisch Kranken. Zu konstatieren, Tobias R. sei ein Verrückter gewesen, ist ein bequemes Schutzargument, hinter dem sich die Relativierer zu verstecken versuchen. Ein billiger Trick."

"Stuttgarter Nachrichten": "Rassistischer Terror kann nur dann zurückgedrängt werden, wenn die Demokraten, die wirkliche bürgerliche Mitte, insgesamt dem täglichen kleinhässlichen Alltagsrassismus entgegentreten und seinen Bannerträgern nicht das Gefühl geben, auch nur in irgendeiner Weise dazuzugehören. Dieser Kampf wird in den Parlamenten mit politischen Mitteln geführt, er muss auch auf der Straße mit polizeilichen Mitteln geführt werden. Aber er beginnt ganz woanders: in Sportvereinen und den Kirchen, in Jugendgruppen und Schulen. Manchmal beginnt er in der Warteschlange im Supermarkt. Nur so trocknet der Nährboden des Terrors aus."

Hanau: Daniela Boeriu – Interview


"Mannheimer Morgen": "Der Täter handelte aus tiefster Feindseligkeit, er tötete ganz bewusst Menschen mit Migrationshintergrund. Und er nährte seinen rechtsextremen Fanatismus eben nicht im Kreise vertrauter Gesinnungsgenossen in der Eckkneipe, sondern in absoluter Anonymität im Netz. Seine vor den Morden veröffentlichten, kruden Gedanken scheinen das Produkt von Wahnvorstellungen zu sein. Sie sind aber auch der erschütternde Beweis, wie das Internet völlig entgrenzte Möglichkeiten bietet, das eigene Weltbild eindimensional zu formen: Aus Tatsachen werden Lügen, aus Pseudo-Fakten vermeintliche Wahrheiten. Alles ist möglich, alles scheint erlaubt."

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg): "Es mag abgedroschen und hilflos-ohnmächtig klingen, doch der Staat, die Zivilgesellschaft, also wir alle, dürfen solchem Terror nicht tatenlos zusehen. Und wir dürfen uns keinesfalls an solche Verbrechen gewöhnen. Es sind jetzt, mehr als zuvor, einerseits Mitgefühl und Solidarität mit den Opfern, aber andererseits auch Zivilcourage, entschlossenes Vorgehen gegen das Gift des Rechtsextremismus notwendig. Hanau darf sich nicht wiederholen. Nirgendwo. Wehret den Anfängen, überall wo sie sich zeigen."

"Badische Zeitung" (Freiburg): "Niemand singe jetzt das naive Lied vom Einzeltäter. Als handele es sich beim Hanauer Anschlag um die Tat eines einsamen Wolfes. Diese Verharmlosung war schon im Mordfall Lübcke unangebracht und bei der Attacke auf die Synagoge in Halle. Die Tat von Hanau mag von einem Wirrkopf begangen worden sein. Aber diese immer wiederkehrenden Relativierungen lenken nur von einem Urteil ab, vor dem manche zurückschrecken, weil es so beschämend, aber eben unumgänglich ist: Deutschland hat ein massives Problem mit rechtem, rassistischem Terror."

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Die Sicherheitsbehörden müssen jetzt noch entschlossener agieren. Es gibt weniger ein Erkenntnis- als ein Vollzugsdefizit. Die Parallele zum Kampf gegen den RAF-Terror ist nicht übertrieben. Das ist die Dimension, um die es heute geht, allerdings mit dem Unterschied, dass man die Köpfe der RAF auf Fahndungsplakate drucken konnte - während die Terroristen von rechts oft erst im Augenblick ihrer Untaten aus der Versenkung auftauchen. Dann ist es zu spät."

Eine junge Muslima spricht über den Anschlag in Hanau

"Rhein-Zeitung" (Koblenz): "Die Regierungen in Bund und Ländern sowie die Sicherheitsbehörden müssen sich noch viel eindeutiger darauf einstellen, dass sich in Deutschland Rechtsterrorismus verbreitet - organisiert und bei Einzeltätern. Insbesondere in der Fahndung online gibt es erhebliche Defizite. Mehr polizeiliche und geheimdienstliche Verfolgung sind vonnöten. Damit lassen sich allerdings nur die Symptome des Rechtsterrors bekämpfen, nicht seine Wurzeln. Diese liegen auch in einer Kette aus aggressivem Tonfall, verbaler Gewalt, Beleidigung, Hass, Verachtung für das System und Aufrufen zu Straftaten. Oft mischen sich krude Verschwörungstheorien dazu. Am Ende radikalisieren sich Menschen. Diese Entwicklung wird von der AfD mit ihren völkischen Thesen verstärkt."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Das Blutbad von Hanau war ein rechter Anschlag: widerwärtig, abstoßend und für Deutschland beschämend. Aber kam der Terrorakt überraschend? Auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist die braune Gefahr nicht gebannt. Der Attentäter von Hanau mordete in den Shisha-Bars zwar offenbar allein, aber unter deutschen Dächern wohnen viele Rechtsextremisten, die ihm im Stillen applaudieren. Der braune Sumpf findet sich aber auch im Bundestag. Solange die AfD sich nicht klar zu Neonazis abgrenzt und Höckes rechtem Flügel abschwört, ist sie Teil des Problems. Sogenannte Wutbürger sollten sich darüber im Klaren sein: Es gibt keine Entschuldigung dafür, geistige Brandstifter und Feinde von Demokratie und Anstand zu wählen. An diesem Tabu darf nicht gerüttelt werden."

"Lübecker Nachrichten": "Die Sicherheitsbehörden müssen jetzt noch entschlossener agieren. Die Parallele zum Kampf gegen den RAF-Terror ist nicht übertrieben. Das ist die Dimension, um die es heute geht, allerdings mit dem Unterschied, dass man die Köpfe der RAF auf Fahndungsplakate drucken konnte - während die Terroristen von rechts oft erst im Augenblick ihrer Untaten aus der Versenkung auftauchen. Dann ist es zu spät."

"Der Standard" (Wien): "Der Selbsthass derer, die sich völkisch oder männlich zurückgesetzt fühlen, lebt vom Phantom der Gefahrenabwehr. Man wird sehen, ob die Auswertung der Hanauer Bekennerprosa neue Einsichten zutage fördern wird. Doch ist es endlich an der Zeit, von der Chimäre der Äquidistanz Abschied zu nehmen. Denn noch immer wird der Extremismus in Mitteleuropa in linke und rechte Anteile aufgespalten. (...) Die Ergebnisse einer solchen Geografie der Indifferenz kann man zurzeit in Thüringen besichtigen. Mithilfe der Mitte-Parteien wird der Rechtsextremismus durch die Hintertür auf das Parkett der gesetzgebenden Kammern gebeten. Gleichmacherei ist diesfalls Ausdruck von Hilflosigkeit. Sie stärkt bloß den rechts vom rechten Rand befindlichen Narrensaum."

"Nürnberger Nachrichten": "Interessant, wie nun manche auf den Massenmord von Hanau reagieren. Wer dieses Verbrechen als Tat eines verwirrten Einzeltäters ohne politisches Motiv einordnet, der macht es sich doch zu leicht. Es besteht durchaus ein Zusammenhang zwischen Ausgrenzung, Rassismus und Hass, der "nur" in Worten oder Facebook-Posts geäußert wird, und den entsetzlichen Taten, in die dieser geschürte Hass bei manchen mündet."

"Rheinpfalz" (Ludwigshafen): "Der Ruf nach härteren Fahndungs- und Überwachungsmethoden wird nach dem Hanauer Anschlag nicht lange auf sich warten lassen. Hass lässt sich damit aber nicht bekämpfen. Die schreckliche Tat eines Einzeltäters macht erneut deutlich, dass das Internet als Brandbeschleuniger für rechtsextremistische Taten dient. Dort bekommen auch Einzelgänger für ihre kruden Theorien die Bestätigung, die sie im Alltag unter Menschen nie oder nur ganz selten erhalten würden."

"Ostfriesen-Zeitung" (Leer): "Ein zentrales Element, das diese Demokratie von innen zerfrisst, ist Hass. Wobei die Grenze des Erträglichen nicht erst seit Hanau überschritten ist. Die Höckes dieser Republik sind nur ein Beispiel dafür. In Zeiten, in denen Extremisten öffentlich dazu auffordern, die Grenzen des Sagbaren und des Zeigbaren zu verschieben, muss auch die schweigende Mehrheit ihr Verhalten ändern - daheim, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Raum. Dem vorauszugehen hat eine Positionierung der Politik, die über öffentliche Anteilnahme weit hinausdenkt. Intoleranz darf nicht toleriert werden."

"Darmstädter Echo": "Die Menschen wollen Antworten (...), nicht nur in Hessen. Dort zeigt die Erinnerung an Walter Lübcke und Halit Yozgat nur auf besondere Weise, wie sehr Vertrauen in den Staat erodieren kann. Dieses Vertrauen in den Staat wollen die rechten Hassprediger der AfD und andere Totengräber der freiheitlichen Demokratie zerstören. Sie lassen Sprache und Geist verrohen und bereiten so einen blutigen Boden für Mörder. Sowohl gegen die Mörder als auch gegen ihre geistigen Führer müssen wir uns verteidigen. An zwei Fronten: Polizei und Verfassungsschutz müssen so ausgestattet sein, dass sie diesen Kampf auch wirklich führen können. Und die Zivilgesellschaft muss dem Hass konsequent begegnen, wo immer er seine Fratze zeigt."

fin / DPA / AFP