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Regierungserklärung im Bundestag Merkel adelt ihren Griechen-Versteher

Noch bevor sie Schäuble und Westerwelle nannte, lobte die Kanzlerin im Bundestag Hans-Joachim Fuchtel. In Athen ist der Staatssekretär unter dem Namen "Fuchtelos" bekannt. Wer ist der Mann?
Von Hans Peter Schütz

Ab sofort braucht der Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel seine Geheimwaffe nicht mehr. Es ist eine Zahnbürste mit der Aufschrift "CDU - Fuchtel in aller Munde". Seit der jüngsten Regierungserklärung der Kanzlerin ist der Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowieso in aller Munde, die Ausgabe für das Werbegimmick kann er sich sparen. Jeder halbwegs politisch interessierte Bundesbürger kennt nun seinen Namen.

Und seinen Spitznamen. Angela Merkel präsentierte ihn im dem Plenum des Bundestags mit einem charmanten Lächeln: Fuchtel wird in Griechenland "Fuchtelos" genannt. Das Protokoll verzeichnet große Heiterkeit an dieser Stelle, herzlicher Beifall der Abgeordneten von CDU/CSU und FDP brandete auf, sogar einige SPD-Hinterbänkler applaudierten dezent. Fuchtel selbst strahlte wie ein geborener Schwarzwälder halt so strahlt, wenn Weihnachten, Ostern und Pfingsten zusammenfallen.

Ein Tag der Ehre

Für Fuchtel ist dieser Tag eine große Ehre, zumal ihn die Kanzlerin als ersten in einer Reihe von Politikern nannte, die sich große Verdienste um die Meisterung der europäischen Krise erworben hätten. Erst nach Fuchtel sprach sie von Finanzminister Wolfgang Schäuble und Außenminister Guido Westerwelle.

Was für ein Aufstieg für Hans-Joachim Fuchtel. Bisher war der Mann aus dem baden-württembergischen Wahlkreis Calw/Freudenstadt allenfalls Insidern ein Begriff, obwohl er seit 25 Jahren für die CDU im Bundestag sitzt. Neuerdings koordiniert er im Auftrag der Bundesregierung die so genannte deutsch-griechische Versammlung, die Kooperationen zwischen deutschen und griechischen Gemeinden, Landkreisen und Vereinen initiiert und fördert. Diese Aufgabe betreibt Fuchtel mit einer derartigen Hingabe, dass ihm bereits der "Spiegel" einen amüsiert-freundlichen Artikel widmete.

Kamelmilch gefällig?

Zuvor war Fuchtel allenfalls in der medialen Abseite zu finden. Kaum war er im Amt des Parlamentarischen Staatssekretärs, präsentierte ihn die "Bild" auf der ersten Seite als "Verlierer des Tages". Der Anlass: Fuchtel habe sich unmittelbar nach seiner Berufung "fünf noble Pelikan-Füllfederhalter für 169 Euro pro Stück" sowie eine Siemens-Kaffeemaschine im Porsche-Design bestellt. Erlaubt habe das Ministerium ihm jedoch nur zwei Füller. Fuchtel dementierte den Vorwurf damals energisch. Er habe "für dienstliche Belange" lediglich einen Füller bestellt, erklärte er stern.de, "allenfalls einen zweiten als Reserve." Ihm müsse niemand das Sparen beibringen, empörte sich der am Neckar geborene Schwabe.

Neben der Füller-Nummer ist noch bekannt, dass Fuchtel Ehrenpräsident des Kamelvereins "Fata Morgana e.V." ist, der seit 2002 nahe Pforzheim die Förderung von Kamelrennen betreibt und dafür wirbt, die Milch von Kamelen verstärkt als Heilmittel einzusetzen. Auf Berliner Partys kreuzt Fuchtel deswegen gerne mit einem Fläschchen Kamelmilch statt einer Flasche Wein auf. Über den Zuspruch der Beschenkten lässt sich allenfalls spekulieren.

Kennt jeden Cent im Milliarden-Etat

Der "Spiegel" bezeichnete ihn aufgrund seines Engagements schon mal als "Kamelhändler", der es nach 40 Jahren Mitgliedschaft in der CDU endlich geschafft habe, zum Staatsekretär aufzusteigen. Aufgefallen sei er zuletzt dadurch, veralberten sie den braven Mann, "dass er sowohl bei der Wiederwahl des Bundespräsidenten im Mai als auch bei der Wiederwahl der Bundeskanzlerin im Oktober bei den Abstimmungen als Schriftführer des Bundestagspräsidenten die Namenslisten des Plenums vorlas. Nachname, Vorname. Nachname, Vorname. Fehlerfrei." Womit habe Fuchtel, so lautete die Frage, den Posten als Staatssekretär verdient?

Ganz fair war das natürlich nicht, denn dieser Fuchtel hatte jahrelang im Haushaltsausschuss den Einzelplan Arbeit und Soziales beackert. Er wusste praktisch über jeden Cent Bescheid, den das Ministerium ausgibt - und das bei einem Etat von weit mehr als 100 Milliarden Euro. Außerdem hat Fuchtel eine soziale Ader. Er kommt selbst aus ärmlichen Verhältnissen, mit sechs Jahren verdiente er sein erstes Geld durchs Einsammeln von Weinbergschnecken. Später, als Politiker, unterstützte er das "Kinderhaus Luftikus" im Schwarzwald. Dort finden Kinder eine Heimat, die auf Langzeitbeatmung angewiesen sind und meist ein trostloses Leben in den städtischen Krankenhäusern ertragen müssen. Unionsfraktionschef Volker Kauder wusste schon, warum er Fuchtel auf der Karriereleiter nach oben schob.

Ein Graswurzel-Diplomat

Was Fuchtel anpackt, das macht er mit aller Energie. Seinen derzeitigen Job, die deutsche-griechische Verständigung, betreibt er schon mal dadurch, dass er deutsche Musikkapellen nach Kreta reisen lässt. Seinen Besuchern aus Griechenland erteilte er nicht nur gute Ratschläge, wie sich der Kastoria-See zu einem zweiten Bodensee machen ließe, er organisierte auch deutsche Fachleute, die bei der Müllentsorgung halfen, um das Ziel zu erreichen. Unermüdlich verkuppelt er außerdem deutsche Regionen mit griechischen, etwa den Nordschwarzwald mit Kreta und Nordvorpommern mit Korfu. Man hilft sich, berät die Partner und die örtlichen Entscheidungsträger.

Zwischendurch verteilt Fuchtel auch mal Schwarzwalduhren oder Schwarzwaldpüppchen. Pausenlos hat er Auftritte im griechischen Fernsehen, in denen er den Griechen erzählt, wie sehr die Deutschen ihr Land und ihren Wein immer noch lieben. Der Mann ist ein echter Graswurzel-Diplomat, den die Griechen schätzen und seit langem so nennen, wie dies jetzt die Kanzlerin getan hat: "Fuchtelos", mit Akzent auf den beiden letzten Buchstaben.

P.S.: stern.de fragte bei Hans-Joachim Fuchtel nach, wie er Merkels Lob empfunden hat. Die Antwort ist ein Zeugnis seiner unglaublichen Bescheidenheit. Fuchtel: "Ich habe mich gefreut und empfand es als Motivation und Anerkennung vor allem für die vielen Bürgermeister und Landräte, ohne die das ganze nicht möglich wäre."

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