VG-Wort Pixel

Rente mit 67 beschlossen Länger arbeiten? Schön wär's


Die Regierung hat die Rente mit 67 bestätigt. Ob wir deshalb länger arbeiten, ist nicht gewiss: Ältere Arbeitnehmer haben es weiter schwer, die Arbeitslosigkeit ist sogar gestiegen.
Von Sönke Wiese

Über das Gemosere bei der Rente mit 67 kann sich die Bundesregierung nicht beschweren. Die Franzosen beispielsweise gerieten kürzlich völlig außer Rand und Band angesichts der Regierungspläne, das Renteneintrittsalter zu erhöhen - von 60 auf 62 Jahre. Rente mit 62? Ein Traum aus Sicht deutscher Arbeitnehmer.

Hierzulande steht der Rente mit 67 seit heute nichts mehr im Weg. Verhältnismäßig brav schluckten die Deutschen bereits 2006 den Beschluss der Großen Koalition, die Lebensarbeitszeit um zwei Jahre zu verlängern - von Krawallen, Streiks und Blockaden wie in Frankreich keine Spur. Nach Ansicht der Gewerkschaften wären sogar höhere Beiträge in Ordnung, wenn es die Regierung doch noch bei der Rente mit 65 beließe.

Überprüfung alle vier Jahre

Doch dazu kommt es nicht. Angela Merkels Kabinett hat einen Prüfbericht des Bundesarbeitsministeriums gebilligt und damit endgültig die längere Regelarbeitszeit auf den Weg gebracht. Ab 2012 wird sie schrittweise eingeführt. Das Ministerium unter Ursula von der Leyen (CDU) hatte zuvor zu ermitteln, ob die Rente mit 67 angesichts der aktuellen Arbeitsmarktlage und der wirtschaftlichen Situation älterer Arbeitnehmer noch vertretbar sei.

Erheblichen Zoff gab es in den vergangenen Tagen um diesen Bericht, es war quasi das letzte Gefecht um die Rente mit 67. Denn die Statistik hätte - theoretisch - das Projekt noch stoppen können. Doch praktisch lässt sich fast jedes Zahlenwerk nach Belieben interpretieren. Das Arbeitsministerium musste die zentrale Frage beantworten: Sind über 55-Jährige noch gefragt auf dem Jobmarkt? Nur dann darf die Rente mit 67 kommen, das hatte die Große Koalition 2007 beschlossen und die Überprüfung alle vier Jahre im Gesetz festgeschrieben.

Streit um die Statistik

Doch welche Statistik beantwortet überhaupt diese Frage adäquat?

Die Bundesregierung stützt sich auf die positive Entwicklung der Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen: Sie hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt und lag 2009 bei 56 Prozent. "Das ist im internationalen Vergleich ein guter Wert", sagte OECD-Rentenexpertin Monika Queisser stern.de. Der Durchschnitt aller OECD-Staaten lag im vergangenen Jahr bei 51,8 Prozent.

Kritiker monieren allerdings, dass zu den Erwerbstätigen nach Definition des Statistischen Bundesamts alle zählen, die mindestens eine Stunde pro Woche gegen Entgelt arbeiten. Darunter fallen also auch Vorruheständler oder Minijober, die keiner geregelten Arbeit nachgehen, sondern sich nur ein wenig dazu verdienen - nach Schätzungen rund 500.000. Ebenfalls dazu gehören Freiberufler und Beamte, die keine Beiträge in die Rentenkassen zahlen.

Die tatsächliche Lage der älteren Arbeitnehmer erfasst besser die Beschäftigtenquote, denn zu ihr zählen ausschließlich sozialversicherungspflichtige Jobs. Laut Bundesagentur für Arbeit lag diese 2009 in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen bei 37,3 Prozent - naturgemäß ein deutlich schlechterer Wert als die Erwerbstätigenquote. Aber auch hier gibt es einen Aufwärtstrend, 2005 waren es nur 29,3 Prozent. Doch je älter die Menschen, desto dramatischer fällt die Quote ab: Von den 64-Jährigen gehen nur noch 9,9 Prozent einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach.

Entsprechend hoch ist auch die Quote der Neurentner, die direkt aus der Arbeitslosigkeit kommen - und damit zum Teil erhebliche Abschläge bei ihrer Rente haben. Auf den ersten Blick paradox: Trotz höherer Erwerbs- und Beschäftigtenquoten hat auch die Zahl der Arbeitslosen unter den Älteren stark zugenommen. Waren im Oktober 2007 rund 34.500 der 60- bis 64-Jährigen arbeitslos, stieg die Zahl bis Oktober 2010 auf 145.000.

Eine große Rolle spielen hierbei zwar rechtliche Änderungen und statistische Umstellungen - Arbeitsministerin von der Leyen nennt die jetzige Statistik "ehrlicher". Aber der Trend wird sich wegen des demographischen Wandels fortsetzen. Denn die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit kommen nun nach und nach ins Rentenalter. So wird beides weiter zunehmen: die Zahl der Erwerbstätigen ebenso wie die der Arbeitslosen.

Hintertürchen für künftige Regierungen

Das hält künftigen Bundesregierungen alle Optionen offen, die Zahlen nach Gutdünken zu interpretieren. Alle vier Jahre, so legte es die Große Koalition 2006 fest, muss das Arbeitsministerium erneut einen Prüfbericht vorlegen, ob die verlängerte Regelarbeitszeit noch vertretbar ist. OECD-Expertin Queisser warnt: "Noch gibt es keine problematische Altersarmut, aber das muss man genau im Blick behalten. Deutschland hat im OECD-Schnitt heute schon ein ziemlich niedriges Rentenniveau."

Bestimmte Statistiken oder Quoten sind für die Überprüfung jedoch nicht vorgeschrieben, der entsprechende Passus ist so schwammig formuliert, dass er vor allem eine Funktion erfüllt: den jeweils Regierenden stets ein Hintertürchen offen zu lassen. Sie können das Glas immer als halb voll oder als halb leer bezeichnen.

So könnte eine linke Regierung in vier Jahren zu einer anderen Bewertung der Lage der älteren Arbeitnehmer kommen, etwa weil sie die negative Entwicklung der Arbeitslosenzahlen in den Fokus rückt. Die SPD sieht bereits jetzt die Zahlen kritisch und forderte, den Einstieg in die verlängerte Regelarbeitszeit um ein paar Jahre zu verschieben.

Womöglich ist also das letzte Gefecht um die Rente mit 67 doch noch nicht geschlagen. Das unterscheidet die Deutschen in diesem Fall von den Franzosen: Statt den Aufstand auf der Straße zu proben, tragen sie ihren Streit lieber mit statistischen Tricksereien aus.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker