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Schnauze, Wessi!: Advent, Advent, ein Makler brennt

Man merkt es kaum noch, aber deutsch-deutsche Begegnungen finden viel öfter statt, als uns allen lieb sein kann. Sogar in der besinnlichen Zeit, wie der Alltagstest zeigt. Ein Protokoll.

Von Holger Witzel

Im Advent weitet sich das Herz. Man erträgt Einkaufsorgien, Weihnachtsfeiern mit West-Kollegen – sogar in den besetzten Gebieten rund um Bethlehem und Berlin kehrt Frieden ein. Allein der schöne Brauch, über Weihnachten nach Hause zu fahren, beschert den letzten Ur-Einwohnern der ehemaligen Hauptstadt der DDR ein paar schwabenfreie Tage. In der ehemaligen Heldenstadt Leipzig dagegen bleiben sie inzwischen – wie sie es nennen – auch "zwischen den Jahren" da. Deprimierende Statistiken gehen schon von zehn Prozent West-Migranten aus. Optimisten trösten sich damit, dass die meisten eigene Stadtviertel bevorzugen und einige selbst nach Besatzungsrecht immer mal im Gefängnis landen. Aber reicht das? Ich habe mal einen Tag lang darauf geachtet und festgestellt, wie oft und beiläufig es zum Äußersten kommt.

Es fängt mit der Reiterstaffel an, die mich jeden Morgen weckt. Die Kinder im Dachgeschoss trampeln sich für ihre Sonderschule warm - Waldorf, Montessori, irgendsowas. Sie können nichts dafür, dass der westdeutsche Bauträger vermutlich am Trittschallschutz gespart hat und ihnen auch sonst niemand Rücksichtnahme beibringt. Ihre Eltern sind in westdeutschen Einfamilienhäusern aufgewachsen. Jetzt produzieren sie beim MDR, was sie für Ost-Fernsehen halten und finden es womöglich politisch nicht korrekt, ihre Kinder zu ermahnen, dass der faule Eingeborene unter ihnen gern etwas länger schläft. Ausnahmsweise hat der heute auch einen Termin und regt sich deshalb nicht weiter auf. Es gibt Schlimmeres: Im Landgericht steht wieder mal ein städtischer Manager wegen Korruption vor Gericht. Muss ich noch erwähnen, woher solche Leute in der Regel stammen?

"Verfahrensökonomie"

Ein Taxi bringt mich hin und wenn ich gewusst hätte, dass es an diesem Tag fast der einzige Kontakt mit Einheimischen bleibt, hätte ich sicher nichts gesagt. Aber die Fahrerin hört MDR Jump. Höflich bitte ich um einen anderen Sender und komme mir dabei selbst wie ein Klugscheißer aus Köln vor. Entsprechend trotzig reagiert die Frau. Erst als ich sie darüber aufkläre, dass da gerade ein Westdeutscher unseren schönen Dialekt nachzuäffen versucht, fragt sie: Ehrlich? Natürlich. Die alberne Co-Moderatorin auch. Schon morgens sollen wir nach ihrer Pfeife tanzen, zur "besten Musik aufstehen", uns Ihr penetrantes Geduze anhören ... Müssen wir uns das gefallen lassen? Nein, sagt die Taxifahrerin empört und dreht den Sender ab. Na bitte!

Auf der Anklagebank sitzt der frühere Chef der Leipziger Wasserwerke. Er hat sich von anderen Westdeutschen mit 3,7 Millionen Euro bestechen lassen, wofür der Stadt nun ein Schaden von 290 Millionen droht. Wie fast immer noch überall an ostdeutschen Gerichten verhandeln westdeutsche Richter, Staatsanwälte und Verteidiger den Fall unter sich. Diesmal läuft es auf einen Deal hinaus, wonach ihr Landsmann mit knapp fünf Jahren davonkommen soll. "Verfahrensökonomie" nennen sie das. Wenn er die Bestechung gesteht, fällt die Untreue gegenüber der Stadt unter den Tisch. So hat jeder was davon, sogar alle unbeteiligten Leipziger: den Schaden.

Arbeit, Häuser, das Gesetz

Beim Mittagessen fällt mir auf, dass ihnen auch schon die meisten Kneipen hier gehören. Die Wirte sagen zwar beflissen "L.E." statt Leipzig und begrüßen Zeitungsleute gern mit Handschlag. Aber darf man deshalb die Ausbeutung hiesiger 400-Euro-Köche fördern? Was soll man machen, wenn man Hunger hat und irgendwo wohnen muss? Gleich habe ich einen Termin zur Wohnungsbesichtigung. So weit ist es schon, dass wir ihnen ausweichen!

Vor dem Haus schnappt mir jemand trotz Blinker die Parklücke weg. Der gewohnte Blick aufs Nummernschild bestätigt genau, was Sie jetzt denken. Es ist der Makler, der sich verfahrens-ökonomisch entschuldigt, weil er mir eine ehemals volkseigene Wohnung für 7 Euro 50 aufschwatzen will: "Also bei uns München", so fängt er an. Und dass die Mieten ja nun endlich auch hier wieder anzögen, zehn Prozent Zuzüge ... Bevor ich auf sein laminiertes Mogelparkett kotze, lasse ich ihn einfach stehen und denke auf der Treppe kurz daran, nach München zu ziehen. Wenn ihnen hier schon alles gehört – Arbeit, Häuser, das Gesetz – müsste es dort ja auszuhalten sein. Ohne Trampeltiere im Dachgeschoss. Ohne MDR Jump. Aber kann ich das meiner Familie zumuten, mit der ich auf dem Weihnachtsmarkt verabredet bin?

Eigentlich wollen wir nur Kräppelchen, aber finden den alten Leipziger Verkaufswagen mit dem Schmalzgebäck nicht gleich. Er passt nicht mehr zu den einheitlichen Bretterbuden, in denen sich Bayern als "Leipziger Weihnachtsbäcker" ausgeben. Wir kaufen eine Abwaschbürste aus Holz für 3 Euro und merken zu spät, dass sie nicht etwa aus der nahe liegenden Bürstenmachergegend zwischen Erzgebirge und Vogtland, sondern aus Alpirsbach im Schwarzwald kommt. Danach schaue ich bei den anderen Buden genauer hin: Kerzen aus Braunschweig. "Alles aus dem Erzgebirge" aus Heubach in Schwaben. Ein Feinkosthändler aus Köln muss seinen Senf auch dazu geben. Und wieso gehören die meisten Verkaufsstände eigentlich alle zu einer Firma aus Rothenburg ob der Tauber?

Eine Art Wohltätigkeitsballermann

Ich frage eine frierende Verkäuferin, die sich dreimal umschaut, bevor sie über das Geschäftsmodell "Weihnachtsmarkt" auspackt. Es ist offenbar eine reine Wohlfahrtsveranstaltung, zumindest ihrem Lohn und dem Namen des Arbeitgebers nach. Die Firma richtet den Weihnachtsmarkt schon seit 1990 im Auftrag des Leipziger Marktamtes aus. Damals bot der fränkische Kitsch-Spezialist seine Hilfe im Kampf gegen den Wildwuchs fliegender Händler aus dem Westen an. Seitdem dominiert nur noch einer den Glühweinumsatz. Dieses Jahr hat man sich für die säkularisierte Kundschaft vor Ort etwas besonders Reizendes ausgedacht: "Sandmännchen und seine Freunde" als Baumschmuck aus Glas - die ganze Bande aus dem DDR-Fernsehen . Exklusiv bei Wohlfahrt aus Rothenburg o. d. T.

Die einzigen, die sich so was an die Tanne hängen, glauben wahrscheinlich, das gehöre zur Folklore ihrer Wahlheimat. Sie pendeln zwischen den Ständen des Lions Club und der Rotarier hin und her. Es ist eine Art Wohltätigkeitsballermann, laut und obszön – die so genannte Leipziger Gesellschaft, zu der jeder Autohausbesitzer gehört, sofern er den westdeutschen Oberbürgermeister duzt. Sie verkaufen sich gegenseitig Glühwein für einen guten Zweck. Das heiligt die Mittel für den nächsten Deal. Ein Weihnachtswunder, dass der Wasserwerks-Chef dieses Jahr fehlt. Dafür entdecke ich im Vorbeigehen den Makler und schaue so feindselig wie möglich. Er trägt eine Nikolausmütze und wirft lachend den Kopf zurück. Dabei streift er eine Kerze, sein Schal lodert, bis ihn ein rotarischer Löwe mit kaltem Glühwein löscht. "Komisch", sagt meine Frau, "von weitem sah es aus wie Seide, aber die brennt eigentlich gar nicht?" In der hintersten Ecke, neben einem alten Karussell aus München, finden wir endlich unsere Kräppelchen. Vier mal groß, bitte! Aber eigentlich bin ich schon bedient.

Abwaschbürste ohne Borsten

Am Abend sehen wir die Glühweinwohltäter alle beim Weihnachtsoratorium wieder. Der Herrscher des Himmels lässt sich offenbar jedes Gelalle gefallen. Wir haben die Karten auf legalem Weg kurz vor Ostern ergattert und nun das Gefühl, bis auf die letzten eingeborenen Gewandhausmusiker die einzigen Leipziger in der Thomaskirche zu sein. Selbst der Pfarrer der berühmten Kirche ist seit 1992 ein Sozialdemokrat aus Düsseldorf. Und wer singt den Evangelisten? Ein Tenor aus Bayern ...

Jetzt merke ich gerade: An dieser Stelle habe ich den Text vor einem Jahr angewidert zur Seite gelegt. So schnell vergeht die Zeit und tatsächlich hat sich einiges verändert: Die "Jump-Morning-Show" moderieren jetzt Sarah und Lars, die von einem Dudelradio in Rheinland-Pfalz kamen. Unsere neue Abwaschbürste hat kaum noch Borsten, obwohl das Leipziger Wasser von neuen Fachleuten aus dem Westen gemanagt wird. Das gedealte Urteil gegen ihren Vorgänger hob der Bundesgerichtshof vor ein paar Wochen auf und verwies es zur Neuverhandlung an westdeutsche Richter nach Dresden. Ein Bundesanwalt äußerte gar den Eindruck, die Leipziger Richter hätten "sich mit Händen und Füßen gewehrt, sich mit diesem Sumpf zu befassen". Leipziger Richter – wenn die wüssten! An der Thomaskirche hat inzwischen auch noch eine Pfarrerin aus Pinneberg bei Hamburg Arbeit gefunden. Als Evangelist tritt dort dieses Jahr ein ehemaliger Domspatz aus Regensburg auf. Es soll sogar noch Karten geben. Aber nicht für uns. Und trotzdem – um des lieben Weihnachtsfriedens willen – ach, was soll’s: Schnauze Wessi!

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(