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Schnauze, Wessi!: Todeszone Ostsee

Blaualgen, fliegende Rehe, mysteriöse Leichen am Strand - noch immer lassen sich zu viele arglose West-Urlauber über die Gefahren der ostdeutschen Küste täuschen. Eine "Reisewarnung"

Von Holger Witzel

Der Tote trug nur eine Badehose und ein Handtuch über dem Gesicht. Niemand wusste zunächst, wie lange seine Leiche schon am Strand von Hohen Wieschendorf gelegen hatte, aber einen Badeunfall schloss die Polizei in Westmecklenburg schnell aus. Spätestens nach der Obduktion stand auch fest, dass es keine Gewalttat war - jedenfalls ist offiziell von einem Herzinfarkt die Rede. Aber wer hat den Toten danach einfach zugedeckt?

Es bleibt ein Rätsel – und zumindest für die nächsten zwei Wochen wieder mal meine Aufgabe, allzu leichtsinnige Besucher aus dem Westen vor den Gefahren der ostdeutschen Küste zu warnen. Ob Blaualgen im Wasser, marodierende Nazihorden oder mysteriöse Todesfälle – niemand ist hier oben sicher. Nicht mal das Wetter! Die regionalen Behörden vertuschen das aus wirtschaftlichen Gründen. Das Auswärtige Amt hat bis heute keine eindeutige Reisewarnung herausgegeben. Dabei ist jeder Last-Minute-Trip in die Entführungsgebiete der Sahara ein Wandertag gegen Ferien in Mecklenburg Vorpommern.

Die Gewalt der Ostsee

Erst vor ein paar Tagen verschwand im Großen Jasmunder Bodden von Rügen ein 48-jähriger Urlauber aus Niedersachsen spurlos, nachdem er auf einer Paddeltour ins Wasser gefallen war. Allein im Juli gab es 13 Badetote. "Vor allem die Gewalt der Ostsee wird unterschätzt", sagte Yvonne Hanske von der Polizei in Rostock. Gar nicht zu reden von der einheimischen Küche, Rostocker Bier - oder mir, wenn uneinsichtige Westtouristen einfach nicht hören wollen.

Seit Jahren rede ich mir den Mund fusselig, flehe und schreibe meist völlig uneigennützig, dass die traditionellen Urlaubsgegenden der Ostdeutschen unbedingt zu meiden sind. Ich drohe mit Boykott ansteckenden Krankheiten und Stau. Trotzdem wagen sich immer noch viel zu viele Rheinländer bis in den nordöstlichsten Zipfel Deutschlands. Sie kommen mit Allrad-Autos, Adventure-Sandalen und vorlauten Kindern – und denken gar nicht daran, wenigstens unauffällig oder leise aufzutreten. Ihre Strafen sind blutsaugende Zecken in den Wäldern und nackte Sachsen am Strand. Quallen! Mücken! Wespen!

Zwar gilt Usedom schon aufgrund seiner geografischen Lage für westdeutsche Allerwelts-Medien wie die Welt als "Insel der Kriminalität". Doch selbst wer im eigenen Auto wieder abreist, lässt seinen Hund besser zu Hause: Auf der Strandpromenade von Zinnowitz griff in diesen Tagen ein Schäferhund Touristen an, biss einen Cocker Spaniel tot und dessen Besitzer in den Arm. Immer wieder kommt es am Strand von Usedom zu schweren Brandverletzungen durch weißen Phosphor aus Weltkriegsbrandbomben. Unvorsichtige Glücksritter verwechseln die gelblichen Brocken gern mit Bernstein oder treffen in Heringsdorf unvorbereitet auf Angela Merkel. Die Insel gehört - falls das alles noch nicht abschreckend genug ist – zu ihrem Wahlkreis!

Blaue Algen und Bauruinen

In viel zu kleinen Meldungen werden gefährliche Bakterien als "Blaualgen" verharmlost, obwohl sie weder blau noch Algen sind, sondern Urlauber tagelang auf eklige Campingplatz-Klos fesseln. Dabei warnen Umweltschützer schon vor "toten Zonen" in der Ostsee, andere Experten vor 65.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe wie Senfgas, Zyklon B und Sarin, die auf dem Meeresgrund lagern. Und als wenn sie aus dem Zweiten Weltkrieg oder der Pleite mit Heiligendamm nichts gelernt haben, lassen sich westdeutsche Investoren immer noch Ostsee-Immobilien aufschwatzen. Nicht mal hässliche Nazi-Klötze wie in Prora auf Rügen schrecken sie ab, im Gegenteil: Was den Volksgenossen einmal "Kraft durch Freude" verhieß, ist jetzt die Denkmalabschreibung und wird Meeressinfonie genannt.

Wie in allen Entwicklungsländern ist es offenbar auch nicht schwer, Beamte und Politiker von zweifelhaften Bauprojekten zu überzeugen. Derzeit stehen in Mecklenburg-Vorpommern ein Ex-Minister, ein Staatsekretär und der Präsident des Landesrechnungshofes vor Gericht. Sie sollen laut Staatsanwaltschaft Subventionsbetrug gedeckt haben, obwohl man der Wahrheit halber einschränken muss, dass in solche Dinge selten Eingeborene verstrickt sind. Und siehe da - der routinemäßige Google-Check belegt: Die Angeklagten kamen in Rheine, Regensburg und Siegen zur Welt.

Fliegende Rehe und SLK-Raser

Noch gefährlicher als Postenjäger sind wilde Westler, die statt einer billigen Jagdpacht im Osten eher einen Jagdschein vom Psychiater bräuchten. Auf Rügen versuchte am vergangenen Wochenende ein 63-jähriger Mann aus Nordrhein-Westfalen nicht nur eine Wildschweinmutter zu ermorden, die Frischlinge bei sich führte - er traf stattdessen auch noch einen Traktorfahrer in den Bauch. Fast gleichzeitig kam es in der Nähe von Rostock zu einer handfesten Eskalation des kalten Krieges. Der Agrarminister von Mecklenburg – ausnahmsweise ein Einheimischer und zudem verheiratet mit einer Miss Ostdeutschland – geriet mit seinem Fahrrad und einem Mercedes-Fahrer aus – woher wohl? - Nordrhein-Westfalen aneinander. Der Showdown‪ endete mit zwei widersprüchlichen Strafanzeigen. Einer will angefahren, der andere geschlagen worden sein: Ost-Minister gegen West-Rentner, Faust gegen SLK, Aussage gegen Aussage ... Ganz in der Nähe flog am gleichen Tag sogar ein Reh – offenbar auch von Rasern touchiert – quer über die Fahrbahn und fegte Radfahrer aus dem Sattel.

Solche Geschichten fehlen natürlich in Ostsee-Sonderheften, in denen überregionale Medien von unberührter Natur schwärmen und ihre Leser - oft noch garniert mit angeblichen Geheimtipps eingeborener Verräter - zu Urlaub oder gar Umzug verleiten. Deshalb eine Bitte – und ich meine das ausnahmsweise ehrlich und nur gut: Falls Sie Menschen aus dem Westen kennen, vielleicht sogar mit welchen befreundet sind oder nur Mitleid haben – sagen Sie das weiter! Teilen Sie es auf Facebook oder schreien Sie es ihnen zur Not auf der Strandpromenade ins Gesicht: Sie sollen lieber durch die reizenden Täler des Hindukusch wandern! Meinetwegen auch Pilze in ukrainischen Wäldern sammeln oder mit Freunden ein Picknick auf dem Tahrirplatz in Kairo machen - aber keinen Urlaub an der ostdeutschen Ostsee mehr. Insbesondere nicht auf Usedom, wenigstens diese und nächste Woche nicht. Gib Westdeutschen eine Chance - und damit auch mir und meinem urlaubsreifen Blutdruck. Danke.