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Presseschau Gabriel-Rückzug: "Mit Martin Schulz erhält Angela Merkel einen angriffslustigen Herausforder"

Die stern-Berichte über den Verzicht von Sigmar Gabriel auf die SPD-Kanzlerkandidatur zugunsten von Martin Schulz haben das politische Berlin erschüttert. So bewerten die Kommentatoren die überraschende Entwicklung. Die Presseschau.

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Selbst für viele SPD-Genossen war die Entscheidung Sigmar Gabriels, auf die Kanzlerkandidatur und gleichzeitig auf den Parteivorsitz zu verzichten, eine Überraschung. Der stern hatte den Entschluss des Vize-Kanzlers öffentlich gemacht. Statt Gabriel soll künftig der bisherige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz die Sozialdemokraten in den Bundestags-Wahlkampf führen - als Kanzlerkandidat und Partei-Chef.

So bewerten die Kommentatoren das politische Beben in Berlin. Die Presseschau: 

stern:

"Nun also tritt Schulz als Kanzlerkandidat an und übernimmt den Parteivorsitz, Gabriel wird Außenminister, Brigitte Zypries übergangsweise Wirtschaftsministerin und die Kanzlerin hat jetzt ein Problem. Ein großes. Ihr ist mit Martin Schulz ein Rivale erwachsen, der auf einem ähnlichen öffentlichen Sympathielevel wie die Kanzlerin rangiert. Er wird seine Partei mobilisieren können, er muss auf die gemeinsame Regentschaft in der großen Koalition keine Rücksicht nehmen und kann Merkel inhaltlich angreifen. In welche Richtung das geht, hat Gabriel, befreit vom Ballast der Verantwortung, im stern-Interview schon einmal deutlich gemacht: "Eines geht nicht: In zwölf Jahren immer den Anspruch zu erheben, dass die CDU-Kanzlerin auch Europa führt. Und dann die Verantwortung für die Ergebnisse ablehnen!"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"Der Parteivorsitzende zieht die Notbremse, weil die Umfragen seit Monaten so sind, wie sie sind, und weil er weit davon entfernt war, zum echten Herausforderer Angela Merkels zu werden. Auf die Partei wirkte das seit Monaten lähmend und deprimierend. Gabriels Kanzlerkandidatur wäre als "Opfergang" ausgelegt worden, nicht gerade die ideale Begleitmusik für einen Wahlkampf aus einer ohnehin hoffnungslosen Defensive. Unter diese nahezu ausweglose Perspektive hat Gabriel nun einen Schlussstrich gezogen. Nach allem, was er für die Partei getan hat, verdient das Respekt. Den zollt er sich gewissermaßen selbst, indem er ins Außenamt wechselt. Das ist ein Rückzug, aber alles andere als ein Abschied."

"Die Welt":

"Anders als dem bislang letzten SPD-Kanzler Gerhard Schröder fehlte Gabriel sowohl jener unerlässliche Machthunger, der zum Rütteln an Kanzleramtstoren führt, als auch die klar definierte Vision für ein Deutschland und Europa, wie es unter seiner Führung aussähe. Er war sprunghaft, angenehm zustimmungsbedürftig, aber stets ein wenig zu klein dimensioniert für dieses Amt. All das hat Gabriel nun wohl bewogen, abzusagen und Martin Schulz vorzuschlagen als Parteichef und Kanzlerkandidaten. Unübersichtlich war die Lage, was Gabriels Wunsch nach einem Wechsel ins Auswärtige Amt betrifft. Da dürfen jedoch leichte Zweifel angebracht sein, ob Gabriel, der bislang nicht durch diplomatisches Fingerspitzengefühl aufgefallen ist, der richtige Mann ist. Und ob ausgerechnet das Außenamt mehr Zeit für die Familie lassen wird - in Zeiten von Trump und Brexit."

"Der Tagesspiegel":

"Die von Gabriel angestrebte neue Ämterverteilung wirft Fragen auf. Als Außenminister wäre Martin Schulz, der langjährige Präsident des Europaparlaments, sicher die bessere Wahl gewesen. Gabriel hat sich bisher nicht als geborener Diplomat hervorgetan. Trotzdem wird die Erleichterung in der SPD über die Kanzlerkandidatur von Schulz wohl überwiegen. Der gilt als begabter Wahlkämpfer und starker Redner, in der Bevölkerung ist er beliebt, schon fast so beliebt wie Merkel. Ob das so bleibt, ob Schulz den Niedergang der SPD stoppen kann? Es wird vor allem darauf ankommen, dass er, der leidenschaftliche Europäer, sich auch in Fragen der deutschen Innenpolitik als sattelfest erweist."

"Frankfurter Rundschau":

"Ist Martin Schulz der Mann, der den Rat des Noch-Vorsitzenden befolgen wird? Steht er für den Versuch, die deutsche Sozialdemokratie doch wieder zu einer Partei zu machen, die Merkel entschieden herausfordert und sich nicht insgeheim darauf vorbereitet, ihr doch wieder als Juniorpartnerin zu dienen? Was die Person Schulz betrifft ist an seiner Qualifikation als Wahlkämpfer und Herausforderer kaum zu zweifeln. So etwas zählt in der Zeit der personalisierten Politik, und geringzuschätzen ist es deshalb sicher nicht. Aber wofür steht der lustige Mann aus Würselen? Wenn mehr zur Wahl stehen soll als die prinzipielle Fortsetzung des Merkelismus mit neuem, beliebtem Gesicht; wenn die Absage vieler Menschen ans großkoalitionäre "Weiter so" tatsächlich in der SPD ihren Ausdruck finden soll - dann müssen schon auch ein paar Inhalte her. Und es ist schon erstaunlich, wie wenig davon Martin Schulz während seines politischen Aufstiegs preisgegeben hat."

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"Zeit online":

"Alle Augen richten sich jetzt auf Martin Schulz. Der ehemalige Präsident des europäischen Parlaments gilt seit seinem Wechsel nach Berlin als ein Kanzlerkandidat der Herzen. Schulz ist eloquent, er kann zuspitzen und dabei einprägsam lustig sein, er ist ein glühender Proeuropäer und vor allem ein innenpolitisch unbelasteter Kandidat. Schulz nutzte den schwachen Posten des EU-Parlamentspräsidenten, um eine Art omnipräsenter Außenminister der Europäischen Union zu werden. Kurz gesagt: Er machte das Beste aus dem Wenigen, das er hatte. Ähnlich könnte es sich im Bundestagswahlkampf verhalten. Im direkten Vergleich mit Angela Merkel dürfte Schulz eher punkten als Sigmar Gabriel. Und die SPD-Basis wird sicher motivierter für Schulz kämpfen als für Gabriel. Auch wenn viele in der Partei gar nicht genau wissen, wofür der mögliche Kanzlerkandidat steht. Rot-Rot-Grün ist mit ihm kaum denkbar – zu kritisch sieht er die Außen- und Europapolitik der Linken. Das Wunder eines Sieges gegen Merkel wird auch Schulz nicht vollbringen. Vielmehr besteht das Risiko, dass er die großen Hoffnungen schnell enttäuscht.

"Spiegel online":

Gabriel hat etwas geschafft, das nur wenige Politiker hinbekommen. Weder wurde er vom Hof gejagt noch musste er vom Platz getragen werden. Er hat selbst über sein Schicksal entschieden - und freiwillig auf Downsizing gesetzt. Zunächst einmal will er sich damit zufriedengeben, Außenminister zu sein. Gabriels Entscheidung ist umso beachtlicher, weil er das Schicksal vieler Kollegen aus allen Parteien teilt: Er ist politiksüchtig. So sehr er stets damit kokettierte, er könne sich ein Leben als Familienvater in Goslar gut vorstellen, hat es ihn doch immer wieder nach Berlin gezogen, wo die einflussreichen Erwachsenen die großen Entscheidungen treffen."

"Neue Osnabrücker Zeitung":

"Sigmar Gabriel hat der SPD mit seinem Abgang aus der ersten Reihe einen Dienst erwiesen. So genial und witzig der Noch-Vorsitzende oft ist, so unberechenbar und daher tendenziell richtungslos wirkt er. Seine Stärke, die pragmatische Unvoreingenommenheit mit der Neigung zum entschlossenen Schwenk, wurde zugleich zur Schwäche. Hat Martin Schulz bessere Chancen? Der scharfzüngige, manchmal großspurige Verfechter eines starken Europas kann sich zumindest verkaufen, verfügt über unbändigen Ehrgeiz und ist nicht verbrannt. Außerhalb der Kabinettsdisziplin kann er im Wahlkampf zudem schärfer gegen Merkel schießen und offener mit den Linken flirten als Gabriel als Vizekanzler und Außenminister. Dessen Entscheidung zum Verzicht ist daher klug."

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"Rhein-Zeitung":

"Dennoch gerät Schulz' Kür zum Kanzlerkandidaten zur Pleite für die SPD. Nachdem die Sozialdemokraten die Entscheidung monatelang wie ein Staatsgeheimnis behandelten, gibt Gabriel nun treuherzig ein Interview und meint, die Nachricht werde schon nicht vorzeitig durchsickern. Das ist für einen wie ihn, der den Berliner Politikbetrieb wirklich kennt, erstaunlich naiv. Die Sozialdemokraten sind zu Recht sauer auf ihren Chef, der mal wieder erst mit der Presse geredet hat, bevor sie seine Pläne erfuhren. Manch einer gönnt Gabriel jetzt noch nicht einmal mehr den angestrebten Posten als Außenminister. Stilistisch ist diese Kandidatenkür unterirdisch."

"Kölner Stadt-Anzeiger":

"SPD-Chef Sigmar Gabriel hat dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz einen Fehlstart beschert. Gabriels Missmanagement in der Kandidatenfrage bestärkt das Bild des sprunghaften Politikers, das in der Öffentlichkeit vorherrscht. Genau dieses hat ursächlich dazu beigetragen, dass sich die wenigsten Deutschen Gabriel als Kanzler vorstellen mögen. Gabriel hat also viele Fehler auf dem Weg zum Kandidaturverzicht gemacht. Der Verzicht selbst ist deshalb aber nicht falsch. Womöglich geht es nur noch um Schadensbegrenzung. Es spricht zumindest manches dafür, dass Schulz diese besser hinbekommt als Gabriel."

"Münchner Merkur":

Der Bundespolitik tut frischer Wind gut. Es ist kein gesunder Zustand, wenn die einzige Alternative zu einer übermächtigen Kanzlerin in einer Partei besteht, die nicht nur die Regierung stürzen will, sondern gleich das ganze System. Mit Martin Schulz erhält Angela Merkel einen angriffslustigen, in seiner Partei populären und in Europa gut vernetzten Herausforderer, der mit seinen 61 Jahren zwar nur einen Lenz jünger ist als sie, aber dennoch den Reiz des in der Bundespolitik Unverbrauchten mitbringt. Schulz ist Merkels nun schon siebter Gegenspieler an der Spitze der anderen Volkspartei. Er könnte im Herbst ihrer Kanzlerschaft ihr unangenehmster werden.

"Nürnberger Nachrichten"

"Schulz dürfte die SPD als Chef mehr motivieren als Gabriel, er ist ein Antreiber, der anfeuern kann. Aber er muss sich erst hineinknien in die Niederungen der Innenpolitik, die er kaum kennt - die aber, Stichwort Sicherheit und Terror, ein zentrales Thema sein wird im längst laufenden Wahlkampf. Den hat auch Gabriel sofort nach seinem Paukenschlag gestartet - mit einer Rundum-Attacke auf Angela Merkels Kurs. Seine Analyse, was ihren Anteil an der Krise Europas angeht, mag ja stimmen. Aber: Gabriel selbst ist immer noch Merkels Vizekanzler, er hat die Entschlüsse, die er nun kritisiert, alle mitgetragen. Es wäre überzeugender, er überließe die Abteilung Attacke dem Kämpfer Martin Schulz."

"Hessisch-Niedersächsische Allgemeine", Kassel:

"Nicht ohne Neid wird Sigmar Gabriel auf jenen Genossen blicken, der 2009 als Kanzlerkandidat mit 23 Prozent zwar das schlechteste SPD-Wahlergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik holte, jetzt aber als nächster Bundespräsident den goldenen Herbst eines glücklichen Politikerlebens vor sich hat: Frank-Walter Steinmeier. Gabriels SPD liegt mit Umfragewerten bei 20 Prozent noch unter dem katastrophalen Wert von 2009. So sichert sich der Vorsitzende mit dem Auswärtigen Amt das, was er auch ohne Zustimmung des Wahlvolks gerade noch bekommen kann. Und weist gleichzeitig Martin Schulz in dessen Landeanflug auf die raue deutsche Wirklichkeit die ungemütlichsten Landeplätze an, welche die SPD zu vergeben hat: die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz. Fast hat man Mitleid. Armer Martin Schulz."

"Mindener Tageblatt":

"In jedem Fall steht die SPD jetzt mit einem Kanzlerkandidaten da, der zeigen muss, ob er sein Hoffnungsträger-Image auch in Wählerstimmen ummünzen kann. Regierungserfahrung hat er nicht, aber das ist in den heutigen Zeiten anderswo ja auch nicht mehr so wichtig. Schulz ist ein glänzender Redner, ein kluger Kopf und jemand, der sich auch jenseits sozialdemokratischer Kernklientel bestens verkaufen kann. Insofern hat Gabriel alles richtig gemacht."


dho