SPD-Führung Wie das Mittelfeld des FC Bayern


SPD-Chef Kurt Beck hat fünf Stellvertreter und eine Menge Sorgen. Bis zum Herbst muss er eine schlagkräftige Parteiführung zusammenstellen, mit der er den Wahlkampf 2009 bestehen kann. Dabei hat er vor allem ein Problem: Der SPD fehlen Siegertypen.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Hallo, Herr Jauch, kurz mal hergucken, wir hätten da eine schöne 500.000-Euro-Frage für Ihre Show! Sie lautet: Welche dieser Personen gehört nicht zu den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden? Ist es a) Elke Ferner; b) Wolfgang Tiefensee; c) Jens Bullerjahn oder d) Bärbel Dieckmann? Na? Naa? Naaa? Wer da keinen Telefonjoker hat, der dem SPD-Präsidium angehört, dürfte ganz schön aufgeschmissen sein.

Die Realität ist anders als die Wirklichkeit

Aber das wird ja bald alles anders und besser werden. Kurt Beck, der Vorsitzende, brütet über einem neuen Personaltableau für die Parteiführung. Nach dem Parteitag Ende Oktober soll die SPD-Führung ein neues Gesicht erhalten: interessanter, frischer, bekannter. Vor allem sollen weniger Gesichter die Parteispitze prägen.

Es soll die Führung sein, mit der Beck und die SPD den Wahlkampf 2009 bestehen können. Bei Jauch könnte man danach vielleicht wählen zwischen a) Klaus Wowereit; b) Andrea Ypsilanti; c) Hannelore Kraft und d) Martin Schulz. Doch, doch, die gibt es. Alle. Und sie haben auch alle Ambitionen.

Tjää... So ist das manchmal mit einem Problem: Man löst es und hat sofort ein neues.

Jauch könnte in diesem Zusammenhang auch eine andere Frage stellen: Wie viele Stellvertreter hat Kurt Beck überhaupt? Lautet die korrekte Antwort a) drei; b) vier; c) fünf oder d) worschtegal?

Weil wir seit Helmut Kohl wissen, dass die Realität manchmal anders ist als die Wirklichkeit, ist c) zwar richtig, zutreffend aber ist d). Bis Ende der achtziger Jahre reichten der SPD zwei stellvertretende Vorsitzende. Das letzte Duo bestand übrigens aus Oskar Lafontaine und Johannes Rau. Dann kam die Quotierung und man brauchte einen zusätzlichen Posten für die Frauen. Dann kam die Vereinigung und man brauchte einen zusätzlichen Posten für den Osten. Dann wurde die Frauen-Quote erhöht.

Wie im Mittelfeld des FC Bayern

Und jetzt ist es eben, wie es ist. Ein bisschen wie im Mittelfeld des einst ruhmreichen FC Bayern. Wo früher zwei Schwergewichte agierten, sitzt mittlerweile ein Quintett eher vernachlässigenswerter Polit-Größen. Es ist nur konsequent, wenn Beck jetzt darauf dringt, den aufgeblähten Vize-Verein etwas zu schrumpfen.

Es mag für Ute Vogt oder Bärbel Dieckmann wichtig sein, dass sie diesen Posten, ähm, bekleiden; für den Rest der Welt ist es so erheblich wie die Öffnungszeiten des Freibads von Freilassing. Jens Bullerjahn ist stellvertretender Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und hat auch sonst ein erfreulich überschaubares Ego; ihm ist der Parteijob eher piepe - entsprechend engagiert übt er ihn aus. Elke Ferner gilt als positive Überraschung, was schon alles über den Rest sagt. Und Peer Steinbrück, der einzige von Belang, ist in der Partei so beliebt wie ein Impftermin im Kindergarten.

Das einzig Erfreuliche an dieser Stellvertreter-Riege ist: Mit ihr wird dem Publikum wenigstens kein falsches Bild vorgegaukelt; sie spiegelt exakt den erbarmungswürdigen Zustand der SPD wider. Das Personalreservoir ist erschöpft. Was die Partei zu bieten hat, regiert in Berlin und das oft nicht zur Freude der Parteifreunde: Müntefering ist der mit der Rente, Steinbrück der mit den Steuern.

Man könnte es das Schmidt/Schröder-Paradoxon nennen: Je erfolgreicher und geachteter ein SPD-Politiker ist, desto skeptischer beäugt ihn die Genossenschaft, jedenfalls solange er regiert. Nur dass die SPD momentan keinen Helmut Schmidt mehr hat, auch keinen Gerhard Schröder. Sie hat ja nicht mal eine Ursula von der Leyen.

Zu fünft gegen Merkels Kinderfrau

Als die SPD ihr Konzept für eine bessere Familienpolitik vorstellte, rückten sie gleich zu fünft an. Auf dem Podium saßen neben Beck noch Peer Steinbrück, dessen Mundwinkel eine gerade Linie mit seinem Hemdkragen bildete, Peter Struck, der wirkte wie der Leiter eines Inkassobüros, Bärbel Dieckmann, die nichts zu sagen hatte, und Nicolette Kressl, die so fachlich versiert wie weithin unbekannt ist.

Es war eine gespenstische Veranstaltung. Demonstriert hat sie vor allem das größte personelle Defizit der SPD: Die Partei hat keine einzige Frau mehr, die sie gegen die Kanzlerin und ihre grandiose Familienministerdarstellerin aufbieten kann.

Künftig sollen nun Andrea Nahles und die NRW-Landesvorsitzende Hannelore Kraft größere Rollen spielen; die erste ohne, die zweite wohl mit Vize-Posten. Auf Nahles allerdings pappt in der öffentlichen Wahrnehmung zäh das - falsche - Etikett "Linke Krawallschachtel". Und Kraft ist momentan erst einmal nicht mehr als ein Versprechen auf eine bessere Zukunft. Das war Ute Vogt vor ein paar Jahren auch einmal.

Es ist eben diese paar Jahre her, die SPD stellte noch den Kanzler und regierte ein paar große Bundesländer, da machten sich Olaf Scholz und Sigmar Gabriel Gedanken über die Zukunft. Über ihre eigene und die der SPD. Sie kamen zu einem Befund, der für sie glänzend, für ihre Partei jedoch zutiefst deprimierend war: Bald können wir die wichtigen Posten und Ämter unter uns aufteilen. Es gibt ja niemanden sonst. Daran hat sich seither wenig geändert. Wenn Peter Struck als Fraktionsvorsitzender aufhört, werden sie sich um die Nachfolge kabbeln. Aus der Stellvertreter-Suche für Beck halten sie sich klugerweise raus. Sie ahnen, was das ist: Eine Gespenster-Debatte.


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