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SPD-Kanzlerkandidatur: Keine Kraft

Wie oft wurde sie schon "Kanzlerin der Herzen" genannt. Nun hat Hannelore Kraft eine Kandidatur für alle Zeiten ausgeschlossen. Verständlich.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel

Endlich mal ein Satz ohne Wenn und Aber. "Ich werde nie, nie als Kanzlerkandidatin antreten", sagte Hannelore Kraft auf der Sondersitzung ihrer Fraktion in Düsseldorf, berichten Teilnehmer. Damit hat sie einen Traum vieler Parteimitglieder platzen lassen. Kraft galt als die andere, die bessere Merkel. Als bodenständige, nahbare Kümmerin. Als "Kanzlerin der Herzen". Sie war, vor allem, eine Projektionsfläche.

Vermutlich wurde es ihr just in diesen Tagen zu viel mit der Projektion. Denn sie wusste: Scheitert der Mitgliederentscheid, wird die Partei nach ihr rufen, ach was: schreien. Sie hätte springen müssen, von Düsseldorf nach Berlin, wäre auf dem Stuhl des Parteivorsitzenden gelandet und als politische Trümmerfrau der Republik geendet. Das ist keine Option. Nicht für sie, nicht für die SPD. Vergesst es, hat sie den Genossen zugerufen.

Abgang der Kanzlerkandidatin

Das ist in der kritischen Phase des Mitgliederentscheids, da die Genossen republikweit über den Koalitionsvertrag debattieren, das richtige Signal. Es besagt: Taktische Spiele sind zwecklos. Niemand wird für ein "Nein" mit einer Kandidatin Kraft belohnt. Und es besagt: Solidarität mit Sigmar Gabriel. Sein Kurs ist richtig. Es gibt keine heimliche, verdeckte Konkurrenz, es gibt keine Zweideutigkeit bei der Beurteilung des Koalitionsvertrags. Vorwärts, Genossen, in die Große Koalition!

Dass Kraft einer Kanzlerkandidatur so eindeutig abschwört, ist andererseits nicht überraschend. In Interviews hat sie stets und immer und unentwegt gesagt, dass sie in Nordrhein-Westfalen bleiben wolle. Ihr Mann, die Familie, der Urlaub im Sauerland, die überschaubare Welt. Direkt nach der Bundestagswahl hat sie sich aus dieser Welt herausgewagt, Gabriel attackiert, eine Große Koalition abgelehnt und sich kurzzeitig als Alternative zur Berliner Parteiführung geriert. Das hat ihr so viel Ärger eingebrockt, dass sie bei öffentlichen Auftritten zuletzt angeschlagen und seltsam entrückt wirkte. Ihr muss nochmal schmerzlich bewusst geworden sein, dass im Land Fußball, aber in Berlin Rugby gespielt wird. Und dass sie fürs Rugby nicht geboren ist.

Auftritt der "Kohle-Lore"

Vor der Bundestagswahl, als Peer Steinbrück noch nicht gekürt war, und Kraft die offizielle Troika zum inoffiziellen Quartett komplettierte, spielte auch die stern-Redaktion das Szenario durch, was es bedeuten würde, wäre Kraft Kanzlerkandidatin. Sich die Kampagne der Gegenseite vorzustellen, war nicht schwer. Die Zaudernde. Die Schuldenkönigin. Die rote Socke. Die Klimavergifterin. Die Unfähige. Ihre Politik in Nordrhein-Westfalen hätte Union und FDP noch mehr Angriffspunkte geboten als Steinbrücks Weinauswahl. Deswegen war sie schon damals nur: bedingt einsatzfähig.

Ein Jahr später hat sich ihr Standing nicht verbessert, im Gegenteil. Sie hat den Kampf um die strategische Ausrichtung der SPD nach der Bundestagswahl verloren. Und später in den Koalitionsverhandlungen vor allem die Interessen der großen Kraftwerksbetreiber und der Kohleindustrie durchgesetzt. Für die Grünen und die Umweltverbände ist sie zur "Kohle-Lore" geworden. Zum Sinnbild einer Politikerin, die kurzfristig die Arbeitsplätze in ihrem Bundesland sichert, statt langfristig den Strukturwandel voranzutreiben. Die es in Kauf nimmt, dass Umwelt und Klima leiden, statt auf die Lebensqualität künftiger Generationen zu achten. Das mag ihr die Wiederwahl in NRW sichern. Eine Wahl im Bund hätte es zusätzlich erschwert.

Es bleiben: Gabriel und Scholz

Der Kreis der möglichen Kanzlerkandidaten 2017 ist für die SPD mit Krafts Ausscheiden noch einmal kleiner geworden. Es bleiben: Sigmar Gabriel und Olaf Scholz, wobei letzterer nur eine theoretische Chance hat. Kraft hat aufgegeben - und in NRW vermutlich Glaubwürdigkeit hinzu gewonnen. Für die SPD keine schlechte Lösung.