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Stoiber-Abschiedstournee: Die Rentenpläne des Fallbeils

CSU-Chef Edmund Stoiber ist auf den letzten Metern der wohl längsten Abschiedstournee des deutschen Polit-Pops. Dabei versucht er nicht nur, mit Leitkultur-Forderungen alte Schärfe aufblitzen zu lassen, sondern verrät Seit' an Seit' mit Gattin Karin auch, wie der Alltag des Ehepaars in der nahen Rentnerzukunft aussehen könnte.

Es könnte eine der längsten Abschiedstourneen in der Historie des deutschen Polit-Pop sein. Seit Monaten, im Prinzip seit den winterlichen Meuchel-Nächten in Wildbad-Kreuth im Januar, tourt Edmund Stoiber, noch CSU-Chef, noch bayerischer Ministerpräsident, durch die Welt. Moskau. Paris. Erst waren es ferne Spielorte, wo er ein letztes Mal gastierte. Nun, auf den letzten Metern, knapp eine Woche vor dem Finale auf dem CSU-Parteitag in München, werden die Kreise der Stoiberschen Flugbahn immer enger. An diesem Freitag ist Stoiber im Bundesrat in Berlin aufgetreten, ein letztes Mal, nach fast 25 Jahren Mitgliedschaft in der Kammer - als bayerischer Minister und dann als Länderchef.

Warme Worte im Bundesrat

Dabei schlägt dem früher bisweilen hart bekämpften Stoiber derzeit selbst von Seiten politischer Gegner eine bislang ungekannte Welle an Herzenswärme entgegen. Kurz vor dem furiosen Münchner Finale verwandelt sich Häme und Kritik allerorten in weich gezeichnete Stoiber-Nostalgie. In der vergangenen Woche besuchte Altkanzler Gerhard Schröder die Stoibers daheim in Wolfratshausen, am Freitag nun konnte sich auch SPD-Mann Harald Ringstorff, als Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns derzeit Bundesratspräsident, der Stoiber-Nostalgie nicht verschließen. Stoiber habe mit seinem Engagement und einem hohen Maß an Sachkompetenz den Stil des Bundesrats mitgeprägt, lobte Ringstorff in Berlin. Stoiber habe eine außergewöhnliche politische Karriere auch in der Länderkammer hinter sich. Er habe nicht nur Politik in Bayern bestimmt, sondern sich auch für die Länder insgesamt und für ihre Rechte im Bund und in Europa eingesetzt.

Auch Stoiber selbst rang sich ob der warmen Worte ein wenig Wehmut ab. "Wenn man fast ein Vierteljahrhundert Mitglied im Bundesrat war, hat man unglaublich viele Entscheidungen miterleben können", sinnierte er - und bezeichnete die die Initiative zum Umzug des Bundesrates von Bonn nach Berlin als seinen wichtigsten Antrag in der Länderkammer.

Stoiber: CDU soll sich an Leitkultur orientieren

Ganz geheuer scheint Stoiber die Lobhudelei allerorten freilich nicht zu sein. Deshalb lässt der künftige europäischen Bürokratenjäger Nummer eins auch keine Möglichkeit aus, sich als politischer Vordenker mit Kante zu profilieren - auch wenn der früher als "blondes Fallbeil" titulierte Stoiber mittlerweile an Schnittschärfe verloren hat. In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung riet er der CDU am Freitag, sich doch bitte gefälligst auf ihre konservativen Wurzeln zu besinnen. Dabei beharrte Stoiber darauf, dass man sich doch bitte an einer Leitkultur orientieren solle - ein Begriff, den weite Teile der CDU mittlerweile scheuen. "Die CDU ist in der Tat gut beraten, sich auch auf ihre konservativen Wurzeln zu besinnen. Das heißt zum Beispiel: Es gibt eine in Jahrhunderten gewachsene Leitkultur in Deutschland!" Anders als manche jüngere Unionspolitiker, die sich derzeit auf Identitätssuche in Sachen Konservatismus befinden, konnte Stoiber, ganz Jurist, auch präzise definieren, woran sich sein Verständnis von Leitkultur festmacht: "Also", sagte er der "Bild"-Zeitung, "Bei aller Toleranz: Kathedralen müssen größer sein als Moscheen.

Stoibers schlafen künftig länger, genau eine Stunde

Ansonsten erfuhr man in dem "Bild"-Interview allerhand Lebenspraktisches. Wie Edmund Stoiber und Ehefrau Karin nämlich die Zeit nach der Politik, gleichsam die erste Entzugsphase gestalten wollen. So verriet das Paar, das der Wecker, der bisher um 5.59 klingelte, künftig eine Stunde später schellen werde, dass es Stoiber bei seinen künftigen Jobs nicht so sehr aufs Geld ankomme - und dass die von ihm gern als "Muschi" bezeichnete Gattin ihm für sein weitere politisches Engagement Freiraum lassen werde. Ängste, er werde sich zu einem Nebenkönig entwickeln, versuchte Stoiber dagegen zu mindern. "Ich möchte mich aus dem operativen Tagesgeschäft heraushalten", sagte er. "Wenn man mich um Rat bittet, werde ich ihn nicht verweigern. Aber ich bin kein heimlicher Neben-Ministerpräsident oder Neben-Parteichef." Wie weit die eigenen Parteifreunde diesen beruhigenden Worten vertrauen, ist allerdings völlig offen.

Florian Güßgen mit AP