Super-Stoiber bei Matrix-Putin "Nimm die Sonnenbrille mit"


Achtung, Weltpolitik: Bayerns Ministerpräsident Stoiber hat in Moskau eine Ehrenrunde gedreht, Putin ließ für ihn die Kreml-Garde aufmarschieren. Parteichef-Kandidat Huber war auch vor Ort, zunächst aber nur als Weltraumhilfsfunker eingeteilt. Ein Protokoll der Eitelkeiten.
Von Andreas Albes, Moskau

Edmund Stoiber stand im Kathedralenhof des Kreml und blinzelte in die Sonne. Wehmütig sah er aus dabei. Präsident Putin schob sich seine tief getönte Brille auf die Nase, die er seit kurzem öfter trägt und mit der er ausschaut wie aus einem "Matrix"-Film. Die Kreml-Garde marschierte auf, knapp 100 Mann, mit Fahnen, Pferden und Kapelle. Ach ja, Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber, der war auch noch da und wippte auf den Zehen als ob er nicht richtig dazu gehört. Und eigentlich gehörte er auch gar nicht richtig dazu. Es war Stoibers Tag gestern in Moskau. Sein Abschiedsbesuch bei Putin. Die große Edi-Show.

Bevor Stoiber seine Reise antrat, wurde schon ein wenig gewitzelt. Ja, ja, jetzt will der Alte es noch mal wissen; noch einmal Weltpolitik machen, ha, ha. Irgendwo in Schweden hatte die Bayerische Staatskanzlei günstig ein Flugzeug aufgetrieben, 42 Journalisten aus Berlin und München wurden eingeladen.

Warum nur trat Stoiber zurück?

Es gab kalte Nudeln an Bord, und schon deshalb waren sich die meisten einig, das aus dem Besuch gar nichts werden kann. Immerhin war das Hotel spitzenklasse: Das neuste und protzigste unter den superprotzigen Moskauer Hotels, das Ritz Carlton, gleich gegenüber des Kreml.

Seine Einladung an Stoiber hatte Putin anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz im Frühjahr ausgesprochen, als er zum abendlichen naturtrüben Kirta-Bier im Brauereigasthof Aying in bayerischer Tracht erschien. Angeblich soll der russische Präsident seinem Gastgeber damals sogar offenbart haben, dass er den Geheimdienst FSB darauf angesetzt hatte, die wahren Gründe für Stoibers vorzeitig angekündigten Rücktritt herauszuspionieren. Man habe allerdings keine einleuchtende Erklärung finden können.

Von Ede zu Wladimir

Das ist auch kein Wunder, denn in Russland stolpern Politiker nicht über renitente Landrätinnen, die sich in hautengen Latexfummeln für Lifestylmagazine fotografieren lassen. In jenen bierseligen Stunden jedenfalls, das ist staatskanzleimäßig bestätigt, gingen die beiden Herren zum Du über.

Die nun nach Russland mitgereisten Journalisten konnten sich nicht recht vorstellen, wie Putin und Stoiber am Biertisch sitzen, sich auf die Schultern klopfen und sagen: "Du Edi." - "Ja Wladimir." Obendrein wurde prophezeit dass es wegen des Besuchs auch noch einen pfundigen internen CSU-Skandal geben würde: Weil nämlich zeitgleich mit Stoiber Wirtschaftsminister Huber - designierter Nachfolger als Parteivorsitzender - in Moskau weilte, um die Bayerischen Wirtschaftstage zu eröffnen. Während Stoiber mit Putin plauscht, hätte Huber vom "Sternenstädtchen" Korolow aus mit Astronauten der Raumstation ISS funken sollen. Das hätte für Huber ziemlich blöd ausgesehen.

Diplomatische Tretminen

Offensichtlich war man sich im Kreml all dieser potentiellen politisch/diplomatischen Tretminen bewusst. Statt Stoibers Besuch zu einer mageren Abschiedsveranstaltung werden zu lassen, sorgte das Protokoll für einen bayerischen Triumphzug.

Die Journalistenschar, die gestern Nachmittag zunächst auf dem Roten Platz wartete, wo Stoiber nach seinem Gespräch mit Putin eine kurze Pressekonferenz geben wollte (vermutlich umringt von Dutzenden neugieriger Touristen) wurde kurzerhand in den Kreml gebeten. Ohne Akkreditierung, Besucherliste und die sonst obligatorischen Sicherheitskontrollen.

Vor der berühmten Wechospasski-Kathedrale war eine rote Kordel aufgespannt, dahinter sollten alle warten. Ziemlich bald tauchten dann auch der Kreml-Chef und sein bayerischer Staatsgast auf. Ach ja, und Erwin Huber, dem man in letzter Minute den Besuch im Sternenstädtchen erspart hatte.

Hämische Anrufe bei Merkel?

Der Aufmarsch der Kreml-Garde war eine ganz besondere Ehre, die so schon lange keinem Staatsgast mehr zuteil geworden war. Anschließend gaben Stoiber und Putin ein kurzes, sehr einiges Statement zum Raketenstreit mit den USA ab. Und Stoiber bemerkte noch, man habe auch über den Demokratisierungsprozess in Russland gesprochen, er sehe da eine gute Entwicklung. Aber das war alles nicht so wichtig. Die Gesten zählten.

Die Journalisten rätselten jetzt, was den Kreml dazu getrieben hatte. Die einen sagten, das sei nur wegen der Wirtschaft, weil doch immerhin ein Drittel der 4500 in Russland ansässigen deutschen Firmen aus Bayern kommen. Andere meinten, Putin habe nur der Merkel eins auswischen wollen. Was Stoiber natürlich begrüßte. Manche wollten gar gehört haben, wie der bayerische Regierungschef mehrfach mit der Kanzlerin telefonierte, um ihr von seinem Triumphzug zu berichten. Sogar etwas Häme soll dabei in seiner Stimme gelegen haben.

Champagner im Ritz

Wie auch immer: Edmund Stoiber schwebte fortan nur durch Moskau. Zum Abendessen war er dann noch auf Putins Residenz eingeladen. Zum Abschied wurde umarmt, gebusselt und geherzt, dass Gerhard Schröder wahrscheinlich grün vor Neid geworden wäre. Als Stoiber gegen Mitternacht auf der Dachterrasse des Ritz Carlton einlief, wo die Journalisten bereits warteten, spendierte er Champagner, denn Gattin Karin hatte Geburtstag. Dann stellte er sich der Fragen aller Fragen: "Herr Ministerpräsident, haben Sie geahnt, was Putin mit Ihnen vorhat?"

"Überhaupt nicht", erwiderte Stoiber, "am Telefon hat er nur gesagt: Wenn du kommst, bring deine Sonnenbrille mit."


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