HOME

Susanne Osthoff: "Ich glaube, die Deutschen hassen mich"

Selten erfuhr das Opfer einer Entführung so wenig Mitgefühl wie susanne Osthoff. Ihr Engagement für den Irak stieß auf Unverständnis, ihre TV-Auftritte nach der Freilassung irritierten. Jetzt spricht die Archäologin im stern über ihre Todesangst in den Händen der Kidnapper, über ihre Sehnsucht nach der Tochter und den Schock über die deutschen Medien.

Frau Osthoff, verfolgen Sie die Nachrichten aus Deutschland?

Und ob. Ich glaube, die Deutschen hassen mich. Sie reagieren zumindest mit Kopfschütteln.

Warum haben Sie sich nach Ihrer Befreiung kurz vor Weihnachten nicht an die Öffentlichkeit gewandt?

Das wollte ich ja. Als ich nach 24 Tagen Gefangenschaft, Tagen in Todesangst, Nächten ohne Schlaf schließlich in der deutschen Botschaft in Bagdad war und draußen schon die Journalisten warteten, wollte ich rausgehen, mich bedanken, obwohl ich ziemlich fertig war. Aber der Botschafter und der Mann vom Bundeskriminalamt haben mir abgeraten.

Stattdessen haben Sie ausgerechnet dem Sender al-Jazeera in Katar ein Interview gegeben...

Das hatte ich den Emiren der Entführer versprechen müssen. Die wollten, dass ich als Frau, die so lange in ihrer Gewalt war, öffentlich demonstriere, anständig behandelt worden zu sein. Das ist eine Frage der Ehre, Araber verstehen so was. Das musste ich tun.

Und das sollen wir Ihnen glauben?

Die BKA-Beamten glaubten mir. Sie unterbrachen eigens dafür die Verhöre, damit ich zum Interview konnte.

Und dann traten Sie, verhüllt bis auf einen Sehschlitz, im ZDF auf.

Das Interview hatte ich einem mir gut bekannten Redakteur zugesagt. Mit dem Termin gab es tierischen Stress, das Gespräch musste bei al-Jazeera aufgezeichnet werden. Erst wartete ich wie auf Kohlen, dann sollte alles ganz schnell gehen. Ich wurde zu dem Sender gefahren, kam in der Burka an, die ich in Katar zu meinem Schutz trug, da lief die Maschinerie schon. Ich musste gleich vor die Kamera, ohne dass eine Maskenbildnerin mir den Schweiß wegpudern konnte, das Indigo des Schleiers hatte schon blaue Flecken in meinem Gesicht hinterlassen - da konnte ich den gar nicht mehr abnehmen. Dabei wollte ich mich eigentlich nur bedanken bei Deutschland. Und jetzt bin ich der Buhmann. Da fühlt man sich ganz schön betrogen, wenn ganz Deutschland auf einem herumprügelt.

Sie wirkten verwirrt.

Ich litt noch unter dem Schlafentzug der Geiselhaft, hatte danach starke Medikamente einnehmen müssen, offenbar bekam ich ein falsches Präparat, das starke Krämpfe auslöste, ich stand schon wieder unter neuem Druck, hatte mein erstes Exil in Dubai verlassen müssen, weil der Regierung dort mein TV-Auftritt nicht passte. Trotzdem habe ich die öffentlichen Sender entlarvt, dass sie nicht an der Wahrheit interessiert sind.

Was ist denn die Wahrheit?

Dass ich mich für den Irak einsetze und für die Menschen dort.

Warum haben Sie ihre Tochter nicht angerufen?

Das habe ich doch. Ich war völlig am Ende, und das Einzige, was ich noch wollte, war mit ihr zu reden. Ich bekam von Tarfa ein Fax an Heiligabend, ein langer Brief und darin mit Filzstift: "Mama, eines wollte ich dir noch sagen: Ich hab dich fest lieb!" Ich habe gleich angerufen, eine Psychologin saß neben mir und passte auf, dass ich ja nichts Falsches sagen würde, aber in Deutschland lief nur der Anrufbeantworter. Ich wollte mich mit meiner Tochter ja vorher schon in Dubai treffen, deshalb bat ich darum, dass die Verhöre dort stattfinden, wo es warm ist. Dubai ist eines der sichersten Urlaubsziele in Arabien. Aber dann meinten die Freunde, die Tarfa in Deutschland betreuen, sie habe jetzt Angst vor Arabien. Das glaube ich nicht, die ist doch von mir erzogen worden, im Jemen, in der Wüste. Aber ich muss den Freunden voll vertrauen.

Und warum haben Sie Ihre Familie nicht angerufen?

Als ich wieder ein Ersatztelefon hatte - mein Handy war ja weg, mit den ganzen eingespeicherten Nummern -, habe ich Freunde in Deutschland angerufen. Zu meiner Familie hatte ich schon fast sieben Jahre keinen Kontakt mehr. Die Journalisten haben sich doch nur an meine Familie gewandt, weil sie sonst niemand hatten, mit dem sie über mich sprechen konnten. Gott sei Dank ist es gelungen, meine Tochter aus all dem rauszuhalten. Mein Bruder Robi tut mir echt leid.

Weil er bei einem TV-Interview ausgerastet ist und in die Psychiatrie kam?

Weil er Otschistan nicht entfliehen konnte.

Otschistan?

So habe ich es genannt, meine Familie hieß ursprünglich Otschiwolski, bevor der Name auf Osthoff umgeschrieben wurde. Mein Bruder hat ja unter den Verhältnissen genauso gelitten wie ich. Das waren die Nachwirkungen von Hitler. Mein Vater musste als 14-Jähriger in Kattowitz die Familie durchbringen. Die hatte es von Schlesien nach Bayern verschlagen. Meine Mutter wurde von ihrer Familie geschnitten, weil sie sich mit dem Flüchtling eingelassen hatte. Meine schlesische Großmutter wiederum machte meine Mutter schlecht. Mein Vater wollte uns durch Härte stark machen. Täglich bin ich um den Egglburger See gelaufen. Durch seinen Alkoholkonsum und seine cholerische Veranlagung waren wir an Gewaltausbrüche gewöhnt. Als er einmal auf mich losging, haute ich ab. Es war im Januar bei einem Schneesturm, da war ich 17.

Und wo gingen Sie hin?

Erst zu einer Freundin, dann zog ich beim ältesten Arzt des Ortes ein. Irgendwie führte ich ihm den Haushalt, obwohl ich das erst lernen musste. Er sprach viele Sprachen, in der Villa war Platz, da gab es Bücher. Bis zum Abitur und auch während des Studiums wohnte ich bei ihm. Mit seinem Sohn reiste ich bis nach Ägypten. Später mit dem Motorrad durch Kurdistan bis nach Syrien. Und durch die Sahara. Ohne den Arztsohn - das Motorrad war nichts für ihn.

Wie kamen Sie in den Irak?

Durch mein Studium: Vorderasiatische Archäologie, Semitistik - Hebräisch, Aramäisch, Keilschrift und so weiter - sowie Domestikationsforschung an Tierknochen.

Und wie kamen Sie zu Ihrem arabischen Mann?

Es gab mehrere arabische Männer. Im archäologischen Institut lernte ich den ersten kennen, einen irakischen Archäologen. Fünf Jahre war ich mit ihm zusammen. Er gab mich als seine Frau aus und wandelte sich zum Diktator. Von einer Grabung im Jemen, da wollte ich eigentlich meine Dissertation machen, lief ich ihm davon. Er veranlasste, dass ich ins Gefängnis kam, nach neun Tagen war ich frei, hatte aber Typhus. Schwer krank, ohne Geld, traf ich den zweiten. Er sah gut aus, am Ende des Jahres, am 13. Dezember 1993, wurde unsere Tochter Tarfa geboren. Damals war ich 31 und hatte noch Illusionen.

Sie versuchten einen Neuanfang in der Heimat.

Mein Mann kam zur Geburt von Tarfa nach Deutschland.

Aber das ging schief. Sie schickten ihn mit einem One-Way-Ticket zurück. Trotzdem ließ der Orient Sie nicht los.

Ja, das stimmt.

Und was war mit Ihrer Tochter?

Ich bin seit dem Krieg gependelt, meist war ich zwei, drei Monate im Irak, je nach Arbeitsmöglichkeiten und Risiko, dann wieder drei Monate in Deutschland, in den Schulferien immer. Die Bevollmächtigung für Erziehungsfragen habe ich formell an meine beste Freundin übertragen, die Tarfa seit der Geburt kennt, und deren Kinder die engsten Freunde meiner Tochter sind. Andere Internatseltern, die viel im Ausland sind, machen das genauso.

Bald brachten Sie Hilfsgüter ins Land, versuchten Grabungsstätten vor Plünderern zu schützen. Weshalb starteten Sie ausgerechnet in einer gefährlichen Stadt wie Mosul die Restaurierung einer alten Karawanserei?

Der Tütüncü-Palast ist zentrales Kulturgut in der alten Handelsstadt. Und das Projekt ist politisch wichtig. Ich habe damit bewiesen, dass diese Art Friedensarbeit möglich ist. Ich hatte alles gesichert, mit zivilem Wachpersonal, Beduinen von der syrischen Grenze, vom Stamm meines Mannes. Deshalb musste ich im Mai 2005 nach Mosul, um Waffenlizenzen für die Männer zu beantragen, und weil ich die Auszahlung der Gehälter für die Wächter und die 40 Arbeiter nicht dem Museumsdirektor überlassen wollte. Der hätte Hungerlöhne gezahlt und den Rest behalten. Das ist halt meine deutsche Gründlichkeit, damit habe ich mir den Museumsdirektor natürlich zum Feind gemacht. Beim Gang zur Bank wurde ich verfolgt, entkam aber in James-Bond-Manier ins US-Hauptquartier. Die Amerikaner zeigten mir am 23. Mai eine Warnung, dass Zarqawi hinter mir her sei, der irakische Al-Qaeda-Boss, und flogen mich nach Bagdad aus. Aber erst nach 16 Tagen. Meine Entführer bestätigten später, dass sie mich seit Mosul im Visier hatten.

Und trotzdem sind Sie im November vom sicheren Arbil, ihrem Standort im Kurdengebiet, nach Bagdad gekommen?

Ja. Die zweite Tranche deutscher Fördergelder stand an. Ich legte meine Abrechnungen vor, musste dann noch einen Beleg über 107 Dollar Transferkosten besorgen - ein Schmarrn, wo jeder Gang zur Bank Lebensgefahr bedeuten konnte. Aber auch das habe ich geschafft. Am Mittwoch, 23. November, bekam ich das Geld in der deutschen Botschaft ausgezahlt, 32 668 Dollar. 30 000 habe ich zur Bank gebracht, ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Botschaft hat mich begleitet. Aber das war ein rein privater Freundschaftsdienst.

Dem Mann, einem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes, haben Sie später auch einen Zettel zukommen lassen mit dem Kennzeichen des Autos, in dem Sie schließlich entführt wurden.

Der Mann, seinen Namen möchte ich nicht nennen, hat mir echt viel geholfen. Er hat der Tarfa auch das ganze Playmobil-Zeugs vergangenes Jahr zum Geburtstag geschenkt, als ich kein Geld mehr hatte.

Wollte er Sie für den BND als Informantin gewinnen?

Er nicht, nur sein damaliger Chef versuchte unmissverständlich, über mich an Fotos von angeblichen Terroristen im Sunniten-Gebiet heranzukommen. Ich machte ihm klar, dass ich mich nicht von hoch bezahlten Beamten benutzen und ausbeuten lasse. Später habe ich Botschafter Erbel alles erzählt.

Deswegen sind Sie beim BND auch ausgezogen?

Was heißt ausgezogen? Ich hab da noch nie gewohnt, ich war da nur ein paarmal, da konnte ich Bayerisch reden, und der eine Freund hat für mich Knödel gekocht!

Was ebenfalls viele in Deutschland irritiert hat, sind die unterschiedlichen Versionen, die über den Verlauf Ihrer Entführung kursieren: Erst hieß es, Sie seien von Kriminellen entführt worden, dann sollen islamische Gruppen involviert gewesen sein, auch über den Ort gibt es Unklarheiten.

Ja, was kann ich dafür, wenn irgendwelche Leute sich an Tausendundeiner Nacht orientieren bei dem, was sie schreiben? Ich bin der einzige Augenzeuge!

Wie also lief die Entführung ab?

Für Freitag war ein verlässlicher Fahrer geplant, aber der hat sich nicht mehr gemeldet. Da hat Scheich Dschamal, bei dem ich vorher gewohnt hatte, über einen Mittelsmann einen anderen besorgt. Mit dem war ausgemacht, dass er um sechs Uhr morgens am Treffpunkt wartet.

Warum so früh?

Freitag ist der islamische Feiertag, und die Leute gehen mittags zur Predigt.

Warum sind Sie nicht nach Arbil geflogen?

Ich bin fast immer mit dem Auto gefahren, ich kann die Lage abchecken.

Aber am 25. November offensichtlich nicht?

Ich bin verraten worden! Außerdem habe ich Probleme mit den Ohren und kann nicht gut fliegen. Dann kommen die Flüge oft mit Stunden Verspätung an, und die Straße zum Flughafen in Bagdad ist noch wesentlich gefährlicher. Spätestens am 10. Dezember wollte ich in Deutschland sein, um eine Überraschungsparty für Tarfa vorzubereiten, hatte schon mit der Evi von der Bäckerei Kreitmaier telefoniert, dass ich komme. Die Tarfa hat doch am 13. Geburtstag, und da brauchte ich ein bisschen Zeit vorher.

Was genau geschah am Freitag, dem 25. November?

Ich kam pünktlich am Treffpunkt an: Aber der Fahrer war nicht da. Das gibt's nicht, normalerweise kommen die eine Stunde vorher, man springt rein und los. Die Frau vom Dschamal hat mir dann noch Frühstück gemacht, es gab Tee, ich habe noch ein paar Zigaretten geraucht und wurde immer unruhiger. Warum kommt der nicht? Erst um viertel nach sieben kam der schließlich. Das war ein junger Mann, wie ein Lackaffe gekleidet, das war komisch. Er hat sich dann gleich verdächtig gemacht, weil er nicht mal sagen konnte, wer der Oberscheich seines Stammes ist. Und das fragt man doch zuerst! Scheich Dschamal kann mir so einen Flocki nicht vermittelt haben, das war mir klar. Dann fuhr er dort, wo's gefährlich wird, total langsam, und ich überlegte schon, wann könnte ich eventuell noch rausspringen?

Warum sind Sie überhaupt eingestiegen?

Weil mir die Zeit davonlief. Und als mir immer mulmiger wurde, lag Bagdad bereits hinter uns, und ohne Handy-Empfang wäre es erst recht gefährlich gewesen. Als wir schon lange aus der Stadt sind, fahren an einem Checkpoint auf einmal ein paar dort wartende Autos hinter uns her. Ich will noch als letzte Rettungsmaßnahme die Korancassette einlegen, da schneidet uns ein schwarzer BMW auch schon den Weg ab. Mein Fahrer, anstatt zu beschleunigen, geht vom Gas. Da ist mir klar: Ich bin verraten worden! Die haben den Fahrer vermutlich kurzfristig ausgetauscht.

Was geschah dann?

In Sekundenschnelle rennen mehrere aus den Autos, einer reißt meine Tür auf und springt auf den Beifahrersitz. Er hat mich mit den Händen ganz brutal abgecheckt. Dann hat er mich zu Boden gedrückt, sodass ich mit dem Gesicht aufschlug und der Fahrer kaum noch an die Pedale kam. Und wenn jetzt ein paar Leute in Deutschland denken, das sei ein lustiger Abenteuerausflug gewesen, will ich denen mal sagen: Ich hatte einen Schock. Ich war wie gelähmt.

Weil Sie um Ihr Leben fürchteten?

Der Fahrer ist so panisch gewesen, dass er fast den Motor abgewürgt hat und von den Kidnappern angebrüllt wurde, dass sie ihn erschießen, während die mich dann nach hinten verfrachtet haben. Dabei habe ich mir eine Rippe angeknackst, weil die Kamera noch in meiner Seitentasche steckte, es tat furchtbar weh zu atmen. Und weil meine Hände hinterm Rücken gefesselt waren, bin ich auf die Lippen gefallen, dass ich blutete. Als sie anhielten und ich das Auto mit offenem Kofferraum sah, bin ich panisch geworden. Ich leide an Morbus Menière, einer Stoffwechselkrankheit, die den Gleichgewichtssinn stört. Deshalb bin ich auch klaustrophobisch. Als sie mich da reinsperren wollten, habe ich geschrien: "No!", mich aufgebäumt. Mir ging durch den Kopf, was mein Professor Hrouda uns immer eingeschärft hat: "Keine Schwäche vor den Arabern!" Aber das waren Schränke von Kerlen, da hatte ich keine Chance. Das Schlimmste aber war: Auf der Gegenfahrbahn fuhren zwei Pick-ups der Polizei vorbei, die müssen uns gesehen haben - aber sind einfach abgehauen. Diese Entführer waren absolute Vollprofis.

Wo wollten die mit Ihnen hin?

Wir sind ungefähr eine Stunde lang mit Vollgas gefahren, da musste ich beinahe erbrechen, weil ich bei jeder Vollbremsung durch den Kofferraum geschleudert wurde. Ich hatte Todesängste, sah in diesem Moment nur noch mein Kind, mir kamen die letzten Worte in den Sinn, die wir gesprochen haben, unsere letzte Begegnung, und ich überlegte, wer ihr das sagt, wenn ich tot bin. Da hast du Todesvisionen, siehst plötzlich alle Menschen, die dir etwas bedeuten. Tarfa, meinen Bruder Robi, meine Freundin Petra, Barbara, Professor Hrouda. Es ist heiß, man erstickt fast, alles schmerzt, und du weißt nicht, ob du in einer halben Stunde noch lebst. Das sollten sich die Leute mal vorstellen, die jetzt über mich herfallen. Ich hab gedacht: Ich muss jetzt sterben. Also: Zusammenreißen, damit ich den Abgang in Würde schaffe! Damit ich nicht noch Hrouda blamiere. Das sind Visionen, die kannst du nicht stoppen! Durch den Schock musste ich so furchtbar dringend auf die Toilette, weil ich bei Dschamal doch mehrere Gläser Tee getrunken hatte.

Sie konnten also gar nichts tun?

Die Handfesseln habe ich mühsam aufgebissen, um mich wenigstens im Kofferraum in die Ecke verkriechen zu können, damit ich bei Beschuss von hinten nicht gleich getroffen werde. Und da waren Schüsse zu hören! Als ich die Fesseln endlich auf hatte, konnte ich wieder auf meine Uhr schauen und habe versucht, mir alles zu merken: Wann kommt ein Checkpoint, wann fahren wir über eine Brücke, wann über Asphalt, wann über Piste und so weiter. Das Seltsame war: Die ganze Strecke hat uns niemand gestoppt. Ich habe bei jedem Checkpoint gemerkt, dass sie voll gebremst haben für den Schlängelkurs, aber sie mussten nicht anhalten. Normalerweise wird man dann beschossen. Nur am dritten Checkpoint hielten sie an, und einer fragte: "Hast du die Ware dabei?"

Ein schrecklicher Moment...

Weil keine Luft vom Fahrtwind kam, wurde meine Atemnot schlimmer, außerdem brannte die Sonne aufs schwarze Auto. Ich habe überlegt, dass ich wenigstens noch auf die Toilette gehen muss, bevor sie mich umbringen! Da klopfte es auf einmal auf den Kofferraumdeckel: "Misses Susan! Misses Susan!" Woher kannten die meinen Namen? Noch nicht mal mein Fahrer hatte mich danach gefragt. Als die mich dann sahen, waren sie wohl selber geschockt, ein Auge blutunterlaufen, blaue Flecken im Gesicht. Da habe ich versucht, mich mit Würde aufzurichten und wieder an Professor Hrouda gedacht: "Keine Schwäche vor den Arabern!" Vor mir stand ein Emir, einer der Führer. Er trug einen Anzug! Sprach sogar Englisch! Und sagte, sie seien keine Kriminellen. Ich sei aus politischen Gründen entführt worden: "Wir kennen Sie und wissen, dass Sie ein Freund des Irak sind und schon lange hier arbeiten." Der wusste sogar, dass wir eine neue Regierung haben, da war ich ganz verblüfft, denn mit so was beschäftigen sich Kriminelle normalerweise nicht.

Waren Sie erleichtert?

Ich habe in dem Moment nix gesagt, war aber froh, dass diese Brutalos erst mal weg waren. Ich wollte meine Medikamententasche wiederhaben, da hatte ich hoch dosierte Schmerzmittel drin, um mir zur Not selbst ein Ende machen zu können. Doch er sagte dann nur: "Es dauert nicht mehr lang!" Und peng, war der Kofferraum wieder zu. Dann ging es noch mal stundenlang weiter, bis wir in so einem halbfertigen Lager hielten und ich im ersten Rattenloch im Halbdunkel hockte. Dann wurde ich zu einem anderen Emir gebracht, der sagte: "Ich bin Emir! Von Zarqawi! Seit einem halben Jahr haben wir dich beobachtet und auch schon viel Geld dafür ausgegeben!" Außerdem wussten die, dass ich bald ausreisen wollte, das sei die letzte Gelegenheit gewesen, mich zu entführen. Die wussten sogar den Titel meiner Magisterarbeit und dass ich die Dissertation noch nicht habe.

Haben Sie Hinweise darauf, dass die Gruppe tatsächlich etwas mit Zarqawi zu tun hatte?

Das haben die mir immer wieder eingebläut. Irgend so eine lokale Untergrundorganisation kann das nicht gewesen sein, so gut wie die organisiert waren. Und ich habe konkrete Anhaltspunkte von Verhaltensmustern. Ich habe lange im Jemen und anderen arabischen Ländern gelebt. Leute, die mit den Menschen in den Regionen leben, können das erkennen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel, zum Beispiel! Ich wurde über meine Aufenthalte im Jemen verhört und erwähnte den Geburtsort Osamas. Darauf wurde ich korrigiert, das sei Scheich Osama. 24 Tage lang saß ich dann immer in abgedunkelten Räumen, wurde alle paar Tage weitertransportiert, weil wir mitten in der Kampfzone waren, meist nachts oder im Morgengrauen. Oft gab es in nächster Nähe Explosionen, und immer diese Angst. Die kommt in Wellen, selbst jetzt noch. Das Leben ist ein Geschenk, habe ich mir gesagt, der Tod ist schmerzvoll, und ich darf jetzt keinen Fehler machen! Ich habe ihnen gesagt: Wenn ihr mich erschießen wollt, erschießt mich, aber ich gehe nicht noch mal in den Kofferraum! Danach durfte ich mit abgedecktem Gesicht auf der Rückbank sitzen, den Kopf nach unten. Die Stimmung hat stündlich gewechselt, draußen war Beschuss, und die dachten, ich hätte sie verraten!

Wieso das?

Die Gruppe hatte die Info bekommen: Die Frau ist eine jüdische Geheimdienstoffizierin, sie arbeitet für die Amerikaner. Wissen Sie, was das bedeutet im Irak? Ein Todesurteil! Noch mehr Angst bekam ich, als am zwölften Tag ein anderer Emir sagte, es werde demnächst über mich Gericht gehalten. Ich habe erwidert, ich stünde unter keinem Gericht, nur unter Allah. Es gab dann keine Verhandlung oder so, aber jeder wollte mich als Spionin überführen. Einer wollte sogar meine Zahnkronen untersuchen, um drunter nachzuschauen, ob da Spionagegeräte sind, ein GPS-Sender, mit dem ich den Bombern ihre Koordinaten verrate. Am Ende haben sie mir aber geglaubt und sich bei mir entschuldigt.

Und wann hat man das Video mit Ihnen aufgenommen?

In der dritten Nacht in der Nähe der syrischen Grenze. Ich hab hinterher immer gedacht: Hoffentlich konnte meine Tochter abgeschirmt werden, dass sie das nicht sieht! Den Fahrer habe ich nie wiedergesehen. Ich spürte nur, wie ein wimmerndes Bündel neben mich gelegt wurde. Sie haben ihn vorher angeblich immer wieder mit Kabeln verprügelt und angeschossen, als er weglaufen wollte.

Haben die Entführer Ihnen als Frau Gewalt angetan?

Ich habe doch auf Al-Jazeera schon gesagt, dass die mich den Umständen entsprechend gut behandelt haben. Am Anfang war ich gefesselt, Tag und Nacht, an Beinen und Händen, mit Plastikbändern, die tief in die Haut einschneiden - solche, wie sie die Amerikaner in Abu Ghreib verwenden. Als sie aber meinen Pass fanden, in dem auch ein Foto meiner Tochter zu sehen ist, erkannten sie, dass ich doch Muslimin sein könnte, da das Kind eindeutig arabisch aussieht. Danach wurde ich nur noch selten gefesselt.

Haben sich alle Entführer gleich verhalten?

Nein, ein junger Mann war sehr nett, dem habe ich von meinem Kind erzählt, der hat mir immer Zeichen gegeben, dass ich leise sein soll und dass mir nichts geschehen wird. Der hat mir sogar seine Decke gegeben, weil ich so gefroren habe. Ich bat ihn in meiner Verzweiflung, dass, wenn ich sterbe, er Tarfa an mein Grab führen möge, wenn sie später mal danach sucht.

Haben die zahlreichen Appelle zu Ihrer Freilassung die Kidnapper erreicht?

Bundeskanzler Schröder kannten sie, er war ihr Freund, da er bis zuletzt gegen den Krieg gewesen ist. Von Merkel hofften sie, dass sie auf ihre Forderungen eingeht.

Wussten Sie von den Verhandlungen?

Eigentlich sollte ich schon vor den Tagen der Ausgangssperre während der Wahlen raus, aber sie konnten keinen Kontakt zur Botschaft aufnehmen - oder umgekehrt. Sie haben mehrere Leute von meiner Telefonliste angerufen, haben aber nur ein oder zwei Personen erreicht, die Englisch sprachen. Von denen wollte keiner vermitteln, denn dann hätten sie einen Sohn als Austauschgeisel hergeben müssen. Die Entführer verloren den Glauben an die Verhandlungsführer der Deutschen. Sie fragten mich zuletzt sogar, was noch möglich wäre. Die Lage ist am Ende immer brenzliger geworden, einmal gab es eine Schießerei vor unserem Haus, und das waren nicht die Amerikaner, sondern war eine andere Gruppe, die mich von den Entführern kidnappen wollte.

Weil Sie auch für andere ein attraktives Opfer waren?

Durch den ganzen Medienrummel war ich ja wahnsinnig bekannt geworden, und viele Gruppen wollten mich haben. Mein Wert war gestiegen. Nachdem wir vorher fast täglich den Standort gewechselt hatten, war ich am Ende acht Tage in einem Haus. Als wir da ankamen, konnte ich kaum mehr richtig gehen, bin da nur noch zusammengesackt. Die anderen waren immer alle Nichtraucher gewesen, aber hier rauchte sogar einer meine Marke, das hat mich beruhigt. Ich habe viel Tee getrunken, der war wenigstens abgekocht, ein Emir brachte Cola-Dosen und Mandarinen, Schokoladenriegel konnte ich nicht mehr essen, weil sich mir beim Aufbeißen der Fesseln im Kofferraum eine provisorische Brücke gelockert hatte.

Wie ging die Entführung dann zu Ende?

Erst am vorletzten Tag wurde ein gewisser Ibn Chattab aufgetrieben, ein Vermittler aus Ramadi. Die Entführer hatten ein Angebot von den Deutschen, die genaue Summe darf ich nicht sagen, aber das fanden sie ein bisschen wenig. Sie haben dann noch geschachert, sie mussten ja ihr Gesicht wahren und ihre Kosten decken. Am Sonntag, den 18. Dezember, haben sie mich dann in einem Wagen, zwischen gereinigten Anzügen versteckt, transportiert, die Sonnenbrille mit Pflaster verklebt und zu einem Reihenhaus 500 Meter bis einen Kilometer hinter der Botschaft gebracht. Der Emir der Entführer, der mir von Anfang an das Wort gegeben hatte, mich bis zur Übergabe zu begleiten, hatte mir auch versprochen, dass mir mein Gepäck später komplett in der Botschaft ausgehändigt würde. Darum bemühe ich mich bis heute vergebens. In dem Haus hat mich dann Ibn Chattab begrüßt, der sagte, jetzt käme mein Retter. Dann kam Dr. Abdulhalim Hidschadsch vom deutsch-irakischen Club die Treppe runter, hat mich umarmt und weiter zur Botschaft gebracht.

Wie ging das dann weiter?

Ich war restlos fertig, wollte nur noch meine Ruhe haben und mein Kind sprechen. Meine Sachen aus dem Depot waren inzwischen zur Botschaft gebracht worden, da war ein Gedicht dabei, das hat Tarfa mir vor zwei Jahren zum Muttertag geschrieben:

Ich bin da / Doch du bist fern / Ich seh dich nicht / Und hab dich gern / Doch in das Dunkel dringt das Licht / Jetzt seh ich endlich dein Gesicht / Das ist der Sinn des Lebens / Den will man erleben.

Bei meiner Ankunft in der Botschaft stand sofort ein BKA-Mann hinter mir. Er begleitete mich dann nach Dubai, wo ich von einem BKA-Team vom Flughafen sofort ins deutsche Konsulat gebracht wurde. Dort ging die Aufnahme des Tatbestands weiter, täglich von elf bis zirka drei Uhr nachts. Am 25. Dezember um 1.30 Uhr hatten die BKA-Leute keine Cassetten mehr. Sie sagten, sie würden mir aus Sicherheitsgründen dringend abraten, die Presse einzuschalten.

Und Sie sind nun die Leidtragende?

Keiner steht an meiner Seite, alle versuchen, mich als arme Irre darzustellen, die zwischen Bomben und Minen planlos durch den Irak hüpft. Die hätten mich auch von der Botschaft doch einmal in Schutz nehmen können, sagen, ich sei erschöpft und krank. Stattdessen erlebe ich jetzt eine Hetzkampagne, als hätte ich Deutschland etwas angetan. Das tut mir auch furchtbar leid für meine Freunde, die haben schon genug Stress gehabt meinetwegen. Wenn ich anrufe, nehmen manche den Hörer schon gar nicht mehr ab, weil die Angst haben, mit Frau Osthoff komme eine Welle des Irrsinns. Dabei habe ich da unten die Hölle ausgehalten. Das ärgert mich jetzt so an der Reaktion vieler. Nur, weil ich mich zusammenreiße, geht es mir noch lange nicht gut. Es wäre schön, wenn ein paar mehr Menschen zu mir halten würden. Kennen Sie noch das alte Lied: Stand by me? Das haben wir früher immer in der Teestube gehört bei uns in Ebersberg.

Was jetzt?

Ich habe auf Al-Jazeera nie gesagt, dass ich wieder in den Irak zurück will. Ich weiß gar nicht, wie die Sprecher des Auswärtigen Amts und andere dazu kommen, so was zu behaupten. Ich weiß nicht, wohin ich gehen kann. Ich weiß nur, dass ich meine Tochter wiedersehen will. Ich bin immer noch ein Mensch mit Gefühlen.

Peter Meroth, Christoph Reuter / print