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Troika in Elmshorn: Die SPD-Spitze sucht Frieden in der Provinz

Die SPD will Schleswig-Holstein zurückerobern. In der Provinz macht sie Wahlkampf und punktet mit markigen Sprüchen.

Von Lazar Backovic und Jan Strozyk

Mit breitem Grinsen läuft Peer Steinbrück durch die Vereinsgaststätte des Elmshorner Männerturnverein von 1860 e.V.. Ein kleines Bier kostet hier 2,25 Euro und es ist gerade Frikadellenwoche. Steinbrück genießt diese Auftritte, wo er jedem die Hand schütteln kann. Er läuft an einer Kellnerin vorbei und fragt: “Wie geht’s?” Viele hier kennt er mit Vornamen, noch aus seiner Zeit als schleswig-holsteinischer Wirtschafts- und Finanzminister unter Heide Simonis. Kurz nach ihm huschen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Parteichef Sigmar Gabriel durch den Kneipenraum. Auch sie grüßen freundlich, bevor sie in die angrenzende Turnhalle treten. Normalerweise trainiert hier der Handball-Nachwuchs und es gibt Seniorensport, an diesem Abend wollen 500 Besucher den ersten gemeinsamen Auftritt der SPD-Troika seit neun Monaten sehen. Der Saal ist voll, trotz Konkurrenz: Am selben Abend muss der FC Bayern München sich in der Champions League gegen Real Madrid beweisen.

Lange Zeit ist es still gewesen um das SPD-Trio der potentiellen Kanzlerkandidaten. In einer Talkshow im Abendprogramm vielleicht, oder auf der Bundespressekonferenz, dort hätte man das Comeback erwartet. Aber Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel gehen in die schleswig-holsteinische Provinz, eineinhalb Wochen vor der Landtagswahl, dahin, “wo die Mehrheit der Deutschen wohnt”, wie Gabriel im Laufe des Abends zu betonen nicht müde wird. Als Politiker dürfe man nicht glauben, “dass das Leben in Deutschland überall so ist, wie auf dem Bierdeckelradius rund um den Reichstag”.

Das treibt die Menschen um

Es ist ein SPD-Heimspiel, hier im Hamburger Speckgürtel. Die ehemalige Lederarbeiter-Stadt Elmshorn macht es den Dreien leicht: Die Bürgermeisterin ist rot, der Landes-Chef könnte es bald werden. Umfragen sehen die SPD in Schleswig-Holstein derzeit knapp vor der CDU, der SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig ist momentan der beliebteste Politiker im nördlichsten Bundesland. Über ihn will die Troika heute reden, nicht über sich. “Ich mache hier Wahlkampf für Torsten Albig und in NRW für Hannelore Kraft”, sagt Steinbrück am Rande der Veranstaltung. Gabriel nannte Albig einen “hervorragenden Kandidaten” für Schleswig-Holstein. “Ich bin sicher, dass er es am 6. Mai schaffen wird.”

Aber Albig kommt heute später. Der amtierende Kieler Bürgermeister hat noch einen Termin in der Landeshauptstadt. Und so beten Gabriel, Steinbrück und Steinmeier die sozialdemokratischen Kernthemen runter: Soziale Gerechtigkeit, Familien- und Bildungspolitik, faire Löhne. Arbeiten bis 70, dass sei ein Vorschlag von “gutverdienenden Professoren, die keine Ahnung davon haben, wie das Leben einer Krankenschwester im Schichtdienst ist”, sagt Gabriel. Damit kann er in Elmshorn punkten, das treibt die Menschen hier um.

"Er kann es"

Die Troika feiert ihr Comeback in der Provinz, weil sie hier nichts zu befürchten hat: Die K-Frage, die sie zwangsläufig spalten wird, wird nun einmal nicht in einer Turnhalle in Elmshorn entschieden. Da helfen auch keine “Wir wollen den Kanzler sehen”-Rufe fahnenschwingender Elmshorner Jusos. Sollten am Ende alle drei Bewerber im Rennen bleiben, könnte womöglich die Partei-Basis die K-Frage beantworten, sagt Gabriel: “Wenn es mehrere gibt, werden das die Mitglieder der deutschen Sozialdemokraten entscheiden, nicht der Vorstand und nicht die Parteispitze.”

Das klang schon mal mehr nach Kampfkandidatur. Peer Steinbrück ist vergangenen Herbst mit Altkanzler Helmut Schmidt durch’s Land gezogen um ein Buch zu bewerben. “Er kann es”, sagte Schmidt damals. Ob er auch will, das sagt Steinbrück bis heute nicht. Genau wie seine zwei Mitstreiter, die sich erst Ende März noch einen Machtkampf geliefert haben. Gabriel soll per SMS in der eigenen Partei um Unterstützung für seinen Euro-Kurs geworben haben, hinter dem Rücken des Fraktionsvorsitzenden. Zuletzt haben die Drei sich mit einem gemeinsamen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in der Euro-Frage in Eintracht geübt.

"Es ist so wunderschön"

Gemeinschaft, das ist auch das Mantra beim Wahlkampftermin in Elmshorn. Einzig Steinmeier scheint in der Kleinstadt nicht ganz angekommen zu sein. Zu weltmännisch, zu viel Europa, zu weit weg von der Waterkant. “Wenn es der europäischen Nachbarschaft schlecht geht, kann es uns nicht gut gehen”, sagt der Fraktionschef. Verhaltener Applaus. Im Landtags-Wahlkampf punktet man anders. So bleibt er blass zurück hinter Steinbrück, der gutgelaunt Witze über die Rivalität des Hamburger SV und THW Kiel macht und den Aufstieg der Piratenpartei herunterspielt: “Auch das Auftauchen neuer Parteien ist ein Zeichen, dass die Leute das Vertrauen in die Regierung verloren haben.” Es sind die markigen Statements, die die Menschen in der Turnhalle hören wollen.

Dann kommt Schleswig-Holstein-Mann Torsten Albig doch noch in die Halle gesprintet. Er redet über Frauenhäuser in Wedel, über Ex-Ministerpräsident Björn Engholm (SPD) und wie sich der Wahlabend in eineinhalb Wochen anfühlen soll: “Es ist so wunderschön Konservative und Liberale, die glauben, dass das Land ihnen gehört, abzulösen. Und zu sehen, wie dieser rote Balken auf den Bildschirmen einfach immer weiter läuft.” Hunderte Termine spult er in Wahlkampf ab, die Rede sitzt. Die ersten Besucher gehen, der Gastraum nebenan füllt sich. Die Bayern haben gerade im Champions-League-Halbfinale einen Elfmeter versenkt. Nicht nur sie gehen an diesem Abend in die Verlängerung.

Von:

Lazar Backovic und Jan Strozyk