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TV-Kritik

"Anne Will": "Die junge Generation macht sich schuldig, wenn sie von der Nazi-Zeit nichts wissen will"

Bei "Anne Will" sprach eine Holocaust-Überlebende über ihr Leben, ihre Sorge um Deutschland und ihre positive Hoffnung für die junge Generation.

Von Andrea Zschocher

Anne Will und ihre Talkgäste

Diskutierten bei "Anne Will" über das Thema "Holocaust-Gedenken - wie antisemitisch ist Deutschland heute?! Der Historiker und Politikwissenschaftler Julius H. Schoeps (v.l.n.r), die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD), Wenzel Michalski, Direktor Human Rights Watch Deutschland, Moderatorin Anne Will, die Künstlerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano und die CDU-Politikerin Monika Grütters.

Deutschland war immer antisemitisch. Und daran hat sich auch heute nichts geändert. Das sagte die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano gestern in der Talkshow " ". Sie sprach über ihr Leben, ihr Überleben in Auschwitz und Ravensbrück. Ihre Lebensgeschichte erzählt sie Schülerinnen und Schülern, sie singt gegen Antisemitismus und Rassismus. Anne Will gestand ihr, vollkommen zurecht, die meiste Redezeit zu. Sie fragte die anwesenden Gäste aber immer wieder, wie sich der Antisemitismus in Deutschland entwickeln wird, wenn es bald keine Holocaust-Überlebenden mehr gibt, die ihre Geschichte erzählen.

Die Holocaust-Überlebenden hoffen auf die Jungen

Sind die von der Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, Sawsan Chebli, vorgeschlagenen verpflichtenden Besuche von KZ- Gedenkstätten für jeden Bürger wirklich die Lösung gegen den Judenhass? "Nein", waren sich Wenzel Michalski, Direktor Human Rights Watch und Ester Bejarano einig. "Mit Pflicht kann man das nicht machen", erklärte Bejarano. Und Michalski erzählte, dass er öfter Anrufe von Lehrern erhalte, die sich über den ausbreitenden Antisemitismus in der Schule sorgten, aber bereits eine Gedenkstätte besucht hätten. Der reine Besuch würde also nichts bringen, der Kontakt zu Überlebenden hingegen schon.

Die Holocaust-Überlebenden hoffen auf die Jungen. Ob sie sich sorgen würde, wenn es Menschen wie sie "nicht mehr geben" würden, fragte Anne Will. Davon abgesehen, dass die Frage reichlich merkwürdig war, denn es ist eine traurige Tatsache, dass die letzten Überlebenden, die mittlerweile alle ein gesetztes Alter haben, bald sterben werden. Bejarano jedoch sorgte sich nicht. Durch ihren Kontakt zu "den jungen Menschen" hat sie die Hoffnung, dass der sich aufhalten lässt. Außerdem hätte sie "ein bisschen vorgesorgt". Es gibt viele Videos von Zeitzeugen, Filme.

Es wird schwieriger werden", aber die 93-Jährige glaubt an die junge Generation, die so viel Interesse an ihrer Geschichte habe. Damit war die alte Dame weitaus optimistischer als der Rest der Talkrunde. Der Direktor von Human Rights Watch Deutschland wies darauf hin, dass der Judenhass nur dann bekämpft werden könne, wenn Menschen sich dem entgegenstellten und ihren Mund aufmachten. Dabei machte er keinen Unterschied von welcher Seite der Antisemitismus kommt. Denn, das erwähnte auch Chebli, es gäbe durch die Geflüchteten in Deutschland auch eine weitere Form von Judenfeindlichkeit, Anne Will nannte es "zugewanderten Antisemitismus". Dennoch ist dieser, so Chebli, im Vergleich zur Judenfeindlichkeit der Rechten gering. Sie wolle keine Fakten klein diskutieren, aber "90 Prozent der antisemitischen Straftaten werden von Rechten begangen."

Esther Bejarano bestätigte dies aus ihrem eigenen Erleben. "Wir sind nicht am Anfang, wir sind mittendrin", sagte sie und wurde an diesem Abend nicht müde, dazu aufzufordern, sich einzubringen, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen. Ihr Vater glaubte damals "Hitler hält sich nicht lange, die Deutschen werden das nicht erlauben". Er irrte und sie möchte verhindern, dass solch ein Irrtum sich wiederholt. Die junge Generation, sagte Bejarano, sei nicht Schuld an den Verbrechen der Nazi-Zeit, aber sie mache sich schuldig, wenn sie davon nichts wissen wolle. Und dazu gehört für sie auch, dass eine rechtslastige Partei heute im Bundestag sitzt.

Merkwürdige Fragen von Anne Will

Die 93- Jährige musste sich von Anne Will allerdings auch einige merkwürdige Fragen gefallen lassen. So wollte Will wissen, ob es in Auschwitz auch menschliche Wärterinnen gegeben hätte. Was genau diese Frage bezwecken sollte, unklar.

Und auch die Nachfrage, ob Bejarano damals wusste, dass Auschwitz ein Konzentrationslager war, irritiert. Die alte Dame verneinte, erklärte aber, dass Auschwitz immer als Drohung genutzt wurde, um sie im Arbeitslager Neuendorf zu weiterer Arbeit anzutreiben. Rückblickend nennt sich Auschwitz ein Vernichtungslager. Die Fragen Wills könnten Holocaustleugner natürlich für ihre Zwecke umdeuten, etwas, dass die Moderatorin sicher nicht beabsichtigte. Der schale Beigeschmack bleibt aber.

Wann sie verstanden hätte, dass sie Auschwitz nicht lebend verlassen sollte, fragte Anne Will nach. "Das kann man nicht verstehen", antwortete Esther Bejarano. Und doch gelang es ihr nicht nur zu überleben, sondern auch sich ihre Menschlichkeit zu bewahren. Auch hier fragte Will nach, wie sie das gemacht hätte.

Ehrlich erzählte Bejarano, dass ihr Gedanke immer nur war: "Wir müssen überleben. Wir müssen uns rächen." Gerächt hat sich die alte Dame nicht. Aber sie erzählt ihre Geschichte, hält die Erinnerungen an den Nationalsozialismus wach und mahnt vor dem Antisemitismus, der in Deutschland nach wie vor vorhanden ist.