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Wahlanalyse bei "Anne Will" "Es ist doch nicht so, dass wir vom Mond kommen": Haseloff für Neuauflage der Groko statt Neustart

Anne Will Sendung nach der Bundestagswahl 2021
Was folgt aus dem Wahlergebnis? Bei "Anne Will" diskutierten Politiker und Journalistinnen.
© Wolfgang Borrs / NDR
Lars Klingbeil kam mit weißen Sneakern, Cem Özdemir gab den schwäbischen Pastor: Bei "Anne Will" diskutierte die zweite Reihe der Parteien. Ein bisschen angeben, ein bisschen Dampf ablassen, ein bisschen umwerben – bis eine Journalistin eine Ansage machte.
Von Mark Stöhr

Nach einer Dreiviertelstunde hatte Kristina Dunz genug gehört. Die Journalistin war die  einzige neutrale Person in der Runde und sah sich zu einem scharfen Zwischenfazit genötigt. Jede Regierung, egal in welcher Koalition, sagte sie, würde beim Thema Klimaschutz daran gemessen werden, was in der Corona-Pandemie an Geld und Verboten möglich gemacht worden sei. Wie schnell und hart die Politik reagieren könne. "Davon sind alle Beteiligten ein Stück weit entfernt." Danach war der Post-Wahlkampf bei "Anne Will" abrupt beendet.

Es diskutierten:

Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin der Hauptstadtredaktion des Redaktionsnetzwerks Deutschland
Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt
Lars Klingbeil (SPD), Generalsekretär
Cem Özdemir (Bündnis 90 / Die Grünen), Mitglied des Bundestages
Volker Wissing (FDP), Generalsekretär

Best-of der Wahlkampfthemen, nur in müde

Bis zum Weckruf von Dunz hatten sich die Parteifunktionäre in ihrem Triumph oder in ihrer Enttäuschung eingerichtet. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) war sichtlich zerzaust, vor allem vom Erfolg der AfD im Osten. Sein Mantra: Das Ergebnis sacken lassen, sensibel miteinander umgehen.

Ganz anders die Körpersprache von Lars Klingbeil. Er präsentierte sich als Sieger, seine knallweißen Sneaker selbstbewusst in der Studiomitte platzierend. Volker Wissing kam mit der FDP-üblichen Überheblichkeit daher – während Cem Özdemir sich als schwäbischer Pastor versuchte und erst einmal vom "Hochamt der Demokratie" schwärmte. Die Debatte: ein Best-of der Wahlkampfthemen, nur in müde. Özdemir stieß sich an Klingbeils lässig vorgetragenem Plädoyer für mehr Klimaschutz und warf dem SPD-Generalsekretär vor, das höre sich alles so an, als hätten die Sozialdemokraten die letzten Jahre woanders verbracht und Deutschland gerade neu betreten. Konter Klingbeil: "Gucken Sie sich die mäßige Bilanz beim Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg an." Özdemir: "Die Regierung dort hält sich an Bundesgesetze, die SPD-Minister verabschieden." Einwurf Haseloff: "Wir in Sachsen-Anhalt als einer der Spitzenreiter beim Ausbau der Erneuerbaren liefern gerne weiter grünen Strom in den Süden." FDP-Mann Wissing fiel zu dem Thema ein: "Wenn wir wollen, dass die Wirtschaft in Klimaneutralität investiert, braucht sie keine Steuererhöhungen, sondern mehr Geld."

Suche nach der „Erzählung“ hinter einer Koalition

So ging es hin und her und wild durcheinander. Fast schien es, als wollten alle nochmal Dampf ablassen, bevor sie in den Sondierungen wirklich miteinander reden müssen. Die Intervention von Kristina Dunz zog dem Gezeter aber den Stecker. Plötzlich kehrte eine fast staatstragende Ernsthaftigkeit in die Runde ein. Bloß nicht nochmal den Fehler machen wie 2017 bei den Jamaika-Verhandlungen, als sich Schwarz-Grün einig war und die FDP mehr wie eine Trauzeugin behandelte!

Cem Özdemir nickte heftig mit dem Kopf. Ein Koalitionsvertrag, sagte Wissing, dürfe kein Patchwork sein, in das jeder etwas einbringe. Entscheidend sei das Miteinander und der Mehrwert für die Gesellschaft. Klingbeil sprach von einer "Erzählung", hinter der alle drei Partner stehen müssten. Weise Worte.

Nur der zerzauste Reiner Haseloff wollte nichts von einem Neustart wissen. Er legte im Verlauf der Sendung eine bemerkenswerte Entwicklung hin: vom Mahner für ein gedankliches Moratorium der Union zum Werber einer Neuauflage der Großen Koalition. Man habe die vielen Krisen der letzten Jahre gut zusammen gemanagt. Und überhaupt: "Es ist doch nicht so, dass wir vom Mond kommen und eine neue Bundesrepublik bauen müssen."

Fazit

Was sich bereits in der "Elefantenrunde" der Spitzenkandidaten in ARD und ZDF gezeigt hatte, setzte sich in der zweiten Reihe bei "Anne Will" fort: So sehr die SPD auch vor Selbstbewusstsein strotzt – FDP und Grüne halten sich alle Optionen offen. Cem Özdemir hatte mehr Jamaika-Vibes, Volker Wissing wiederholte zweimal den Satz: "Wir werden uns an den Inhalten orientieren." 


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