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"Anne Will" Von EU-Austritt bis zu höherer Spitzensteuer: Wie viel Veränderung wählen die Deutschen?

In einem TV-Studio sitzen mit Abstand drei Männer und drei Frauen in Sesseln im Kreis
Bei "Anne Will" diskutierten (im Uhrzeigersinn): Tino Chrupalla (AFD), Janine Wissler (Die Linke), Ralph Brinkhaus (CDU), Anne Will (Moderatorin),  Norbert Walter-Borjans (SPD), Helene Bubrowski (Korrespondentin der "FAZ" in der Parlamentsredaktion)
© NDR/Wolfgang Borrs
Drei Wochen noch bis zur Wahl, das Spitzenpersonal tritt unter der Woche in der ARD-Wahlarena an. Bei "Anne Will" reichte es zum sonntäglichen Ausklang nur zu Positionsgeklapper.
Von Ingo Scheel

"Mindestlohn, Reichensteuer, Schuldenbremse - steht Deutschland vor einer Richtungswahl?" – so lautete die große Sonntagabend-Frage bei Anne Will. Nun weiß man selbst als überschaubar gewiefter Talkshow-Gucker, dass aus dem Fragezeichen am Anfang der Sendung zwischenzeitlich ein paar Ausrufezeichen werden mögen, am Ende aber sicher kein zufriedenstellender Punkt. So auch diesmal, da sich folgende Gäste im Studio eingefunden hatten:

  • Ralph Brinkhaus (CDU, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion)
  • Norbert Walter-Borjans (SPD, Parteivorsitzender)
  • Janine Wissler (Die Linke, Parteivorsitzende)
  • Tino Chrupalla (AfD, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion)
  • Helene Bubrowski (Korrespondentin der "FAZ" Parlamentsredaktion)

Bei den Kollegen von RTL bekam man fast den Eindruck, das deutsche Team habe sich schon in Durchgang 1 gegen Armenien derart ins Zeug gelegt, damit das Umschalten zur ARD ein wenig leichter fällt. 4:0 zur Pause, fulminante Tore statt Flickschusterei, das konnte sich sehen lassen. Und irgendwie hallte das auch bei Ralph Brinkhaus nach, zumindest was den Griff ins Metaphernfach anbetraf. Seine Partei liege hinten, das sei ihm klar, aber es wären auch noch 25 Minuten zu spielen, und das sei doch genug Zeit, um noch den einen oder anderen Treffer zu erzielen. 

Brinkhaus will trotz Schuldenbremse investieren

Nun denn, mit Allegorien aus dem Fußball ist das immer so eine Sache. Kann in den Winkel gehen, am Pfosten abprallen oder irgendwo im Zuschauerrang landen. Und wer Fan vom, sagen wir mal, dem HSV in seinen letzten drei, vier Jahren im Oberhaus war – erinnert sich noch jemand? – der weiß eben, dass man in 25 Minuten nicht nur Tore erzielen, sondern sich auch noch ein paar dicke Dinger einfangen kann.

So richtig wollte das der gegnerischen Offensive jedoch nicht gelingen, auch wenn sich etwa Janine Wissler und, gen Ende der Sendung, auch Norbert Walter-Borjans, dessen populäres Spitznamen-Kürzel Nowabo fast schon wie ein brasilianischer Kicker-Künstlername anhört, ordentlich ins Zeug legten. Schön etwa, wie Brinkhaus' Perspektive von der Unantastbarkeit der Schuldenbremse bei gleichzeitiger Aufforstung der vielbeschworenen 'blühenden Landschaften' vom linken Flügel vor allem als eines abgetan wurde: als Voodoo. Nun denn, Brinkhaus als Voodoo-Zeremonienmeister, eine schmucke Vorstellung. 

Spitzensteuersatz und Planwirtschaft

Konkreter wurde es da schon von Seiten Janine Wisslers, die von Spitzensteuersätzen nach Kohl-Art – 53% – sprach, von Umverteilung des Reichtums. "Die alleinerziehende Verkäuferin" oder die Pflegekraft, "die sich nach 45 Jahren Arbeit den Platz in der Pflege selbst nicht leisten kann" werden die notwendigen Investitionen jedenfalls nicht schultern kann. Ein hehres Ansinnen, bei dem Helene Bubrowski von der "FAZ" gleich mal das Schreckgespenst von der Planwirtschaft aus der Schublade holte.

Vom ganz anderen Ende dagegen Tino Chrupalla, Spitzname "Pinsel", der ein Parteiprogramm zu bieten hatte, das solide auf Button-Größe unterzubringen ist: EU-Austritt. Steuern abschaffen. War noch was? Ach ja, und während Chrupalla vom rechten Rand aus einigermaßen unbehelligt funken konnte, stieg Anne Will schließlich Janine Wissler auf die Schuhe und insistierte, sie möge sich doch noch einmal zu ihrer jahrelangen Mitgliedschaft bei "marx21" äußern. Die ließ sich von derlei Hufeisen-Geschleuder kaum aus der Fassung bringen, unterstrich vielmehr ein weiteres Mal, wie weit die Schere mitterweile, ausgelöst eben von politischen Entscheidungen, die es zu korrigieren gelte, auseinandergeht. Brinkhaus nahm da noch einmal, ganz Laschet-Style, das Tempo raus, und unterstrich das Beschleunigungspotenzial der CDU: "Wollen wir mal abwarten, wenn wir viele gutbezahlte Arbeitsplätze haben, denn die sind der Schlüssel zu Wohlstand." Abwarten. Nun gut. Eine Aussage, die den Tacho seiner Partei eher nicht nach oben jazzen dürfte. 

Wollen die Deutschen Veränderung oder nicht?

Am Ende übernahm dann Helene Bubrowski den Part des eigenwilligen Ablöschens. Allzu große Veränderung sei ein "Holzweg", der Wille dazu bei den Deutschen nicht sehr ausgeprägt. Überhaupt: Höre man der Runde so zu, bekäme sie den Eindruck, hierzulande sei "alles marode und Schrott", die Nation ein "Weltmeister im Schlechtreden". So sei das alles ja nun aber nicht. Es hätte sich schon auch eine Menge getan. Zur ARD-kompatiblen Beweisführung brachte sie dann auch noch einen Fernsehklassiker ins Spiel: "Ich habe neulich einen 'Tatort' aus den 80er-Jahren gesehen. Wenn man das mal vergleicht mit heute, dann hat sich schon eine Menge verändert und entwickelt." Wir wissen nicht, was Schimmi dazu sagen würde, Nowabo jedenfalls wähnte am Ende beim Kollegen Scholz "den Plan", nämlich "Gegenwart und Zukunft zusammenhalten". Der Countdown läuft ... und Abspann!

tkr

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