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Protest gegen IS-Terror: Unter den Kurden herrscht blanke Verzweiflung

Über 20.000 Kurden sind in Düsseldorf gegen den Terror des IS auf die Straße gegangen. Angesichts der Gewaltexzesse in Syrien herrscht in vielen kurdischen Familien in Deutschland blanke Verzweiflung.

Frank Gerstenberg, Düsseldorf

Rund 20.000 Menschen haben am Samstag friedlich gegen den Terror des so genannten Islamischen Staats (IS) in Syrien und im Irak protestiert. Auf mehreren Plakaten war eine Frage zu lesen, die sich nicht nur die Kurden stellen dürften: "Heute Kobani, morgen?" Allein 60 Busse mit Demonstranten vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen standen am Rheinufer in Oberkassel, wo der Protestzug startete. Die Demonstranten forderten mit Parolen wie "ISIS raus aus Kurdistan" Deutschland und die Nato auf, den Kurden in Kobane entschiedener zu Hilfe zu kommen.

Zu Konflikten wie noch vor wenigen Tagen in Hamburg oder Celle kam es in Düsseldorf nicht. Die Organisatorin der Demonstration, Ayten Kaplan von den "Linken" war zufrieden mit dem Verlauf des vierstündigen Protestzuges durch die Landeshauptstadt: "Die Menschen haben Courage gezeigt und deutlich gemacht, dass der IS-Terror alle angeht", sagte sie am Rande der zentralen Kundgebung vor dem Landtag dem stern.

Kurden wollen ein Zeichen setzen

Sercan Cam (31) aus Duisburg kann die Bilder nicht mehr ertragen: "Menschen spielen mit Köpfen Fußball oder spießen sie auf. So etwas Unerträgliches, im 21. Jahrhundert. Die Menschen tun mir so leid. Und keiner hilft." Die Alevitin ist zusammen mit ihrer Familie und Freunden nach Düsseldorf gekommen, führt ihre behinderte Cousine im Rollstuhl den langen Weg über die Oberkasseler Brücke durch die Altstadt bis vor den Landtag. "Wir sind hier, um unsere Anteilnahme zu zeigen und ein Zeichen zu setzen", sagt Birsen Gedik (42). "Vielleicht sieht und hört es ja jemand."

Es wird jedenfalls Zeit, darin sind sich die Demonstranten einig. "Der IS wird nicht in Syrien stehen bleiben", ist Ayten Kaplan überzeugt. Der Terror sei ein "Angriff auf die Menschheit". So sehen es offenbar viele Kurden, die angesichts der Bilder aus Kobane und dem Irak zunehmend verzweifeln.

In der Woche zuvor hatte es in mehreren deutschen Sädten Proteste von Kurden gegeben, auch in Bielefeld. Dort sitzt am Donnerstagabend Ali Karim (31, Name geändert) mit Bekannten nach einer Demonstration im "Kurdischen Friedenshaus Mesopotamien" in der Nähe des Bielefelder Hauptbahnhofes: "Was sollen wir machen? Wir können nur hoffen, uns Gehör zu verschaffen." Der 31-Jährige jesidische Kurde ist Handy-Experte in einem großen Elektronikhandel in Bielefeld. Auf sein eigenes Handy möchte er derzeit am liebsten gar nicht mehr schauen. Fotos und Filme von Enthauptungen, Erschießungen und Vergewaltigungen sind täglich in seiner elektronischen Post.

Ein Bielefelder mordet für den IS

Wütend und ärgerlich ist er besonders über ein Foto: Es zeigt einen Mann, der mit Tarnanzug, Kopftuch und Kalaschnikow auf einem Felsvorsprung sitzt und gebieterisch über eine karge Gebirgsgegend schaut. Es ist sein ehemaliger Freund und Mitschüler von der Gesamtschule Friedenstal Murat Demir aus Herford, der jetzt als IS-Kämpfer in Syrien mordet und schändet. "In der Schule hat er nichts auf die Reihe bekommen, hat dauernd geschwänzt, keinen Abschluss gemacht. Jetzt entscheidet er über Leben und Tod", sagt Karim.

Das kurdische Begegnungszentrum in Bielefeld liegt in einem Hinterhof im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses. Kurdische Zeitungen liegen auf den Tischen, an den Wänden eine Ansammlung gerahmter Fotos von gefallenen Kämpfern der PKK. An der rechten Wand ein großes Gemälde: Es soll den 5.000 Meter hohen Ararat in Ostanatolien zeigen. Über dem Gebirge leuchtet eine handgemalte gelbe Sonne, in der ein Foto von Abdullah Öcalan eingeklebt ist, den inhaftierten Führer der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Vakkas Sabanci möchte unter dieser Sonne fotografiert werden. Öcalan ist seine große Hoffnung. Er vergleicht ihn bereits mit Nelson Mandela und hofft, dass er die "kurdische Frage" irgendwann lösen wird. Dass der Nahe und Mittlere Osten demokratisch werden.

Angesichts der aktuellen Lage eine utopische Vorstellung. Die Jesiden müssen mit ansehen, wie ihre Familien in Syrien und im Irak von den IS-Killern abgeschlachtet werden. Jeder der etwa 100.000 in Deutschland lebenden jesidischen Kurden hat Verwandte zwischen Kobane und Mossul. "Es macht einen wahnsinnig", sagt Ali Karim, der in Deutschland aufgewachsen ist.

Angesichts der unerträglichen Gewaltexzesse herrscht in vielen kurdischen Familien Ratlosigkeit und Verzweiflung. Besam Guros (26) Vater ist seit Wochen in Kobane eingeschlossen. "Ich kann nur beten und hoffen." Gestern habe er noch mit ihm telefoniert, die Lage werde immer aussichtloser. Zusammen mit 50 kurdischen Freunden aus Herford und Lage fährt er am Samstagmorgen zur Demonstration nach Düsseldorf. Ihre Forderungen sind eindeutig: "Nicht die Peshmerga müssen Waffen bekommen, sondern die YPG (Volksmiliz der syrischen Kurden, die Red.) und die PKK. Sie haben die Menschen vom Sindschar-Gebirge heruntergeholt. Sie sind die einzigen, die etwas für uns tun."

Linke fordert Santkionen gegen die Türkei

Die Linken-Politikerin Ayten Kaplan will hingegen keine neuen Gräben aufreißen. "Mir ist es egal, wer kämpft, Hauptsache, der IS wird beseitigt." Die Kurden müssten sich einigen, ein kurdischer "Nationalkongress" sei ihr Ziel. Alle müssten an einen Tisch und zusammen mit der Nato und Deutschland müsste dann "so schnell wie möglich" eine "Lösung" gefunden werden. Und zu dieser Lösung gehörten auch Sanktionen gegen das Nato-Mitglied Türkei, die in dem Konflikt "auf Kosten der Kurden ein böses Spiel spielt", so Kaplan gegenüber dem stern.

Ali Khhalaf, Zahnarzt in Bad Salzuflen, machte mehrere Wochen seine Praxis dicht, um Hilfe für die Kurden in Syrien zu organisieren.

Ali Khhalaf, Zahnarzt in Bad Salzuflen, machte mehrere Wochen seine Praxis dicht, um Hilfe für die Kurden in Syrien zu organisieren.

Der Meinung ist auch der kurdisch-jesidische Zahnarzt Ali Khhalaf aus Bad Salzuflen. An den Wänden seiner Praxis in der Altstadt von Bad Salzuflen hängen zwar keine Zertifikate für Seminare oder Prophylaxe-Fortbildungen, dafür aber Kinderzeichnungen. Die neunjährige Samiya hat einen großen roten Mund gemalt, der lächelt, darunter steht: "Bester Zahnarzt."

In den vergangenen Wochen mussten die Patienten in der ostwestfälischen Stadt am Rande des Teutoburger Waldes wochenlang auf den 41-Jährigen verzichten, der seit 1997 in Deutschland lebt. Er musste seinen Landsleuten helfen. Khalaf organisierte Hilfstransporte, führte Gespräche mit Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel ebenso wie mit dem geistlichen Oberhaupt der Schiiten im Irak, Ali al-Sistani. Aus seiner eigenen Familie sind etwa 40 Angehörige bei den Kämpfen und Gemetzeln ums Leben gekommen, seine Tante und mehrere Cousinen sind seit Wochen in Händen des IS: "Es geht ihnen nicht gut", sagt er. Die Morde an seinen Landsleuten werden ihm laufend auf das Handy gespielt: "Dieses Massaker kann man nicht in Worte fassen."