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Volksabstimmung in Griechenland: Papandreou trifft Nerv der Deutschen

Giorgos Papandreou verärgert mit seinem Referendumsplan Kollegen und entsetzt die Börsen. Bei der Bevölkerung kommt sein Vorstoß aber gut an - zumindest in Deutschland.

Von Mareike Rehberg

In Europas politischer und wirtschaftlicher Elite herrscht Aufregung, Unverständnis und Empörung: Die Granden der EU sehen die Eurozone in Gefahr und sind schier entsetzt, dass Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou mir nichts, dir nichts verkündet hat, das Volk über das Euro-Rettungspaket abstimmen zu lassen. Die Börsenkurse stürzen ab, Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben eilig ein Krisentreffen einberufen, und auch im eigenen Land sorgte der Vorstoß des griechischen Regierungschefs für Verwirrung. Papandreou selbst dürfte heute Abend beim so genannten Vorgipfel zum G20-Treffen in Cannes kräftig "gegrillt" werden.

Der deutsche Bürger allerdings kann dem Plan einer griechischen Volksabstimmung durchaus etwas abgewinnen. Eine stern.de-Umfrage ergibt eine riesige Zustimmung zu Papandreous Vorhaben. Von rund 4000 Befragten halten 69 Prozent die Abstimmung über das Sparpaket für einen klugen Schachzug.

Auch in sozialen Netzwerken wie Facebook, in denen das Thema diskutiert wird, brechen zahlreiche User eine Lanze für die direkte Demokratie - wenn auch aus zum Teil unterschiedlichen Motiven. Für viele Diskutanten macht Papandreou genau das Richtige, indem er "das mündige Volk über seine Politik abstimmen" lässt, einige wünschen sich eine ähnliche Entwicklung für Deutschland. Ein User glaubt gar, dass durch das Referendum - unabhängig vom Ausgang - Aufstände verhindert werden, weil das Volk eben direkt in politische Entscheidungen einbezogen wird. Wieder andere haben nichts gegen eine Volksbefragung, dann aber, so der Tenor, solle Griechenland bitteschön selbst mit den Konsequenzen wie Staatsbankrott und Währungswechsel klarkommen. Es hagelt "Likes" für die Befürworter des Papandreou-Vorstoßes.

"Frechheit! Die Griechen wollen Demokratie"

Forsa-Chef Manfred Güllner warnt allerdings davor, dem Trend im Internet zu viel Bedeutung beizumessen. Menschen würden plebiszitäre Elemente wie Volksabstimmungen generell positiv bewerten und direkte Einflussmöglichkeiten der Bevölkerung reflexartig gutheißen. In der Realität scheitert die direkte Demokratie nach Güllners Überzeugung dann aber oft an zu wenig Beteiligung.

Diesem Problem wird sich Papandreou frühestens im Dezember stellen müssen. Bis dahin ist ihm nicht nur die Unterstützung im Volk sicher, sondern auch bei vielen Kommentatoren deutscher Medien, die bei allen Risiken für die Eurozone den Vorstoß prinzipiell häufig gutheißen. Am treffendsten bringt mal wieder die "taz" die Stimmung auf den Punkt, die voller beißender Ironie titelt: "Frechheit! Die Griechen wollen Demokratie".