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Wahl in Niedersachsen Der Sieg der Wähler


FDP tot, Steinbrück vorbei - wie sich Experten doch irren können! Bei der Wahl in Hannover demonstrieren die Wähler ihre Macht und ihre Unabhängigkeit.
Ein Kommentar von Frank Thomsen

Was ist das denn? Da hat die öffentliche Meinung die FDP abgeschrieben, hat den Chef Philipp Rösler als früh Gescheiterten abgehakt, hat die Partei von Hans-Dietrich Genscher und Gerhart Baum dem Gespött preisgegeben. Und dann muss die öffentliche Meinung an einem eisigen Sonntag im Januar 2013 feststellen, dass nicht sie das Sagen hat in der Demokratie Bundesrepublik Deutschland. Sondern, ta, ta: die Wähler!

Und schwuppdiwupp ist die FDP wieder da. Ach was, wieder da. Sie triumphiert. Die Liberalen holen rund 10 Prozent. Als dieselbe Partei vor einigen Monaten in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein auch jeweils über acht Prozent gewann, da war sich die öffentliche Meinung noch sicher: Hat nix mit der Partei zu tun, sondern nur mit den Spitzenkandidaten Christian Lindner und Wolfgang Kubicki. Und nun? Den Kandidaten in Hannover kennt man nicht mal.

Die Bundesbürger haben ihren eigenen Kopf

Es ist die wichtigste Lehre aus der Wahl in Niedersachsen: Die öffentliche Meinung, alle Schnellkapierer und Bescheidwisser unter den Politikprofessoren, Beratern, Spin-Doctoren und, ja, auch Journalisten, müssen einmal innehalten. Die Bundesbürger entscheiden nicht nach dem Gusto anderer, sie hören nicht auf die Vorsprecher, sie haben ihren eigenen Kopf.

Die Piraten sind 'ne coole Partei? Schon lange nicht mehr für die Wähler, zu planlos, zu unsympathisch. Die FDP, diese alte Hotelsteuer-Partei, wird nicht mehr gebraucht? Moment mal, sagt der Wähler, so haben wir das nie gemeint - die liberal-konservative Seite kann ja schlecht allein der CDU überlassen bleiben. Die SPD taumelt unter dem Fettnäpfchen-Kandidaten Peer Steinbrück ins Bodenlose? Ach, sagt da der Wähler, Pinot Grigio, Gehälter und Millionen - ja, alles deppert, aber es ist eine Landtagswahl und wir entscheiden doch bitte schön auch noch nach anderen Kriterien. Nach unseren eigenen Maßstäben.

Die Deutschen suchen Halt

Aber welche sind das, diese Maßstäbe "der Bürgerinnen und Bürger da draußen in unserem Land", wie sie von den Politikern immer so umständlich bezeichnet werden, als handelte es sich um gefährliche Fremde?

Man muss da nur seinen gesunden Verstand bemühen. Die Deutschen haben die FDP noch nicht abgeschrieben. Bevor sie untergeht, bekommt sie so viele Leihstimmen aus dem konservativen Lager - so geschehen jetzt in Niedersachsen -, dass sie scheinbar schon wieder strahlt. Ob das Rösler nun stärkt oder er trotzdem weg muss: Das ist, aus Sicht der Wähler, schon wieder interner Kram. Ihr Auftrag ist ein anderer: Wir, soweit wir eher konservativ ticken, brauchen euch.

Deutsche suchen Halt in einer unsicheren Welt

Die Deutschen interessieren sich für viele Diskussionen überhaupt nicht, die den politischen Betrieb und allzu sehr auch die veröffentlichte Meinung tagein, tagaus umtreiben. Sie suchen nach Halt in einer unsicheren Welt. Das macht Angela Merkel stark, das macht aber auch die Grünen stark, die in einer nachhaltigen Gesellschaft plötzlich Institutionencharakter haben. Es ist ja kein kühner Gedanke anzunehmen, dass die Wähler für Schwarz-Grün viel bereiter wären als die Politiker.

Sie haben auch Peer Steinbrück noch lange nicht erledigt. Das Ergebnis von Niedersachsen hält das Spiel für die SPD im Bund offen.

Wer wagt angesichts dieser allerersten Befunde eine Prognose für den September, für die Bundestagswahl? Einigermaßen sicher darf man annehmen, dass die Grünen stark abschneiden werden und dass die Linke in den Bundestag kommt. Aber CDU, SPD und FDP vorherzusagen - wer wollte sich das jetzt anmaßen?

Niedersachsen macht die Bundestagswahl offener denn je. Sie rückt eine Personengruppe zurück in die Mitte, die in vielen politischen Debatten oftmals gar keine Rolle spielt: die Wähler. Das ist doch ein Grund, dies als schönen Sonntag zu sehen.


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