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Wahlkampf in Hessen: Wie Koch den Warnschüssen trotzt

Es ist Wahlkampf brutal: Seit Wochen tourt Hessens Regierungschef Roland Koch durchs Land, mit immer schärferen Forderungen, mit immer giftigeren Vorwürfen. Die Bürger haben ihn dafür nun mit miserablen Umfragewerten verwarnt. stern.de hat Koch just an jenem Tag begleitet, an dem er eine schallende Ohrfeige erhielt.

Von Sebastian Christ, Hessen

Es ist ein anstrengender und verdammt schlechter Tag für Roland Koch. Der hessische Ministerpräsident sitzt eingesunken auf den Ledersitzen seines Busses. Einige Journalisten wollen ihn provozieren, sie stehen wenige Plätze von ihm entfernt. Er muss sich alles anhören. "51 Prozent sind der Meinung, dass die nächste Landesregierung von der SPD geführt wird", zitiert einer von ihnen aus den Umfrageergebnissen. Kurze Pause. Der Mann korrigiert sich: "Geführt werden sollte." Koch schaut kurz auf, ein Reflex, sein Blick bohrt sich durch den Bus. Dann entscheidet er sich, lieber keine Reaktion zu zeigen. Cool bleiben. Obwohl es nicht einfach ist.

Roland Koch kränkelt seit Tagen. Er absolviert 100 Wahlkampfauftritte in knapp mehr als drei Wochen, an diesem Tag sind es allein sechs Termine in Ost-, Ober-, Mittel- und Nordhessen. Zwei Assistentinnen brühen becherweise Kamillentee für ihn. Kochs Stimme klingt wie nach einer durchzechten Nacht. Seine Augenränder sind rötlich verfärbt, er ist noch blasser als sonst.

Kochs Vorsprung ist geschmolzen

Bis Mittwoch hatte die CDU noch einen komfortablen Vorsprung auf die SPD. Mindestens vier Prozentpunkte. Doch gegen Mittag kursierten erste Zahlen aus einer Prognose von Infratest dimap: Beide Volksparteien nun fast gleich auf, und eine Mehrheit wünscht sich Andrea Ypsilanti als Ministerpräsidentin. So etwas nennt man wohl Wechselstimmung.

Im Bus herrscht seitdem eine stille Unruhe. Die Auswirkungen eines SPD-Wahlsiegs wären auch auf Bundesebene spürbar. Koch galt lange als Kanzlerkandidat im Wartestand, doch diese Position wäre unwiederbringlich verloren, wenn er die Regierungsverantwortung in Hessen abgeben muss. Es steht eine Menge auf dem Spiel für den hessischen CDU-Chef.

Wählergruppen laufen ihm davon

Vor jedem Auftritt geht er mit seiner Pressesprecherin Esther Petry die Rede durch. Er passt Inhalt und Ansprache dem jeweiligen Anlass an. In Büdingen bei Frankfurt redet er vor einer Seniorengruppe lange über die Angst vor der steigenden Jugendkriminalität. Im eher ländlich geprägten Stadtallendorf spricht er über Einbrüche und prangert Versäumnisse der alten rot-grünen Landesregierung in der Verbrechensbekämpfung an. "Der Einbruch in die Wohnung ist ein Einbruch in die Seele." Die meist älteren Menschen in der Stadthalle verstehen ihn.

Doch mit welchem Thema erreicht er die jungen, liberalen Großstadtbewohner in Kassel, Darmstadt, Wiesbaden, Frankfurt und Offenbach? Die Studenten in Marburg und Gießen? Oder die Migranten mit deutschem Pass? Der Oberbürgermeister des Istanbuler Stadtbezirks Sisli, Mustafa Sarigül, zieht mit Andrea Ypsilanti durch Hessen. Man wird das Gefühl nicht los, dass Roland Koch Zielgruppe um Zielgruppe in diesem Wahlkampf an die andere Seite verliert. Oder schon längst verloren gegeben hat.

Neugieriger Empfang in der Provinz

Die Zeit ist knapp. Auf der Fahrt nach Stadtallendorf hat Koch wichtige Minuten eingebüßt, deswegen braust er mit Polizeieskorte im PKW nach Neuenstein-Obergeis, wo im Bürgerhaus eine Wahlveranstaltung stattfindet. Der Bus fährt ohne ihn weiter, bis an den äußersten nordwestlichen Rand des Bundeslandes. Koch hält eine kurze Rede und holt sein Wahlkampfteam am Abend wieder ein. Zum wohl wichtigsten Termin des Tages will er pünktlich sein.

In Volkmarsen sind keine Sterne zu sehen. Es nieselt, später fallen noch dicke, ausgewachsene Regentropfen. Mehrere Dutzend Gegner einer auf acht Jahre angelegten Gymnasialzeit haben sich vor der Auffahrt zur Stadthalle positioniert und beschimpfen den Wahlkampfbus von Roland Koch, obwohl der gar nicht an Bord ist. Einige Meter weiter wollen 600 Menschen rein, dürfen aber nicht - weil sich im Saal schon über 3000 Leute befinden. Selbst wahlkampferprobte Ordner der CDU Waldeck-Frankenberg haben so etwas bisher noch nicht erlebt: Die Menge hat sich zu einem dichten Pulk formiert, alle wollen noch rein, manche maulen.

Hoffen auf Merkels Popularität

Roland Koch soll in der nordhessischen Stadt seine letzte Rede für heute halten. Angela Merkel ist auch angereist, sie spricht nach Koch. Die Veranstaltung heißt offiziell "Politischer Aschermittwoch". Es ist zwar weder Mittwoch, noch ist Karneval vorbei. Doch verbale Ausschankveranstaltungen mit hohem Polemikfaktor heißen in der Union seit Franz-Josef Strauß' Zeiten nun einmal so. In der Halle selbst herrscht das blanke Chaos. Zu wenige Sitzplätze, zu viele Menschen. Zwar haben Helfer schon einen Flachbildfernseher ins Foyer gestellt, wo etwa 100 Parteimitglieder so etwas wie ein politisches Public Viewing abhalten, doch auf den Gängen drängen sich immer noch Hunderte von Menschen.

"Isch will Angela Merkel die Hand drücken", sagt Mahmut aus Volkmarsen, der sich in Etappen zur Absperrung durchquetscht. "Lass misch durch, lass misch durch. Isch will Angela Merkel sehen." Er wird von den Kellnern jäh zur Seite gedrängt. Das gemeinsame Fischessen steht an, 3000 Portionen müssen ausgeteilt werden. "Die Heringe, bitte durchlassen, die Heringe, die Heringe." Eine Schleife von Bedienungen schlängelt sich nun dort entlang, wo Mahmut durch wollte. Der Arbeitslose zieht entmutigt davon.

Kein Grund zur Heiterkeit

Merkel sitzt neben Koch im separierten VIP-Bereich auf einer Bierbank mit den wichtigsten lokalen Parteimitgliedern, der CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Siebert teilt einen Träger Pils aus. In den ersten Minuten reden Koch und Merkel fast gar nicht miteinander. Sie parliert mit Hessens Landwirtschaftsminister Wilhelm Dietzel, er smalltalkt mit Landtagskandidaten. Rings um die Gruppe sind Fotografen und Kameraleute in Stellung gegangen. Die Atmosphäre um ihn herum ist gespannt. Selbst die Wahlkampfhelfer beschimpfen sich untereinander. Und Kochs Bodyguards haben Mühe, in dem Durcheinander die Übersicht zu bewahren.

Einige Momente später betritt eine Tanzgruppe aus Volkmarsen die Bühne. Viele Kameras wenden sich jetzt für Sekunden von dem sprachlosen Politpärchen ab. Und plötzlich pflegen Ministerpräsident und Kanzlerin doch eine Konversation. Keine der heiteren Sorte, gelacht wird nicht. Aber geredet.

"Jetzt wird es richtig eng"

Es ist Abend an Roland Kochs Katastrophendonnerstag. In seiner Rede dekliniert er die Durchhalteparolen aus Büdingen und Stadtallendorf in den letzten Superlativ. "Manch einer hat es ja schon gesehen, dass die Umfragen diesmal knapp sind." Schweigen im Saal. "Ich habe euch auf dem Parteitag gesagt, dass es eng wird. Und jetzt wird es richtig eng." Er redet wieder von Ausländerkriminalität, Jugendgewalt, Wirtschaftspolitik.

Seit ein paar Tagen polemisiert er auch besonders scharf gegen die Linke, es soll das entscheidende Wahlkampfthema in den letzten Tagen seiner Kampagne werden. "Das sind keine Sozialromantiker, das sind stinknormale Altkommunisten", raunt er. Die Stabmikrofone am Pult zittern. "Wer glaubt, dass die SPD nach der Wahl nicht mit der Linken zusammenarbeitet, der irrt. Sie haben mit Ypsilanti eine Kandidatin gewählt, die linker ist als die Basis."

Die Sache mit den Leuchttürmen

Ein anstrengender Wahlkampf geht auf die Zielgerade. Und jetzt, wo es knapper kaum sein könnte, wird es noch härter werden als es ohnehin schon war. Roland Koch ist wieder heiser, seine Stimme droht zu kippen. Ein Helfer wechselt das Wasserglas an seinem Pult. Doch er kämpft sich durch sein Manuskript. "Jeder hier in diesem Saal ist ein Leuchtturm", sagt er. Er ruft die Parteimitglieder im Saal auf, Bekannte und Freunde von der CDU zu überzeugen. Jeder einzelne sei wichtig in diesem Jahr.

Es klingt wie eine Generalmobilmachung der hessischen CDU, und das soll es wahrscheinlich auch sein. Mehr kann ein Wahlkämpfer eben nicht geben: Themen setzen, kämpfen, und alle anderen zum kämpfen aufrufen. Den Rest entscheiden die Wähler. Aber das ist es ja gerade.