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Wiedervereinigung: Wir sind die armen Schweine der Nation

Wie sieht es heute in der Ex-DDR aus? Der stern reiste durch die fünf neuen Länder und fand die feudalsten Fabriken, die ödesten Dörfer, die feinsten Straßen und die zornigsten Bürger einer Gesellschaft, die sich dem Westen ausgeliefert fühlt.

Die Rentner feiern im Riesenzelt. Sitzen da im Gestreiften, Geblümten, Getupften, in Hosenträgern und in grauen Socken, trinken Bier und Schnaps, und die "Märkischen Musikanten" Ines und Katharina schmettern Schatzilein, du musst nicht böse sein? Der Oberhaveler Bauernmarkt von Schmachtenhagen ist Osten pur.

Nur tanzen mögen die Alten nicht. Da können sich die zwei Mädels in ihren knackengen Blumenhosen noch so abstrampeln mit Caramba, Caracho, ein Whisky. Aber dann fegt Burkhard Möbius, der Mann, der hier Spreewälder Gurken verkauft, ins Zelt, schnappt sich ein kariertes Mittelalter und wirbelt es über den Tanzboden. Na bitte. Geht doch.

Herr Möbius kann sich aufregen über seine Landsleute. Die Ollen sind bräsig und kriegen den Arsch nicht mehr hoch, sagt er, die Jungen sind arbeitslos und faul. Holen sich ihr Geld ab und versaufen es. Und wenn sie ihren Stempel brauchen, kennen sie einen, dem sie sagen: Du, ich brauch einen Stempel. Und dann werden sie von Schwarzfirmen angeheuert: Könnt ihr morgen kommen? Für 100 Euro? Klar!

Der Staat ist viel zu lasch, sagt Möbius. Guckt zu und zahlt. Die Politiker kriegen das ja alles nicht mehr mit. Sind satt und abgehoben. Eine Stunde möchte er mal im Bundestag reden! Also, denen würde er einheizen. Würde auch diesem Schnösel von der Jungen Union, der den Alten die Zähne und die Hüften nicht gönnt, von dem Enkel erzählen, der seiner Großmutter die Rente wegfrisst. Schreib das auf!, sagt er zu mir, stopft der Fotografin Ute Mahler eine Gurke in den Mund, sagt: Du, ick hab so viel Humor, ick halte det nich aus! Springt auf, schnappt sich eine Gestreifte, und Ines zwitschert: Die ganze Welt ist ein Verein, kommt, lasst uns glücklich sein.

Ein Stück bitterer Gegenwart

Nein, das ist keine Ostalgie, keine recycelte Vergangenheit, keine Spaßgesellschaft DDR, keine Trabi-Bastelbude und kein Zonarium. Es ist ein Stück bitterer Gegenwart. Wir fahren Hunderte Kilometer durch Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, fahren über die tollsten Straßen durch düstere Dörfer. Hören bei Edeka einen Betrunkenen in die Weinflaschen fliegen, und die freundliche Kraft an der Kasse sagt nur: Heut werscht noch verrückt. Und sie erzählt, dass die Leute sich hier im Laden auf nichts mehr verlassen können. Dauernd liegt was Neues in den Regalen. Man ist ja wie entwurzelt, sagt sie. Früher war alles ganz übersichtlich. Und da ruft einer: Haben Sie Cidre, Frollein? Sie überlegt und sagt: Desch sagt mir jetzt nichts.

Die Leute sind total verunsichert, sagt Detlef Wedel vom Arbeitsamt Oranienburg. Die Männer mehr als die Frauen. Verkaufen sich schlecht und widersprechen nicht. Wünschen sich die Sicherheit der DDR zurück. Nicht aber die DDR. Frauen sind patenter. Gründen Ich-AGs rund ums Haus, nähen, pflegen, putzen. Hauptsache Arbeit.

Die feinsten Arbeitsplätze gibt es mitten in Dresden. In der gläsernen Luxuslimousinen-Manufaktur, wo VW sein goldenes Kalb herstellt, den Phaeton. Zwischen Lilien, Rosen und Monitoren sehen wir Facharbeiter in weißen Kitteln und weißen Handschuhen Traumkarossen zusammenbasteln. Die tonnenschweren Kunstwerke sind nach dem Sohn des Sonnengottes Helios benannt. Der donnerte zu mythischen Zeiten mit Papas 4 PS starkem Sonnenwagen durch den Himmel, schrammte das Firmament, riss ein Loch hinein und stürzte brennend in den Tod. Ja, ja, sie kennen hier das böse Ende des Göttersohnes natürlich, aber die Limousinen, die zwischen 60 000 und 110 000 Euro kosten, werden ohnehin eher von reiferen Herrschaften gekauft. Die holen das Luxusteil im "Salon" ab, wo es zur pompösen Licht- und Musikshow langsam aus dem Boden hochgefahren wird.

Indian Summer in Dresden

Am Abend schlendern wir zur Elbe runter, zum großen Canaletto-Panorama mit barocken Türmen. Indian Summer in Dresden, die Stadt ist schön wie nie: Der Vollmond scheint, Putten und Satyre toben im Zwinger, die Kreuzkirche leuchtet durch die Nacht, und die Tauben sehen ganz silbern aus, wenn sie durch die Lichtkegel fliegen. Von der Zitronenpresse herab, der prächtigen Kuppel der Kunstakademie, posaunt golden die Siegesgöttin Nike, ein Klarinettist bläst Bach am Fuß der Brühlschen Terrasse, Japaner blitzen durch die Stadt und über den Fluss, und ein Sachse erklärt seiner Frau, wer die Semper-Oper gebaut hat. No, sagt sie, da gönne mer doch mal vorwatscheln. Haben Sie nicht ein Buch geschrieben?, fragt die Frau auf der Straße und starrt Claudia Rusch an. Ja, sagt die verwirrte junge Autorin und kauft sich gleich eine Sonnenbrille.

Wir sitzen hoch unterm Dach in ihrer Wohnküche am Prenzlauer Berg von Berlin. Sie kocht Kaffee. Sieht aus wie ein rundes Schneewittchen: Schwarze Haare, weiße Haut, roter Mund und weites Kleid. Seit Wochen steht ihr Buch "Meine freie deutsche Jugend" auf den Bestsellerlisten, und nach jeder Lesung bedanken sich die Leute bei ihr. Das hat sie anfangs irritiert. Weil es doch so private Geschichten sind, dass sie sich schon ganz ausgeliefert fühlte und dachte: Mein Gott, nun wissen die alles von dir. Aber offenbar, sagt sie, haben die Leute genau die Antworten gesucht, die ich für mich gefunden habe.

Nach der Trennung ihrer Eltern zieht die Fünfjährige 1976 mit der Mutter von Rügen an den Rand von Berlin. Zu den Freunden Katja und Robert Havemann. Der war Staatsfeind Nummer eins, und vorm Haus wimmelte es nur so von Stasi-Männern. Der Regimekritiker nennt sie Kakerlaken. Das merkt sich das Kind. Und als sie zehn Jahre später einen Freund im Studentenheim besucht, sagt der, dass überall Kakerlaken rumliefen. Die meisten versteckten sich hinter der Spüle. Hinter der Spüle? Wie viele sind es denn? Keine Ahnung, sagt der Freund. Vielleicht 200. Du lieber Himmel, denkt Claudia und stellt sich 200 Stasi-Leute hinterm Abwasch vor. Und erfährt, das es auch noch anderes Ungeziefer gibt.

Erinnerungen eines hellwachen Kindes. Sitzt im überfüllten Zug auf dem Schoß eines Volkspolizisten und erzählt Witze über Honecker. Klar. Hört sie ja von Mama und den Havemanns. Und alle im Waggon kichern schon. Und die entsetzte Mutter sagt mit ihrer süßesten Stimme: Kind, wo hast du bloß diese Witze her? Ich muss wohl mal mit deiner Lehrerin ein ernstes Wort reden.

Mitmacher, Stillhalter und Hohlköpfe

Sie schreibt das alles in einem wunderbaren Ton. Schreibt von Mitmachern, Stillhaltern und Hohlköpfen, von Akten, Angst und Verrat, und nun sagen ihr die Ossis: Das verstehen die Leute da drüben nicht. Das verstehen nur wir. Stimmt doch nicht, sagt sie. Aber sie hat den Eindruck, die wollen das für sich behalten. Wollen keine echte Verständigung. Nicht im Osten. Und auch nicht im Westen. Wir sind ja auch völlig verschieden sozialisiert. Unterschiedlich wie Franzosen und Kubaner. Ich glaube, sagt sie, erst mit meiner Generation wird das Gefühl "Die verstehen mich nicht" aussterben.

Wir fahren an die Ostsee. Fahren durch verlorene, verlassene Orte. Von Pasewalk bis Anklam - kein Mensch auf der Straße. Viele Dörfer lang. Nur Beton und geschlossene Fenster. Keine Kneipe, kein Geschäft, keine Post und keine Bank. Trostlos. Durch Stralsund läuft ein junger Mann mit Transparent: Jesus rettet. Er spricht mit Leuten, erzählt vom Herrn, der ihnen hilft. Da sagt so ein Kerl hinter ihm: Hau bloß ab mit deinem Turner. Von dem krieg ich auch keinen Job.

Arbeitslose lungern unter Bäumen und trinken Bier. Einer erzählt uns von Armee, Bereitschaftspolizei, Stasi-Haft und der Stralsunder Werft, wo er 17 Jahre gut verdient hat. Nach der Wende war dann alles aus. Arbeit weg, Freundin weg. Ich bin am Ende, sagt er. Mit 45. Und die Ausländer kriegen alles hinten und vorne reingesteckt. Ich hab nichts gegen Ausländer. Aber sie sollen bloß abhauen.

Wenn Tim Dornbusch solches Geschwätz über Ausländer hört, könnte er in die Luft gehen. Sein Vater hat vor zehn Jahren den "Roten Oktober" in Zinnowitz auf Usedom gekauft, das ehemalige Erholungsheim für die Wismut-Arbeiter. Aus dem hässlichen Riesenkarton am Ostseestrand ist ein Sport- und Ferienhotel geworden mit Bernsteintherme und Meerwasserbad, mit finnischer Sauna, chinesischer Massage, Hamam und Rasul.

Wir sitzen einen langen Abend auf der Terrasse bei Wein, Wasser und Wodka, und Dornbusch hält eine Philippika: 20 Prozent Arbeitslosigkeit? Hier auf Usedom? Stimmt nicht. Ich suche Kellner und Zimmermädchen und krieg sie nicht.

Keine Fotos! Keine Namen

Wir erzählen von der Kneipe, wo wir fotografieren wollten. Keine Fotos!, sagte einer. Keine Namen. Plauderte aber stolz seinen Trick aus: Kriegt Arbeitslosengeld, ist damit versichert, jobbt, wenn er Lust hat, macht 800 Euro extra und 600 Euro Trinkgeld. Seine Mutter vermietet Ferienzimmer. Auch schwarz? Na klar. Findet er das nicht undemokratisch? Wieso, sagt er, ich zahl doch nicht für diesen Staat.

Und wir dürfen keine Ausländer holen, sagt Tim Dornbusch. Keine Polen. Keine Tschechen. Das ist für mich Apartheid. Leute, die arbeiten wollen, werden ausgesperrt. Lasst bloß die Polacken nicht rein!, das hört er immer wieder.

Also er hat zum Beispiel einen türkischen Bademeister fürs Hamam geholt. Und was sagt die Tute vom Landesamt, die zuständig ist? Der Mann muss gehen. Der nimmt einen Arbeitsplatz weg. Und ich soll hier vielleicht einen Räucherkerzenheini einstellen, der vom Hamam keine Ahnung hat!

Das ist der Casus, sagt Tim Dornbusch. Die Politiker werden von ihren Beamten blind und dumm gehalten. Und die Gesellschaft verroht. Er sieht es doch an den Azubis. Die sind schlimmer als Pisa, sagt er. Kein Dreisatz, keine Ahnung, was ein Komma ist. Interessiert sind sie nur an freien Tagen. Ein Beispiel: Reformationstag. Sagt einer: Morgen ham wa frei. Wie bitte? Ja klar, da ist doch son Revolutionstag. So? Was für einer denn? Weiß ich nicht. Bin ich katholisch?

Feine Hotels, feines Essen, feine Limousinen

Ahrenshoop am Darß ist der reine Luxus. Für Ost und West. Reetgedeckte Häuser, Fachwerk, feine Hotels, feines Essen, feine Limousinen. Zu DDR-Zeiten trafen sich Bonzen und Künstler hier. Brecht kam mit Weib und Mätresse, und Johannes R. Becher, Dichter und Kulturminister der DDR, schrieb über seinen Urlaub im Seebad: Die Gräber von Liebesleidenschaften, die ich dort zurückließ, scheinen mir spurlos überwachsen zu sein.

Haben Sie die Ahrenshooper Tagebücher von Becher?, frage ich den netten jungen Buchhändler. Wie schreibt der sich? Becher wie Tasse, sage ich. Kennen Sie ihn nicht? Nein, sagt er, ich bin noch nicht lange hier.

Ach, so was kenn ich auch, sagt die Galeristin Sabine Peters-Bahrenbrock. Hier gibt es keine Rechten und keine Kampfhunde, aber hier gibt es auch kein Geschichtsbewusstsein. Neulich war Joachim Gauck da. Die Bedienung im Restaurant unten hatte keine Ahnung, wer das ist. Aber ihr kennt doch die Gauck-Behörde, sagte sie. Nein, nie gehört.

Wie sieht sie hier den Unterschied zwischen West und Ost? Die Westler, sagt sie, wollen gut wohnen, gut essen und gut trinken. Das ist bei den Ostlern verschütt gegangen. Da ist nichts mit Lebensart und Kultur. Die wollen nur tolle Autos.

Sozialistische Ikone

Wir reden über die große Berliner DDR-Kunstausstellung, in der Walter Womacka, der wichtigste Staatsmaler der DDR, nicht vertreten ist. Sie findet das falsch. Dieselbe Methode wie in der totalitären DDR. Unerwünscht und abgelehnt. Und sie erzählt von Womackas berühmtestem Bild, dem Paar am Strand. Er liegt, sie sitzt, und hinten rauscht das Meer. War in jedem Schulbuch, sagt sie. Und jeder musste einen Aufsatz darüber schreiben. Jeder. Sie auch. Und sie war verliebt damals und litt und versenkte sich ins Bild. Er und ich am Meer. Nur wir beide. Also dieses Bild, diese sozialistische Ikone, die hat sie schon sehr geprägt. Wollte auch immer wieder ans Meer. Und da bin ich jetzt, sagt sie und lacht.

Wir fahren noch einmal nach Usedom, nach Loddin, zu Walter Womacka. Der bald 80-Jährige verbringt den Sommer hier hoch über dem Bodden mit seiner Frau. Es gibt Kaffee und Kuchen, und wir fragen nach dem berühmten Bild. Wer sind die beiden eigentlich?

Meine Tochter und mein jüngerer Bruder, sagt er. Die "Berliner Zeitung" hatte das Bild in den Sechzigern auf einer Doppelseite veröffentlicht. Von da an begann der Siegeszug durch Schulen und Mädchenzimmer. Kränkt ihn, den einst gefeierten Künstler, jetzt die Ausgrenzung in der großen DDR-Retrospektive? Ach, sagt er, die Zeit wird das alles klären. Früher waren es die Politiker bei uns, heute zieht eine Kunstmafia die Strippen. Sehen sie, sagt er, Baselitz war mein Schüler. Er hat Glück gehabt im Westen, ist aufgefallen, hat seine Bilder auf den Kopf gestellt und ist noch mehr aufgefallen.

Aber in der DDR, sage ich, wurden Sachen gefeiert, die es gar nicht gab. Richtig, sagt er. Und erzählt, wie Margot Honecker mal hier in Loddin bei ihm war. Die jubelte: Erich ist gerade in Thüringen gewesen. Also so gut wie da müsste es uns auch mal gehen, habe er gesagt. Die haben ihm natürlich alle nur nach dem Mund geredet, sagt Womacka.

Geld und Charakter

Ist doch ein Fortschritt, dass es das nicht mehr gibt, sage ich. Dafür geht man aber in Zeitungen ziemlich würdelos mit Politikern um, sagt er. Was stört ihn noch am Westen und der Wende? Dass heute jeder des anderen Konkurrent ist. Wir waren ja sicher eine Mangelgesellschaft. Aber jetzt bestimmt das Geld den Charakter.

Also Geld verdienen, sagt Bruder Thaddäus, ist doch so gut wie beten. Wenn ich Geld verdienen kann, werd ich ganz wach. Der Franziskaner lebt seit zehn Jahren mit Arbeitslosen auf dem Franziskushof in Zehdenick. Sie pflanzen Gemüse, schlachten Schweine, machen Marmelade, verkaufen Käse aus der Uckermark und Honig aus allen Ecken Brandenburgs.

Und woher hat er den Hof? Eines Tages, als er in Berlin Unter den Linden Trockenblumen verkauft, sagt ihm der Mann am Stand nebenan: Du kannst mein Haus haben, meine Frau und meine Kinder. Also das Haus, das waren Schweineställe und Getreidespeicher. Bruchbuden. Alles Müll. Egal. Er kauft den ganzen Klumpatsch vom Geerbten und zeigt das Anwesen seinen Brüdern. Die schlagen die Hände überm Kopf zusammen und sagen: Der ist ja irre.

Da ist der Irre mit der Drehorgel auf den Kudamm gegangen und hat Geld gesammelt. Schließlich musste der Hof ja saniert werden. Er hat seine Geschichte erzählt, und die Leute haben gespendet. Heute ist der Hof berühmt. Am Wochenende kommen sie mit Bussen an, essen, trinken, staunen und kaufen.

Und wir brauchen keine Sozialhilfe, sagt der Franziskaner, kein Wohngeld, keine Versicherung. Wir sind autark. Haben geschafft, was die da in Berlin nicht mehr schaffen. Haben Menschen gerettet.

Öde Orte, verwaiste Dörfer

Wir fahren weiter durch öde Orte, verwaiste Dörfer, Mollnitz, Bresch, tote Hose überall. Doch plötzlich liegt China vor uns. Direkt an der B 96. Zwischen grauen Bäumen, grauen Häusern und Schrebergärten.

Es ist die Himmelspagode, eine Kopie des gewaltigen Tempels aus Peking. Aber hier wird nicht gebetet, hier wird gegessen. Knusperenten mit kunstvollen Beigaben zu Zithern und Lauten vom laufenden Band. Und Drachen leuchten in die Nacht hinein. Und sechzig Chinesen aus Brandenburg bekochen und bedienen die Gäste, sprechen zierliches Deutsch und lächeln bis zum späten Abschied.

Wir tauchen wieder ein in den wilden Osten, fahren nach Thüringen zum Rockkonzert in Halberstadt. Abends um halb zehn nimmt "City" uns in die Zange, wir im blauen Opel, sie in silbernen Japanern. Ihre Fans warten am See vor der Stadt. Als die Silber-Pfeile mit uns in der Mitte aus der Dunkelheit auftauchen, teilt sich die Menge, und Hunderte verneigen sich vor ihren Idolen und jubeln und klatschen.

Dann fegen fünf Rocklegenden auf die Bühne und singen zu Budenzauber und Trockeneis vom Ost-Trott: Noch'n Bier, noch'n Bier, singen ihre alten Lieder von hundert Jahren Einsamkeit, die so kess und klug waren in der DDR, wo Ost und West Wand an Wand schliefen - und nichts voneinander wussten. Wie heute noch. Denn dieselben gelben Nelken welken von den Wänden, und du weinst, wie aus einem anderen Land. Wand an Wand.

Nach dem Konzert sitzen wir zusammen, und der Sänger Toni Krahl erzählt, wie Ute Mahler vor 20 Jahren das Cover für ihre Platte "Casablanca" machte. Damals hatten sie noch Haare und auch noch Hoffnung. Dabei war Toni 1968, nach dem gemordeten Prager Frühling, verhaftet worden. Er hatte gegen den Einmarsch der russischen Freunde protestiert. 18 war er, als er im Knast saß und sich später in der Produktion bewähren musste, in der Schlosserbrigade des VEB 7. Oktober.

Die Arbeiter haben ihn dann nur so angestaunt, weil er noch immer vom Sozialismus träumte. Aber ich wollte natürlich einen, der Spaß macht, sagt er. Wie in der ?SSR. Und Fritz Ruppel, der Gitarrist, erzählt, wie sie zu DDR-Zeiten in den Westen durften und ein paar ultralinke Studenten, so chinesische Trotzkisten, empört waren, dass sie kein Agit-Prop machten. Da haben die auf unseren Lastwagen "Haut ab nach drüben" gesprüht. Da wollten wir ja auch wieder hin, sagt Fritz. Aber doch nicht mit diesem Spruch! Wäre in der DDR doch staatsfeindliche Hetze gewesen. In Schwerarbeit mussten sie die Schrift schattenfrei abwaschen.

Die Ostler rücken zusammen

Die Wende fanden sie wunderbar. Aber der Traum von einer gemeinsamen Zukunft ist weg. Die Rocker merken es bei jedem Konzert. Die Ostler rücken zusammen. Sagen "die da" und meinen die da drüben im Westen. Sie haben hier doch immer eine Hoffnung gehabt - nach Ulbricht, nach Honecker, nach Krenz, nach Kohl. Und nun? Auf wen sollen sie nach Schröder warten? Auf Amerika?

Wir fahren durchs Burgenland, durchs Märchenland des Ostens, durchs Herz von Saale und Unstrut, fahren über die Hohe Schrecke und die Kahle Schmücke, durch sanfte Weinberge und Stoppelfelder, goldgelb wie die Sonnen von van Gogh.

Aber plötzlich sehen wir Blau. Blaue Kittelschürzen. Eine auf dem Sandweg, eine in der Tür, eine hinterm Fenster, eine auf der Treppe. Wir grüßen, und die alten Damen sind zum Schwatzen bereit. Hier hat ja jeder seine Bank vor dem Haus. Wir sind in Günserode.

Wie es geht? Na, schlecht, sagen sie vergnügt. Hier ist doch alles kaputtgegangen. Keine Dosenfabrik mehr, keine Holzwaren, keine Zuckerfabrik. War alles nach der Wende weg. Und was haben sie gemacht? Den Ort gefegt. Die Wanderwege sauber gehalten. Und Blumenrabatten angelegt. ABM-Maßnahmen. Mehr gab's ja nicht. Und das zehn Jahre vor der Rente. Gibt es die alte Solidarität noch? Wie bitte? Da müssen sie lachen. Solidarität? Nach der Wende ist doch einer dem andern sein Deibel geworden!

Also dazu hat der Sohn nun was zu sagen. Er hat die ganze Zeit am Haustor gesessen und hebt jetzt an: A Mensch is a Mensch, sagt er. Aber wenn der in die Partei geht, ist er keiner mehr. Als Kohl kam, sind doch fast alle in die CDU eingetreten. Und die haben die anderen hier dann nicht mehr gegrüßt. Kohl hat doch alles in die Grütze gesetzt. Warum hat er unsere Dosenfabrik geschlossen? Hier wird doch immer noch eingemacht.

Kaum Arbeit, kaputte Ehen

Wird auch noch geheiratet? Nee, sagt er. Geschieden wird. Wenn von uns einer woanders eine Arbeit kriegt, sucht sie sich doch gleich einen neuen Bock. Bei uns sind alle Ehen kaputtgegangen. Hier gibt es ja überhaupt nichts mehr. Keinen Laden, keinen Arzt, keine Post. Nur noch den Bäcker. Der hat auch Klopapier. Also wir sind die armen Schweine der Nation.

Aus dem Westen also überhaupt nichts Gutes? Doch, sagt eine, wir haben jetzt Telefon. Und da sitzen sie in ihren blauen Kittelschürzen in der Abendsonne. Im Winter, sagt eine, gucken wir ja fern. Aber im Sommer sitzen wir hier auf der Bank und gucken in die Ewigkeit.

Birgit Lahann / print