HOME

Parkhäuser, Supermärkte, Bürogebäude: Warum auf den Dächern von Discountern noch genug Platz zum Wohnen ist

Die Wohnungsnot in Deutschland wächst, insbesondere in den Großstädten – dabei sei vielerorts genügend Platz, meinen Experten. Sie haben die "hässlichen Wunden der Stadt" im Blick: Die Dächer von Discountern, Parkhäuser und Bürogebäude.

Wohnungsnot: Discounter-Aufstockung

Auf dem Dach der Lidl-Filiale an der Bornholmer Straße im Bezirk Prenzlauer Berg sind Wohnungen entstanden. Bürogebäude, Parkhäuser und Discounter könnten einer Studie zufolge beim Kampf gegen Wohnungsnot helfen.

DPA

Direkt neben dem Pfandautomaten geht es hoch, oben drei Zimmer, Parkettboden, Terrasse. Ist der Kühlschrank mal leer, muss man zum Einkaufen nicht mal die Jacke anziehen. Auf den Dächern von Supermärkten könnten nach Einschätzung von Experten bundesweit Hunderttausende Wohnungen entstehen. Sie behaupten: Wenn man auch Bürogebäude und Parkhäuser aufstocken und Parkplätze klüger nutzen würde, könnte sich der gerade in Großstädten so kritische Wohnungsmarkt deutlich entspannen.

Bundesweit fehlen nach Schätzungen des Pestel-Instituts aktuell etwa eine Million Wohnungen. Eigentlich müssten jährlich rund 400.000 gebaut werden – im vergangenen Jahr seien es immerhin 300.000 Wohnungen gewesen, sagt Institutsleiter Matthias Günther. Doch vor allem im Rhein-Main-Gebiet, rund um Düsseldorf und Köln, Münster und Paderborn, nördlich von Hamburg, rund um Berlin, München, Stuttgart und Freiburg würden viele neue Wohnungen gebraucht.

Luftbilder als Hilfsmittel zur städtischen Nachverdichtung

Gerade in den Städten ist günstiges Bauland inzwischen aber rar. Oft ist zwar das Geld da, Kredite sind noch immer günstig, aber es fehlen die Flächen. Wissenschaftler der TU Darmstadt haben sich für ein Bündnis von Wohnungs- und Bauverbänden deshalb Luftbilder der Metropolen angeschaut und nach Platz für Wohnungen gesucht. 

Gefunden haben sie die "Narben der Stadtentwicklung", wie Studienleiter Karsten Tichelmann sagt: Einstöckige Supermärkte mit großen, asphaltierten Parkplätzen, pragmatisch gestaltete, "spröde" Parkhäuser mitten in der Innenstadt, anspruchslose Zweckbauten mit Büros und Geschäften. Würde man sie klug aufstocken, leere Gebäude und Parkplätze besser nutzen, könnten mehr als 1,2 Millionen neue Wohnungen gebaut werden, sagt Tichelmann - ohne einen Quadratmeter neues, teures Bauland. 

Ganz neu ist die Tichelmanns Idee nicht: Auch der Berliner Senat hat nachgerechnet und an 330 Standorten mit eingeschossigen Lebensmittelmärkten Potenzial für bis zu 36.000 Wohnungen ausgemacht. Eine Filiale mit Dach-Wohnungen hat der Discounter Lidl in der Nähe des früheren Grenzübergangs Bornholmer Straße gebaut. Mehrere ähnliche Projekte seien geplant, auch in München, Frankfurt und Hamburg, heißt es. Auch Aldi Nord will in Berlin rund 2000 Wohnungen bauen. Die ersten sollen im Frühjahr 2020 fertig sein, an 15 weiteren Standorten sei man in der Planung.

Wohnen beim Discounter: Bundesarchitektenkammer skeptisch 

Einfach Stockwerke auf alte Flachbauten aufsetzen, das geht nach Einschätzung der Bundesarchitektenkammer aber nicht. "Die Discounter wird man nicht überbauen können", meint Referatsleiter Paul Lichtenthäler. Zum einen seien die Gebäude dafür nicht ausgelegt, zum anderen aber nutze man das Grundstück mit dem oft großen Parkplatz dann ebenfalls nicht optimal aus. Doch natürlich sei es gut, wenn diese "hässlichen Wunden der Stadt" verschwänden. "Im Prinzip muss man abreißen und von vorn anfangen", sagt er – mit Tiefgaragen und Einfahrten für Lieferwagen, damit es morgens nicht zu laut werde. "Gegen Lärm kann man zwar mit Fenstern viel hinkriegen", sagt er. "Aber die Leute werden trotzdem merken, dass sie über einem Supermarkt wohnen." 

Auch Beispiele für Wohnen auf dem Parkhaus gibt es schon. In Köln setzten Architekten einem alten Parkhaus weiß verputzte Häuschen aufs Dach, zwischen ihnen eine kleine Dorfgasse, die an südeuropäische Fischerdörfer erinnern soll. Allerdings dauerte es Jahre, bis sie eine Baugenehmigung dafür bekamen. Das Planungsrecht müsse flexibler werden, fordern deshalb Bauverbände.

Oft lägen Supermärkte und Parkhäuser sehr attraktiv mitten in der Stadt, sagt Tichelmann. "Warum werden diese kostbaren Flächen freigehalten?", fragt er. In der Regel könne man die Wohnungen darauf relativ teuer vermieten: Guter Ausblick, Sonne, moderne Ausstattung. Zudem ließen sich gerade Parkhausdächer gut begrünen, da sie viel Last aushielten – hier könnten etwa Kindertagesstätten entstehen. Auch die sind in vielen deutschen Städten Mangelware.

Filialen mit Wohnbebauung eigneten sich aber nicht für jeden Standort, sagt Discounter Lidl. "Auf dem Land, in kleineren Städten und am Stadtrand benötigen wir eingeschossige Filialen mit großzügigen und kundenfreundlichen Parkflächen." Und auch in den Großstädten wollten die Leute sicher nicht in Industriegebieten oder an viel befahrenen Bahnstrecken leben, heißt von dem Unternehmen. 

Pärchen in neuer Wohnung
wlk / DPA