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EU prüft Ermittlungen: Verbotene Abgas-Absprachen? Brüssel fahndet nach Diesel-Kartell

Die EU-Kommission geht dem Verdacht nach, dass sich die großen Autohersteller bei der Abgasreinigung ihrer Diesel abgesprochen haben. Warum verbrauchen die Motoren so wenig "AdBlue"?

Nicht nur über Wolfsburg ziehen dunkle Wolken auf - die EU-Kommission fahndet nach einem Dieselkartell (Archivbild)

Nicht nur über Wolfsburg ziehen dunkle Wolken auf - die EU-Kommission fahndet nach einem Diesel-Kartell (Archivbild)

Kaum je war fast eine ganze Branche so im Visier der Justiz wie zurzeit die Autoindustrie. Staatsanwälte in Braunschweig ermitteln in Sachen VW, Ermittler in München bei Audi und die Stuttgarter Justiz hat sich Daimler und Porsche vorgenommen. Immer geht es um den gleichen Verdacht: Dass die Autobauer bei den Abgaswerten von Dieselmotoren betrogen haben.

Jetzt droht den Herstellern neuer Ärger aus einer weiteren Richtung. Ermittler der EU-Kommission prüfen, ob sie auch noch ein Verfahren wegen verbotener Kartellabsprachen eröffnen müssen. Offiziell bestätigt die Brüsseler Behörde das bisher nicht. Aber der Generaldirektion Wettbewerb der Kommission liegen nach Informationen des stern ernste Vorwürfe vor.

Geheime Absprachen in "Münchner Runde"?

Demnach könnten die großen europäischen Autobauer Absprachen getroffen haben, etwa in einer ominösen "Münchner Runde". Das Ziel: Die Abgasreinigung gemeinsam auf einem laxen Niveau zu belassen – indem man im Normalbetrieb nur eine begrenzte Menge Harnstofflösung ("AdBlue") in die SCR-Katalysatoren von Dieselmotoren einspritzt. Der Vorteil für die Konzerne: Das Auto kommt mit einem kleineren "AdBlue"-Tank aus und der Fahrer muss die klebrige Flüssigkeit nicht so oft nachfüllen. Die Kehrseite für die Umwelt: Aus dem Auspuff quillt mehr schädliches Stickoxid.

Unter der Leitung eines erfahrenen Beamten spricht ein Team von EU-Experten bereits mit möglichen Zeugen und sichtet Unterlagen. In der Tat ist auffällig, wie unisono die Autobauer bis vor Kurzem mit ähnlich lautenden Faustregeln zitiert wurden: Mit einem Liter "AdBlue" komme man etwa 1000 Kilometer weit – so etwa VW noch vor einem Jahr im Fall eines Tiguan. Daimler kalkuliert sogar heute noch mit "mittleren" Verbrauchswerten von rund ein bis 1,5 Litern. Sie könnten "bei einzelnen Modellen und entsprechender Fahrweise auch darüber liegen", erklärt Sprecher Jörg Howe.

Eigentlich müssten die Katalysatoren fünf Prozent dessen schlucken, was der Wagen an Kraftstoff verbraucht, rechnet Axel Friedrich vor, früher Abteilungsleiter Verkehr im Umweltbundesamt. Andere Experten sprechen von drei bis fünf Prozent. Das wären dann je nach Spritdurst 1,5 bis fünf Liter Harnstoff auf 1000 Kilometer.

VW und BMW verwiesen auf die Fahrweise

Doch bis heute versichern einige große Firmen, dass ihre Karossen diesen Wert locker unterbieten. Das ergab eine Umfrage des stern. Opel nennt bis heute bei den Modellen Crossland X und Vivaro einen "AdBlue"-Verbrauch von schlappen 0,7 Litern pro 1000 Kilometern. Die Diesel von Peugeot und Citroen kommen auf der gleichen Distanz nach Angaben des Herstellers mit mageren 0,8 Litern aus. Ein solch niedriger "AdBlue"-Verbrauch führe "zwangsläufig dazu", dass die Abgase nicht ausreichend entgiftet werden, glaubt Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Für ihn gibt es "den begründeten Verdacht, dass die Hersteller sich abgesprochen haben", um den "AdBlue"-Verbrauch auf der Straße zu verringern.


Bei VW wie bei Daimler bezeichnet man das gleichlautend als "Spekulationen". BMW reagierte nur indirekt auf die Frage nach möglichen Kartellabsprachen. Ein Sprecher bezeichnete "industrieweite" oder "industrieübergreifende Kooperationen" als "Optionen", etwa beim "Aufbau einer Infrastruktur zum Nachfüllen von 'AdBlue'". Auch bei Opel äußerte man sich nicht direkt zu dem Kartellvorwurf. "Die Tankgrößen bei Opel resultieren aus internen Anforderungen", sagte ein Sprecher.

Vielleicht aus Vorsicht machten BMW wie VW auf Nachfrage keine Angaben mehr, wieviel Harnstoff ihre Diesel schlucken sollten. Das hänge alles von der Fahrweise ab. Bei Tests soll sich gezeigt haben, dass Dieselautos nach jüngsten Software-Updates in der Tat etwas mehr Harnstoff schlucken – also das Abgas besser reinigen.

Diesel-Hersteller verbauen kleine "AdBlue"-Tanks

Aber auch heutige Modelle haben teilweise erstaunlich kleine Tanks. Selbst beim über zwei Tonnen schweren Audi Q7 sind es im Basismodell bloß 12 Liter. Daimler verbaut in viele Diesel bis heute Behälter, in die nur 8,5 Liter Harnstoff passen. Im Vergleich zur Konkurrenz seien die Tanks bei Daimler groß, versichert hingegen der Konzern.

Den Hersteller mit dem Stern verdächtigt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft explizit, den Harnstoff-Verbrauch bei einigen Modellen künstlich abgeregelt zu haben. Und der Motorenentwickler Ulrich Weiß wirft seinem ehemaligen Arbeitgeber Audi vor, mit einer Betrugssoftware den Verbrauch auf einen Liter "AdBlue" pro 1000 Kilometer gedrosselt zu haben – es sei denn, der Wagen stand auf dem Prüfstand. Das Unternehmen drohte Weiß darum schon im April mit einer möglichen Strafanzeige, hat diese aber bis heute nicht eingereicht.

Beim neuen Oberklassemodell A8 will Audi Ende des Jahres nun den "AdBlue"-Tank sogar verkleinern statt vergrößern – von 27 runter auf 24 Liter. Ein Sprecher des VW-Konzerns tut Fragen danach ab. Die Behältergröße sei "nicht bestimmend" für die Effizienz der Abgasreinigung.

So wie auch Daimler beteuert Audi immerhin eins: Man sei an Aufklärung interessiert – und kooperiere daher mit den Staatsanwälten.

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Mitarbeit: Frank Janssen